Von Mathias Schulze

Che Guevara mit Staubsauger

Ungefiltert, ungeschminkt: Manfred Maurenbrecher stellt sein neues Album im Zebrano vor

Augenzwinkernd schon das Cover der neuen Platte: Manfred Maurenbrecher lächelt im Che-Guevara-Stil von einem roten T-Shirt, das junge, weibliche Rundungen zu betonen weiß. Im Hintergrund, ganz verschwommen, sitzt der Berliner Liedermacher, Jahrgang 1950, und studiert das Weltgeschehen in klassischer Weise: mit einer Zeitung, Printausgabe.

Ein Mentor? Auf jeden Fall zieht »Rotes Tuch«, so der Name des aktuellen Albums, mitsamt des grummelig-verratzten Sprechgesangs schon wieder preisgekrönte Runden. Nach 2005 und 2013 hat Maurenbrecher auch in diesem Jahr den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten. Man gönnte es ihm. Auch ohne die verästelten Wege seiner Kabarettkarriere zu beleuchten, lohnt es sich, bei Maurenbrecher nachzufragen.

Was macht also ein politisches Lied aus? Zur Antwort gibt es Grundlegendes: »Ein gutes und politisches Lied beschreibt die Wirkung von Macht auf Menschen. Und indem es das beschreibt, zeigt es den Mechanismus, macht ihn durchschaubar. Randy Newman ist groß darin. Brecht konnte das auch. Lieder mit Slogan-Charakter sind mir dagegen eher unwichtig, manchmal sogar zuwider.«

Da ist er, der Maurenbrecher-Stil, zweifellos geschult in der Berliner Lesebühnenszene. Viele Songs sind zeiterprobte Reportagen, kleine Verbeugungen vor Franz Josef Degenhardt. Maurenbrecher beobachtet. Doch schon im Bericht, und zwar sobald der durchschaute Machtmechanismus ins Alternativlose kippt, fängt er an zu toben. Nun wird der Flügel zur Waffe, seine langjährige Band schenkt ihm dabei zuverlässig ein knirschendes Parkett, auf dem sein wild-brummendes Spiel tanzen kann.

»Rotes Tuch« ist eine Band-Platte mit solistischen Einsprengseln. Dramatisch, karg, rockig, ungebremst, schabernackend, politisch. Da gibt es Klassengeschichten aus seiner Generation. Großartig, wie er in »Wer hat, der kriegt« den kulturbeflissenen Alt-68er mimt, der der Smartphone-Generation selbstherrlich ein unbezahltes Lektorat anbietet. Daneben stehen Liebeslieder ohne Plastikgeschmack, in »Aufbruch« heißt es: »Es tut gut, so zu fahren / In seltener Einigkeit, / Mit den Kletten aus Jahren. / Sei bedankt und bereit.«

Maurenbrecher vertont das Gefühl, in der Bedrängnis zu leben. Und die Freude, überhaupt dabei zu sein. Das »Rote Tuch« ist ein Album, das den intellektuellen Erzähler mit dem verspielten Songschreiber erlöst. Mit dem Lied »Staubsauger« erinnert er noch einmal an die ehemalige Kabarettgruppe »Mittwochsfazit«. Im entsprechenden Video wird herumgekaspert: Aller Dreck muss weg? Genervt vom eigenen Ich? Gequält vom Zwischenmenschlichen? Die ironische Antwort ist immer dieselbe: »Da muss ’n Staubsager ran, / da muss ’n Staubsager ran, / da muss ’n Staubsauger ran, / der alles staubsaugen kann.«

Konsumkritik mit Maurenbrecher, Lethes Zauberkraft kann man heute im Supermarkt kaufen. Ja, ganz bestimmt! Das »Rote Tuch« ist Rückblick und Vorausschau. Wird dem Maler vorgeworfen, dem Meeresbild fehle das bunte Farbzeug, dann antwortet er stellvertretend für alle Künstler: »Was quält euch? / Das ist ein andres Blau.« Maurenbrechers Freiheit, seit 1981 lebt er von der Liedermacherei. Bis heute ist er nicht vulgär, nicht massentauglich geworden. Mit »Elegie« liegt eine wunderbare Abschiedshymne vor, ein Einzelkämpfer in allgemeiner Häutung: »Bis hierher war ich Ich, / glaubte, ich wähl mein Hemd aus, / jetzt, wo das Hemd mir sagt, wohin, / seh ich mir selbst fremd aus. / Wo man uns gläsern macht, / Und alles lässt sich wissen, / jetzt lauf ich fröhlich in die Nacht, / fang an, mich zu vergessen.«

Gerade arbeitet Manfred Maurenbrecher zusammen mit Diether Dehm an einem Musical über Pete Seeger, zudem schreibt er an zwei Büchern. Wie immer wird er eigene Farben verwenden. Ein Mentor? Ein Eintrag auf seiner Homepage, ganz am Ende der biografischen Eckpunkte, gibt Auskunft. Dort steht geschrieben: »Neulich in der U-Bahn - die deutliche Stimme eines Embryos aus dem Bauch einer Mitfahrenden: ›Du wirst mir mal sehr viel bedeuten.‹«

Nicht nur für einige junge Liedermacher ist das schon heute Realität.

Manfred Maurenbrecher, Rotes Tuch, am 16. Oktober, 19.30 Uhr, im Theater Zebrano am Ostkreuz

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