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Abduls Reise: Mit dem Smartphone durch die Flucht

Beeindruckende Einblicke in den Alltag einer Flucht: Festgehalten in Bild und Ton.

  • Von Jan Brock und Elsa Koester
  • Lesedauer: 6 Min.
Zehn Tage lang begleiten wir Abdul auf seiner Flucht von Izmir nach Malmö. Dabei wird er selbst zum Reporter - und wir zu Fluchthelfern. Von Schwimmwesten, bewaffneten Schleppern und einem Staatsbesuch: Teil eins der Reportage.
Auf dem Boot über das Mittelmeer. Abdul geht den Weg vieler. Und nimmt uns mit auf seine Reise.
Auf dem Boot über das Mittelmeer. Abdul geht den Weg vieler. Und nimmt uns mit auf seine Reise.

Abdul ist 25 Jahre alt. Und ein Sprachgenie. Eben ein verdammt kluger Kopf, ein Brain nennen wir ihn. Er spricht Arabisch, Französisch, Hebräisch, Griechisch, Norwegisch und Englisch, hat in Syrien zwei Highschools gleichzeitig abgeschlossen und beherrscht den orientalischen Bauchtanz perfekt.

Vorstellung Abdul

Abdul hat Syrien verlassen, um seine Mutter von Dubai aus zu unterstützen. Jetzt kann er nicht mehr zurück. Der IS würde ihn umbringen, da ist er sich sicher. Also macht sich Abdul auf den Weg nach Schweden, wo Tanten, Onkel und Cousins auf ihn warten. Als wir ihn zusammen mit seinen Freunden Firat und Gaith in Izmir treffen, sind sie kurz vor der ersten Etappe nach Lesbos. Und wollen unbedingt ihre Geschichte erzählen.

So wird Abdul zu unserem Flucht-Korrespondenten. Und Socialmedia-Trainer. Wir führen Interviews über WhatsApp-Sprachnachrichten und Chats. Er schickt uns Fotos, Handyvideos, Textschnipsel: aus dem kleinen Schlauchboot nach Lesbos, aus Bussen, Lagern und von Fähren. Es wird eine Geschichte der Flucht, wie sie zur Zeit Hunderttausende erleben. Von der Türkei nach Lesbos, von Griechenland über den Westbalkan nach Österreich und Deutschland. Ein harter Trip. Normalität in Europa, erzählt in drei Kapiteln.

Unsere WhatsApp Kommunikation
Unsere WhatsApp Kommunikation

Während unseres Reportageprojekts gerät die Arbeitsteilung durcheinander. Nicht mehr wir berichten, sondern Abdul. Und während wir auf seine Beiträge warten, werden wir zu Fluchthelfern. Wir versorgen ihn mit aktuellen Informationen zu den Grenzen, zu Fährzeiten und Preisen, wir telefonieren mit Unterstützern. Als Abdul beklaut wird, bieten wir ihm Geld an. Vielleicht verändern wir damit die Geschichte, die wir begleiten wollten. Wahrscheinlicher aber ist, dass wir einfach ein Teil von Abduls Geschichte sind. Wenn wir ihn in Schweden treffen, wollen wir gemeinsam Kanu fahren gehen.

Kapitel eins. Schwimmwesten und ein Staatsbesuch.

Auf den Basaren Izmirs gibt es einen neuen Verkaufsschlager. Schwimmwesten. Die orangefarbenen sind der Klassiker. Helfen ein paar Stunden. Die Blauen sind schon seltener zu finden. Das sind teure Markenwesten. Angeblich die besten, sollen bis zu 12 Stunden über Wasser halten. Abdul hat sich so eine besorgt. In der türkischen Ägäis-Stadt bereitet sich unser Kurzzeit-Korrespondent auf die Überfahrt zu den griechischen Inseln vor. Wie in diesem Jahr rund 500.000 weitere Flüchtlinge vor ihm. Von den Billigwesten rät Abdul ab. Die Ausrüstung für Wassersport soll keine 30 Minuten vor dem Ertrinken retten.

Abduls Reise - Die Schwimmweste

Die Viermillionen-Stadt Izmir ist zum Drehkreuz für Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten auf dem Weg Richtung Europa geworden. Und ein Hauptquartier für Schleuser. Abdul hat bereits Kontaktnummern gesammelt. Das ist nicht schwer, die sind auf Facebook zu finden. Inklusive Schlepper-Bewertung. Für Abdul kostet die Überfahrt nach Lesbos 1400 Euro. Mit einem klassischen 9-Meter-Schlauchboot, 45 Personen, sichere Überfahrt, steht in der Anzeige. Abduls Freunde Firat und Gaith entscheiden sich für andere Schleuser. Im Hostel kommt es zum Abschied. Abdul hat keine Angst, beteuert er. Und dann fließen doch die Tränen. Wir werden uns wiedersehen, Incha’Allah. Doch das soll dauern, länger, als die Freunde befürchten.

