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Russisch »kot« oder ukrainisch »kit«?

Die Wurzeln des Ukraine-Konfliktes und die postimperiale Ordnung

  • Von Anastasia Müller
  • Lesedauer: 10 Min.

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Für den Westen, worunter wir gemeinhin die westlichen Industrienationen verstehen, stellt der flagrante Umbruch in der Ukraine eine Zäsur von viel größerer Tragweite dar als das Ende des Ost-West-Gegensatzes. Damals ging es um die politische Neuordnung des europäischen Raumes und die Frage nach der Integrierbarkeit des postkommunistischen Russland in die westliche Wertegemeinschaft. Heute sieht sich der Westen in dem zahlenmäßig größten osteuropäischen Land Ukraine mit einem Problem konfrontiert, das Reminiszenzen an alte imperiale Zeiten neu aufleben lässt.

Die Ukraine bildet dabei lediglich den Grund der nach außen geleiteten politischen und ideologischen Differenzen zwischen West und Ost. Auch wenn Europa nach dem Wegfall der Bipolarität nunmehr einem stärkeren Erwartungsdruck gegenüber dem Bündnispartner USA unterliegt, wäre ein Umdenken an der Zeit, das einer multipolaren Realität Rechnung trägt und die Daseinsberechtigung jener Kulturkreise toleriert, die sich fundamental von westlichen Demokratien unterscheiden.

Wenigen ist bekannt, wie die Gedenktafel für den russischen Schriftsteller Michail Bulgakow am Andreassteig in Kiew mit Farbe übergossen wurde. Was damals, Ende der 80er Jahre, als ein harmloser Streich gewertet werden konnte, würde heute als Entstehung des modernen ukrainischen Nationalismus verstanden, dem Bulgakow in seinem denkwürdigen Roman »Die weiße Garde« eine entschiedene Absage erteilte. »Groß war es und fürchterlich, das eintausendneunhundertachtzehnte Jahr nach Christi, das zweite nach Beginn der Revolution«1, schrieb der Schriftsteller, die Ereignisse des Jahres 1918 aufrollend, als die russischen Bolschewiki, das von Deutschland installierte Hetman-Regime von Pavlo Skoropadsky und das ukrainisch-nationalistische Hetman-Regime von Symon Petlyura das politische Vakuum ausfüllten.

Nicht zuletzt die Deutschen, der Bedrohung durch die Bolschewiki an der östlichen Front gewahr, hatten der ukrainischen Nationalbewegung zum Durchbruch verholfen, als sie die Hetman-Verfassung des 17. Jahrhunderts aus den Angeln hoben und damit Pavlo Skoropadsky an die Macht verhalfen. In seinem Rekurs auf den nationalen Befreiungskämpfer Bogdan Chmielnicky, der sich gegen die Bevormundung durch die polnische Respospolita auflehnte und im Jahre 1654 den ersten ukrainischen Staat ins Leben rief, installierte Skoropadsky alsbald ein Regime, dessen Handlungsimperative den Erwartungen der deutschen Interventen nicht hinreichend entgegenkamen. Im Rückblick erweisen sich die Sicherheitsgarantien, die die Deutschen der Ukraine bei der Unterzeichnung des Vertrages von Brest-Litowsk gegeben hatten, des Papieres nicht wert, auf dem sie standen: Sie waren ein handliches Instrument bei der Errichtung eines zunächst lenkbaren Regimes und ebenso ein effektives Mittel bei der Eindämmung der Bedrohung durch die Bolschewiki aus dem Osten.

Auch das, was vom zaristischen Russland nach der Februarrevolution 1917 übrig blieb und als provisorische Regierung in Petrograd die Geschicke der russischen Politik lenkte, brachte wenig Verständnis für den Befreiungswillen der Ukraine auf. Die Unterschiede zwischen der Zentralen Ukrainischen Rada, die am 4. März 1917 ins Leben gerufen wurde, und der Provisorischen Regierung in Petrograd haben immer wieder zu Rivalitäten und Missverständnissen geführt - vor allem, wenn es um die Frage ging, ob die Ukraine ein von Russland unabhängiger Staat sein könne.

