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Die Rache der Schwachen

Das Rechercheprojekt »BiestA« über funktionale Analphabeten im Theater unterm Dach

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Das Rechercheprojekt »BiestA« im Theater unterm Dach widmet sich funktionalen Analphabeten. Das Schauspiel von Anne Schneider lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Welt der Entrechtung, Demütigung und Ausbeutung.

7,5 Millionen funktionale Analphabeten gibt es derzeit in Deutschland. Wie sie sich, meist voller Beschämung, durchs textlastige Alltagsleben der Einkaufslisten und Beipackzettel, der SMS und Twitternachrichten lavieren, schildert Anne Schneiders hoch konzentrierter Theaterabend »BiestA« im Theater unterm Dach. Dieses Kammerspiel zweier Schauspielerinnen, eines bildenden Künstlers und einer schwebenden Holzkonstruktion malt zugleich aus, welche dramatischen Folgen zu gut gemeintes Helfenwollen haben kann, wenn die Hilfeleistung die Adressaten beschämt. Daher wird »BiestA« sogar zu einem ganz aktuellen Stück über die Tücken der Hilfsbereitschaft.

Die Welt von Eunice ist anders. Darauf bereitet schon das phänomenale Bühnenbild (Ausstattung: Giulia Paolucci, gebaut von MBW) vor: eine die gesamte Bühne einnehmende Holzkonstruktion, die wie eine Wolke wirkt, wie ein am Boden liegendes Segel, das durch eine plötzlich hineinfahrende Böe aufgebauscht wird. Auf dieser geschwungenen Fläche, unter ihr, und in den Lücken, die die Verstrebungen lassen, spielt sich das Leben von Eunice ab. Lesen und Schreiben hat sie nicht gelernt. Sie fällt tief in die Schlaglöcher des Alltags, wenn sie Produkte kaufen soll, deren Verpackung sie noch nicht kennt oder wenn sie den richtigen Bahnsteig für einen Zug finden soll. Unsicher ist dann der Untergrund, auf dem sie operiert. Zuweilen muten die Löcher der Holzkonstruktion aber auch an wie Leerstellen, die man sich landläufig im Gehirn vorstellen mag, Aktivitätszonen, die gewöhnlich mit der Entschlüsselung von Schriftzeichen in Verbindung stehen und nun tot, ungenutzt, leer erscheinen.

Sabine Werner spielt diese Eunice als servile und überengagierte Person, die mit Freundlichkeit und Unterwürfigkeit ihre Schwäche zu verstecken sucht. So bekommt sie denn auch den Job als Haushaltshilfe bei den großbürgerlichen Coverdales. Die höfliche Arbeitsoberfläche von Eunice schlägt aber in eine bockige und verstockte Haltung um, wenn jemand kurz davor ist, ihr Geheimnis zu entdecken. Als es dann passiert, ist die Rache der sich bloßgestellt fühlenden Frau furchtbar. Schneider kontrastiert diese Kriminalgeschichte auf der Grundlage eines Thrillers von Ruth Rendell mit Gesprächsfetzen aus Interviews, die sie mit Analphabeten in Deutschland führte. Schelmische Geschichten des cleveren Versteckens und Verbergens treten dabei zutage. Aber auch furchtbare Geschichten des Ausnutzens dieser Schwäche. Eine Frau glaubte, ihre Unterschrift unter ein Dokument gesetzt zu haben, dass die Ehe mit ihrem jüngst verstorbenen, von ihr getrennt lebenden Ex-Mann bestätigte. Tatsächlich war das unterschriebene Dokument jedoch eine Rechnung für die Beerdigungskosten. Eine andere Frau bemerkte nach der Reise mit ihrem Geliebten in die Türkei und dortiger Hochzeit, dass sie mit dessen Bruder verheiratet ist. Genau das beglaubigte ihre Unterschrift unter dem Ehedokument.

Schneiders Schauspiel- und Rechercheprojekt lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Welt der Entrechtung, Demütigung und Ausbeutung, die auch zur Welt derjenigen gehört, die ins Theater gehen, Dramen und Kritiken lesen und schreiben und sich des analphabetischen Kosmos gar nicht bewusst sind. Die Art und Weise, in der Eunice schließlich die Hilfe ihrer Arbeitgeberfamilie ablehnt, Lesen und Schreiben zu lernen, ruft ins Bewusstsein, dass gut gemeinte Hilfe noch lange nicht gut gemacht ist, und Hilfeerbieten denjenigen, dem geholfen werden soll, eben auch infantilisiert. Der Besuch einer Aufführung von »BiestA« bietet sich als Pflichtprogramm aller Deutschkurs-Anbieter für Geflüchtete an.

Zuallererst handelt es sich aber um einen sehr starken Theaterabend, mit einem exzellenten Bühnenbild und zwei Spielerinnen, die die Seelenzustände ihrer Figuren gut auszuloten wissen. Wicki Kalaitzi übernimmt dabei die Aufgabe, den gesamten Figurenkosmos rings um Eunice darzustellen.

Nächste Vorstellungen: 15., 16., 31.Oktober, 20 Uhr. Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg

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