Am türkischen Strand trifft Abdul zum ersten Mal auf die Männer, die ihn nach Lesbos bringen wollen. Die freundlichen Stimmen am Telefon tragen nun Pistolen in den Händen. Im Befehlston treiben die Männer Abdul und die anderen Geflüchteten in die Boote. Männer, Frauen, zehn kleine Kinder.

Abduls Reise -Der Schmuggler

Die Bilder aus dem Boot muten komisch an. Wie in einem Urlaubskatalog. Das azurblaue Mittelmeer legt sich geradezu idyllisch um das kleine Boot. Glatt wie Olivenöl, wie man am Mittelmeer sagt. Ein schöner Tag. Sieht aus wie ein Katzensprung: Nur zehn Kilometer ist Lesbos von der türkischen Küste entfernt. Trotzdem kentern immer wieder voll besetzte Boote. Allein im September waren es zwei. Mindestens. Um die 100 Tote. Wer schwimmen kann, schafft es manchmal noch bis Lesbos. Aber dass kleine Kinder auf den Inselfriedhöfen beerdigt werden, ist keine Seltenheit.

Abduls Reise - Das Meer

Abdul und seine Bootsgefährten haben Glück. Ohne Zwischenfälle erreichen sie den Strand von Lesbos. Jubel bricht aus. Ein Meer von Schwimmwesten erzählt von hunderten, tausenden ebenso glücklichen Vorgängern. Erleichtert werfen Abduls Weggefährten ihre dazu.

Abduls Reise - Die Ankunft

Zu Fuß geht es vier Kilometer weiter nach Moria, eines der drei Flüchtlingslager der Insel. Die erste Euphorie der Ankunft legt sich schnell, als Abdul einen Hilferuf seiner Freunde erhält. Firas und Gaith treiben auf dem Mittelmeer, ihre Boote sind funktionsuntüchtig. Er sendet uns den Hilferuf weiter. Wir überlegen, das Alarmphone anzurufen, eine Notruf-Einrichtung der Initiative »Watch the Med«, die in solchen Fällen die Küstenwachen verständigt und unter Druck setzt. Doch kurze Zeit später kommt Entwarnung: Die Bootsinsassen sind auf der griechischen Insel Chios angekommen, alle unverletzt. Thank God, sagt Abdul.

Abduls Reise - Der Staatsbesuch

Inzwischen ist Abdul in Moria angekommen. Die Zustände sind katastrophal. Nicht genug Essen, nicht genug Zelte, kaputte Toiletten und kaum medizinische Versorgung. So sieht es hier seit Jahren aus.

Die SYRIZA-Regierung hat mit ihren leeren Staatskassen wenig ausrichten können. Aber wenn Premier Tsipras mit Österreichs Kanzler Werner Faymann vorbei schaut, wird schnell aufgeräumt. Abdul ist vor Ort, um sich das Spektakel »Staatsbesuch« anzuschauen. Angenehm leer sind die Lager. Plötzlich ist genug Platz für alle da. Die meisten Flüchtlinge wurden vorher nach Athen gebracht. Abdul filmt das Spektakel. Und entscheidet sich, Pikba aufzusuchen: das selbstorganisierte Lager der Insel.

Abduls Reise - Pikpa Camp

Europäische Freiwillige sorgen hier für eine gute Versorgung, unterstützt durch Spenden. Ein Ort der Ruhe nach der gefährlichsten Fluchtetappe über das Meer und vor der beschwerlichen Reise durch den Westbalkan. Auch Abdul ruht sich aus. Noch neun Tage liegen vor ihm.

Eine Fähre der griechischen Regierung bringt ihn am nächsten Tag weiter nach Athen. Hier wollte er eigentlich Firas und Gaith treffen. Doch dafür ist keine Zeit. »Go, go!« ruft die Polizei, die Flüchtlinge werden aus der Fähre in den Bus getrieben. Er bringt sie nach Evzoni nahe der mazedonischen Grenze in ein weiteres Lager. Abdul hält sich hier nur wenige Stunden auf, hilft bei Übersetzungen und versucht sich als Babysitter. Zu Fuß geht es weiter über die Grenze nach Mazedonien. Der Weg ist schlammig, es ist kalt und dunkel. Auf der anderen Seite wartet der Zug zur serbischen Grenze.

Lesen Sie wie es weiter geht im zweiten Teil:

2. Teil: Die Westbalkanroute

3. Teil: Österreich und Deutschland. Ab hier sind wir sicher.

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