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Ein Entwurf im Sinne von Kant

Michael Wolffsohn hat sich Gedanken gemacht, wie die Menschheit zu einem weltweiten Frieden gelangt

Er hat ein Buch über ein brennend aktuelles Thema geschrieben. Er will, dass dem Wahnsinn ein Ende gesetzt, die Menschheit ein für allemal von der Geißel Krieg befreit wird. Er spricht damit gewiss der Mehrheit der Erdenbewohner aus dem Herzen. Und er spricht Herzen an. Michael Wolffsohn, jahrelang Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität, hat nicht mehr und nicht weniger als einen Entwurf vorgelegt, wie man zum Weltfrieden gelangen könnte. Ehrlichkeitshalber betont er jedoch sogleich im ersten Satz: »Der Titel verspricht mehr, als ich halten kann.« Er fragt sich und die Leser rhetorisch, warum es ihm besser ergehen soll »als dem Geistesgiganten Immanuel Kant«. Nun, dieser wirkte in einer Zeit, als Vernunft und Recht auf dem Vormarsch waren und hat selbst maßgeblich die Aufklärung angestoßen, während heute der gesunde Menschenverstand und die Menschenrechte missachtet werden oder gar bereits vielfach beerdigt sind.

Der Verlag wirbt für dieses Buch mit dem Verweis, dass die Welt aus den Fugen sei, Staaten zerbrechen, Bürgerkriege sich ausbreiten, Terroristen Angst schüren und hunderttausendfaches Leid erzeugen. In der Tat, eine Krise jagt die andere und löst hektische Aktivitäten auf diplomatischem Parkett aus, doch der Tourismus in Sachen Friedenspolitik scheint keine Lösung zu bringen. Wolffsohn seziert die katastrophale Situation, die immer mehr Menschen am eigenen Leibe erleiden. Mit zahlreichen Fakten, eindrucksvollen Zustandsbeschreibungen und schonungslosen Analysen der globalen Lage versucht er eine Antwort auf die Frage aller Fragen zu finden: Wie kommt es zu Kriegen und wie werden wir sie wieder los? Allein aus diesem Grund sei die Lektüre dieses Buches jedem empfohlen, den die gleiche Sorge umtreibt, der sich nicht abfinden möchte mit der Welt, wie sie ist und sich auch nicht abspeisen lassen will mit fatalistischen Behauptungen der ewigen Pessimisten.

Allerdings verspricht auch Wolffsohn nicht, den Himmel auf Erden herbeizaubern zu können. Seine Zuversicht hält sich in Grenzen: »In meinem Buch stelle ich die These auf, dass nicht nur derzeit Staaten zerfallen, sondern dass in Zukunft noch mehr Staaten zerfallen werden.« Dennoch ist er, und dass macht das Buch sympathisch, nicht bereit zu kapitulieren, aufzugeben. Der Historiker fordert von der Politik, falsche Konzepte zu überwinden und nach neuen, tragfähigen zu suchen, die den realen Bedingungen gerecht werden. Mit seinem Anliegen »Frieden schaffen mit Kopfes Waffen« kehrt er auf seine Weise zu Kant zurück. In »Statt eines Schlussworts« äußert er sich zur weit verbreiteten Illusion, mit »humanitären Interventionen« alles Übel besiegen, destabilisierte Staaten wieder stabilisieren, Diktaturen stürzen und Demokratie exportieren zu können. Auch da ist er beim Königsberger Philosophen, der bereits vor mehr als zwei Jahrhunderten wusste: »So lange aber dieser innere Streit noch nicht entschieden ist, würde diese Einmischung äußerer Mächte Verletzung der Rechte eines andern abhängigen Volkes, selbst also ein gegebener Skandal sein und die Autonomie aller Staaten unsicher machen.«

Wolffsohns »politischer Entwurf« konzentriert und reduziert allerdings Analyse und Alternative zum Krieg und zum Zerfall von Staaten auf die mehrfach wiederholte These, dass unsere »Staatenwelt ein Kunstprodukt« und »als Kopfgeburt eine Totgeburt« sei. Als Ausweg hieraus preist er den Föderalismus, die territoriale und personale Selbstbestimmung innerhalb von Föderationen, Konföderationen und »Kommunikationsgemeinschaften«. Das sollte ein aufmerksamer und kritischer Zeitungsleser nicht gleich mit Verweis auf Syrien, Libyen, Jemen, Ägypten, Israel und Palästina, Irak oder Spanien, Irland, Belgien, die Ukraine, Russland und China leichtfertig abtun. Wolffsohn bringt gute Argumente vor, empirisch, historisch und theoretisch wohl begründete, zukunftsorientierte Überlegungen. Sie haben mich jedenfalls sehr nachdenklich gestimmt und meine Überzeugung verfestigt, die Europäische Union nicht nur als einen historischen Gewinn, sondern auch grundsätzlich (wenngleich nicht hinsichtlich ihrer Verfassungsgrundlagen sowie ihrer gegenwärtigen praktischen Politik) als ein Zukunftsprojekt zu verteidigen.

Indes wird sich Wolffsohn auch der Einwürfe stellen müssen, dass sein »Entwurf« sich angesichts der Realitäten und der von ihm selbst detailliert benannten Schwierigkeiten und Widerstände wie eine »Projektemacherei« (Rosa Luxemburg) lesen lässt. Der Autor fragt und fordert in den beiden letzten Sätzen seines Buches völlig zu Recht: »Wann fängt wer an, richtig zu denken und richtig zu handeln? Solange das nicht geschieht, ist der Weg zum Weltfrieden nicht einmal in Sicht.« Doch, und das wäre auch meine hauptsächliche Kritik an diesem Buch: Wenn die heutige Staatenwelt nur als »Kopfgeburt« abgetan wird und nicht auch begriffen wird, dass sie vor allem eine Macht- und Ausbeutungsgeburt ist, und dass Kommunikationsgemeinschaften, welcher Art auch immer, nicht ohne soziale Kommunikation, soziale Gemeinschaft sowie Selbstbestimmung (wirtschaftliche, soziale, kulturelle) funktionieren können, gerät der Weg zum Weltfrieden nicht in Sicht. Im Gegenteil, es ist zu befürchten, dass er weiter entrückt und Frieden eine unerreichbare Vision bleibt.

Michael Wolffsohn: Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf. Deutscher Taschenbuch Verlag. 216 S., br., 14,90 €.

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