Das Erste Universal aus dem Jahr 1917, in dem die Forderung nach einem autonomen Status für die Ukraine erhoben wurde, suchte diesen Differenzen Rechnung zu tragen. Damit freilich gelangten die Bemühungen der Rada um Eigenständigkeit an ihre Grenzen. Gerade aus der Überbrückung der Unterschiede schöpfte das neue Russland seine politische Legitimität.

Alexander Kerenski, dem Chef der Übergangsregierung in Petrograd, kam es überaus gelegen, dass die Rada unterschiedlichste Parteigruppierungen versammelte, deren Ordnungsvorstellungen weitgehend divergent blieben. So reichte das politische Spektrum von Nationalisten über Befürworter eines autonomen Status in Anlehnung an Russland bis hin zu bolschewistischen Gruppierungen, die vor allem im Osten der Ukraine große Unterstützung erhielten. Zwischen 1917 und 1920 überzog die Ukraine ein Netz von politischen Zusammenschlüssen, deren Uneinigkeit nunmehr die Bolschewiki dazu veranlasste, im Donezbecken, auf der Krim, in Odessa und Charkiw lenkbare und hörige sozialistische Teilrepubliken auszurufen und damit den Druck auf die Rada zu erhöhen.

Auch der Rückzug der Deutschen aus der Ukraine nach dem Ende des Ersten Weltkriegs führte unweigerlich zur Installierung eines neuen Hetman-Regimes unter Simyon Petlyura, dessen Politik auf die Wiederherstellung einer traditionell ukrainischen Gemeinschaft setzte und zum bewaffneten Kampf gegen die Besatzer aufrief.

Die Frage der kulturellen Identität rückte immer mehr in den Mittelpunkt, die politische Dimension des Konflikts wurde hingegen zunehmend marginalisiert. Der Krieg erschien als Errettung aus zuvor empfundener Bevormundung und Unterdrückung. Er wurde zum rauschhaften Fest verklärt und zum Gottesgericht mystifiziert.

So verwundert es nicht, dass ausgerechnet Petlyra in Gestalt eines dämonenhaften Wesens Bulgakows Romanhelden Alexej Turbin im Schlafe heimsucht, worauf Turbin, geweckt vom abermaligen Krähen des Hahnes, schlaftrunken und unverständlich stammelt: »Peturrra … Aber Peturra wird es nicht mehr geben. Er wird nicht mehr sein, es ist vorbei. […] Vorbei.«2

Die Feindstellung gegenüber Russland sowie die zahlreichen Pogrome an der jüdischen Bevölkerung sind ein trauriges Indiz dafür, wie sich der Wunsch, die Anmaßung der Interventen zurückzudrängen und eine nationale Identität herauszubilden, im Verlauf des Krieges sukzessive radikalisierte. Was als Kampf um politische Eigenständigkeit begonnen hatte, verband sich innerhalb kurzer Zeit mit Reflexionen zur nationalen Identität und endete schließlich in einer pathosgeladenen und nationalistisch gefärbten Tonart.

In dieser Auseinandersetzung gewann nicht zuletzt die absurd anmutende Suche nach der richtigen Sprache immer mehr an Kontur. So holte Bulgakow in »Die weiße Garde« historisch aus: »Vorgestern fragte ich diese Kanaille Doktor Kurizki, der kann seit November vorigen Jahrs plötzlich kein Russisch mehr. Früher Kurizki, jetzt Ukrainisch Kuryzky. Ich frage ihn also, wie Kater (russisch Kot) auf Ukrainisch heißt, das wusste er noch (Kit), aber als ich ihn fragte, wie der Wal (russisch Kit) heißt, glotzt er mich an und schweigt.«3

