Werbung

Auch fremder Schmerz tut weh

Forscher finden Verbindung bestimmter Hirnstrukturen mit Empathie. Von Kai Böhne

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Das menschliche Gehirn gewöhnt sich an den Anblick von Schmerz. Das haben Wissenschaftler der Universität Göttingen herausgefunden. Die Forscher hatten die Hirnstrukturen von Probanden untersucht, denen Fotos gezeigt wurden, auf denen anderen Menschen akuter Schmerz zugefügt wird. Über die Ergebnisse berichten sie in der Online-Fachzeitschrift »PLoS ONE« (DOI: 10.1371/journal.pone.0137056).

Empathie - die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu verstehen und nachzuempfinden - ist ein Thema, das zunehmend auch aus neurowissenschaftlicher Perspektive untersucht wird. Frühere Studien haben gezeigt, dass beim Beobachten von Schmerz teilweise ähnliche Hirnstrukturen aktiviert werden wie bei eigenen Schmerzerfahrungen. Das deutsche Wort Mitleid spiegelt somit einen neurologischen Sachverhalt ziemlich präzise wieder.

»Bestimmte Hirnstrukturen werden mit Empathie in Verbindung gebracht, weil sie sowohl dann aktiviert sind, wenn eine Person selbst Schmerzen hat, als auch, wenn jemand beobachtet, dass eine andere Person Schmerzen hat«, erklärt Mira Preis, Erstautorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Universität Göttingen. »Diese Hirnaktivierungen dürfen jedoch auf gar keinen Fall mit Empathie gleichgesetzt werden. Schließlich ist Empathie ein sehr komplexes Konstrukt, welches mit der Aktivierung bestimmter Areale nicht vollständig erklärt werden kann«, betont Mira Preis.

»Wir haben in unserer Studie sehr spezielles Bildmaterial genutzt: Fotos, auf denen ein Druckschmerz auf den Finger einer Person angedeutet wird«, erläutert Preis. Alle Fotos waren sehr ähnlich. Der Verlauf der Hirnaktivierungen wurde über einen Zeitraum von ungefähr 40 Minuten beobachtet.

Auf die Frage, ob sich die gewonnenen Erkenntnisse zu Gewöhnungseffekten auch auf Jugendliche, die sich täglich mit Egoshooter-Spielen beschäftigen, übertragen lassen, zeigt sich Mira Preis sehr zurückhaltend. »Um die Ergebnisse auf gewalttätige Videospiele konsumierende Jugendliche generalisieren zu können, müsste man überprüfen, ob es sich bei unseren Beobachtungen um Langzeiteffekte handelt: Ob wir die reduzierte Aktivierung bestimmter Hirnareale auch noch am nächsten Tag und in den nächsten Wochen beobachten können. Ob die reduzierte Aktivierung auch bei anderen Bildern, in anderen Situationen und bei anderen Schmerzarten feststellbar ist«, ergänzt Preis. »Außerdem bräuchten wir zusätzlich zu den neuronalen Daten unbedingt Verhaltensdaten, die wir über Empathiefragebögen oder Verhaltenstests ermitteln müssten. Empathie darf nicht mit einer bestimmten Hirnaktivierung gleichgesetzt werden«, betont sie noch einmal.

Die Göttinger Wissenschaftler untersuchten auch den zeitlichen Verlauf der neuronalen Reaktionen und überprüften, ob diese sich beim wiederholten Betrachten der Fotos verändern. »Wir haben herausgefunden, dass die neuronale Reaktion beim wiederholten Betrachten der Fotos abnimmt, bestimmte Hirnareale gewöhnen sich an den Anblick«, sagt Preis. »Dies ist umso erstaunlicher, weil die Probanden den Schmerz der beobachteten Personen im Verlauf der Untersuchung gleich einschätzten.«

Für Menschen, die regelmäßig mit dem Schmerz anderer Menschen konfrontiert sind, wie Ärzte, Pflegepersonal oder Angehörige von schwer kranken Patienten, könnte diese Gewöhnung eine sinnvolle Reaktion darstellen. »Diese Menschen können sich dann darauf konzentrieren, anderen Menschen zu helfen, ohne durch zu starke Emotionen gelähmt zu sein«, erläutert Preis den praktischen Vorteil.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen