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Was geht mich Auschwitz an

Anforderungen an den Holocaust-Unterricht in multikulturellen Schulklassen. Von Guido Speckmann

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Meine Geschichte kommt hier nicht vor«, »Mein Opa war kein Nazi«, »Was geht mich Auschwitz an« oder »Ich werde nicht mit meinen kulturellen Wurzeln wahrgenommen« - diese Aussagen hören Lehrer immer wieder im Geschichtsunterricht von SchülerInnen mit Migrationshintergrund, wenn es um Nationalsozialismus und Holocaust geht. Von einem Fall wie in Frankreich, als arabischstämmige Jugendliche mit den Füßen über die Behandlung des Themas abstimmten, ist indes noch nichts bekannt.

Dennoch stellt sich die Frage: Ist es noch angemessen, SchülerInnen in deutschen Klassenzimmern die genannten Themen aus dem Blickwinkel der deutschen Geschichte beizubringen, wenn bundesweit ca. jeder dritte Schüler eine Einwanderungsgeschichte hat und in Großstädten inzwischen mitunter eine Mehrheit der Schüler zwar in Deutschland geboren ist, aber aus Familien mit Migrationshintergründen stammt. Krieg und Völkermord - dazu fällt dem Herkunftsdeutschen als erstes Zweiter Weltkrieg und Holocaust ein (worauf sie häufig mit einer Relativierung des Täterhandelns reagieren). Kinder aus Familien, deren Eltern oder Großeltern aus Palästina, Bosnien oder Serbien eingewandert sind, haben dazu andere Assoziationen. Insbesondere zum Zweiten Weltkrieg gibt es zahlreiche Narrative. Schüler aus russischen Familien werden diesen über ihre Familie vermittelt als Großen Vaterländischen Krieg kennengelernt haben. Bei Schülern mit Wurzeln im früheren Jugoslawien existiert er als Partisanenkrieg gegen die faschistischen Besatzer. Und Jugendliche mit arabischen Wurzeln neigen dazu, den Holocaust durch die Brille der Täter-Opfer-Umkehr zu betrachten. Nach dem Motto: Die Juden, früher selbst Opfer, seien nun zu Tätern geworden.

Ihnen gemeinsam ist, dass sie spüren, dass der Schulunterricht noch stark von einer Art deutschen Leitperspektive dominiert wird, obwohl sie ihr Leben lang in Deutschland gelebt haben und somit Teil des gegenwärtigen Landes sind. Tatsächlich kam die Studie »Schule und Nationalsozialismus« über den Anspruch und die Grenzen des Geschichtsunterrichts zu dem Ergebnis, dass dieser nicht mehr leisten könne, als die »Einübung in die sozial gültig gemachten Redeweisen« über Nationalsozialismus und Holocaust. Das heißt vereinfacht: Was die Eliten in Politik, Medien und Wissenschaft über den deutschen Faschismus denken, wird in vermittelter Form an die SchülerInnen herangetragen. Diese Eliten haben allerdings bis auf wenige Ausnahmen keine Migrationsgeschichte.

Wissenschaftler und Pädagogen beschäftigen sich erst seit mehr als zehn Jahren mit diesen Fragen und insbesondere, wie die sogenannte Holocaust-Erziehung in multikulturellen Schulklassen aussehen kann. Anstoß dazu war auch die sich durchsetzende Erkenntnis, dass die dritte Generation der Migranten sich in immer höherem Maße als Teil der bundesdeutschen Gesellschaft versteht, wenngleich sie immer noch Ausgrenzung und Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft erfährt.

Wie aber kann eine Behandlung des Holocaust im Unterricht aussehen, die nicht die eingangs zitierten Aussagen provoziert? Zunächst zwei Antworten, die zwar nahe liegen mögen, dennoch aber in eine falsche Richtung gehen. Erstens muss vermieden werden, in die sogenannte Ethnisierungsfalle zu tappen. Bettina Alavi von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg meint damit einen Ansatz, Kinder mit Migrationshintergrund als Vertreter »ihres« Landes auftreten zu lassen. Andere Autoren sind sogar der Ansicht, dass dadurch Ausgrenzungsprozesse noch forciert würden, weil die Schulklasse in ein »Wir«, die deutsche Mehrheitsgesellschaft und ein »Die«, verschiedene Schüler mit unterschiedlichen Einwanderungsgeschichten, unterteilt werde.

Hinzu kommt zweitens das Problem der vorschnellen Gleichsetzung von Holocaust und anderen Genoziden. Jugendliche mögen sich stärker für andere Völkermorde, bzw. das, was sie dafür halten, oder für Kriegsverbrechen als für die Judenvernichtung interessieren - auch, weil sie sich dadurch in eine Opferrolle begeben können. Doch zwischen Genoziden und Holocaust besteht ein qualitativer Unterschied; letzterer ist ein radikalisierter Genozid.

Sowohl der Blick über den nationalen Tellerrand als auch der Vergleich der Shoa mit anderen Völkermorden ist wichtig, doch darf dies weder zu einer Ethnisierung oder religiös-kulturellen Ausfransung des Geschichtsunterricht noch zu einer Infragestellung des präzedenzlosen Judenmords kommen.

Was ein Weg sein kann, ist mit dem Stichwort Universalisierung beschrieben: dem Herausarbeiten, dass der Holocaust zwar im Wesentlichen von Deutschen begangen worden ist, aber eine Bedeutung hat, die über die Nationalgeschichte der Deutschen hinausgeht. Er ist längst zu einem globalen Symbol geworden, für das extremste Beispiel für die Verletzung der universellen Menschenrechte. Was abstrakt klingt, kann im Unterricht beispielsweise durch die Thematisierung des deutschen Asylrechts veranschaulicht werden. Dieses wurde als Konsequenz aus dem deutschen Faschismus in das Grundgesetz verankert. Der Vorteil dabei: Jugendliche aus Einwandererfamilien können eine Verbindung zwischen einem Kapitel deutscher Geschichte, zu dem sie wenig Bezug haben, zu einer Konsequenz aus dieser Historie herstellen, die für sie sehr wohl Relevanz hat. Weil etwa ihre Eltern oder Großeltern in Deutschland Asyl erhalten haben. Es gibt Projekte, die diesen Ansatz verfolgen. So stellt die Internetplattform zwischentoene.info Unterrichtsmaterialien für die »Vielfalt im Klassenzimmer« zur Verfügung und Institutionen wie das Haus der Wannsee-Konferenz oder das Jüdische Museum in Berlin tragen mit ihren didaktischen Konzepten dem Anspruch einer Holocaust-Erziehung in der Einwanderergesellschaft Rechnung.

Letztlich muss indes noch etwas hinzukommen: Es ist abwegig, SchülerInnen als Migranten zu bezeichnen, die und deren Eltern bereits in Deutschland geboren sind. Die Spaltung in das »Wir« der Mehrheitsgesellschaft und das »Die« der Migranten muss in der Gesamtgesellschaft überwunden werden. Erst dann werden sich die Schüler in den Klassenzimmern nicht mehr auf religiös-ethnische Zuschreibungen berufen und das Verlangen haben, beispielsweise das palästinensische Opfer-Narrativ vor den Holocaust zu schieben.

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