Auch Lenin polemisierte gegen den Typus eines ukrainischen Nationalisten. Die Unterstellung, das bolschewistische Russland betreibe eine Politik, die zur Nivellierung kultureller Identitäten in der Ukraine beitrage, war für Lenin grundsätzlich falsch. Darin stimmte er mit Marx und Engels überein, die ähnliche Vorstellungen im Kommunistischen Manifest formuliert hatten.4 Die bolschewistische Theorie der Selbstbestimmung der Völker, mit der sich der britische Historiker Edward Carr eingehend beschäftigt hatte, gibt Aufschluss darüber, dass Lenins Eindrücke größtenteils von den jeweiligen Zeitumständen vorherbestimmt waren, mit den Vorstellungen der Demokraten und liberalen Denker seiner Zeit übereinstimmten und in Wirklichkeit »wenig mit empirisch belastbaren Kriterien wissenschaftlicher Analyse«5 zu tun hatten.

Lenins entscheidender Bezug zur Gegenwart, die seiner Überzeugung nach durch die Bedingungen starker wirtschaftlicher Verflechtung und die sich verändernden Produktionsbedingungen gekennzeichnet war, verleitete ihn zu der Auffassung, dass sich die Ukraine freiwillig in den Verband der neuen Sowjetunion hineinbegeben würde. In seiner Frontstellung gegenüber dem verhassten Zarismus stand die weitsichtige Absicht, jenen kleineren Völkerschaften das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen, die traditionell eine starke Anlehnung an das Zarenreich oder die Habsburger Monarchie suchten.

Die eigentlichen Widersacher mussten demnach die landwirtschaftlich geprägten, daher reaktionären, kleinbürgerlichen und daher äußerst rückständigen Völker des abfallenden Zarenreiches sein, an denen Lenin die wenigsten Chancen für die revolutionäre Umgestaltung sah. Sie konnten lediglich als stumme Statisten in Erscheinung treten, als politischer Faktor wurden sie nicht erwogen.

Wie austauschbar die Feindbilder für die sozialistischen Theoretiker und ihren glühendsten Pragmatiker Lenin waren, verdeutlicht Carr an der Doppeldeutigkeit des Selbstbestimmungsbegriffs. Während Polens Eigenständigkeit, initiiert durch den nationalen Aufstand im Jahre 1863, entschieden vorangetrieben wurde und als Mittel zur Eindämmung der russischen Begehrlichkeiten auftrumpfen konnte, wurde die Ukraine als Teil des abfallenden Zarenreiches im Verlauf des Bürgerkriegs mit rabiater Gewalt in die Sowjetunion hineingezwungen. Folgt man diesen Überlegungen, wäre das bolschewistische Selbstbestimmungsrecht in diesem Sinn euphemistisch, entsprang es doch einem rigorosen Gesinnungssozialismus, in dem sich der Einzelne einem strategischen Gesamtplan unterzuordnen hatte.

Deutliche Skepsis mit Blick auf das Recht auf nationale Selbstbestimmung, das nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes im osteuropäischen Raum garantiert schien, äußerte der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler und verwies auf Eric Hobsbawms nüchterne Erkenntnis, wonach sich der postsowjetische Raum weitgehend in ein politisches Vakuum verwandelt habe, das weiterhin von den »Infiltrations- und Destabilisierungsversuchen« der ehemaligen ideologischen Kontrahenten, »Putschversuchen von Armeeeinheiten, ethnischen Konflikten« und schließlich »Bürgerkriegen«7 bestimmt bleibt.

Während die westliche Öffentlichkeit von den Fortschrittsbestrebungen der Ukraine beeindruckt ist, wäre es angebracht danach zu fragen, ob der Aufbruch von langem Bestand sein kann, ohne »neue Minderheiten, Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen entstehen zu lassen.«8

Blickt man nicht nur auf die Oberfläche der vermeintlichen politischen und sozioökonomischen Entwicklungen in der Ukraine, sondern auf die Tiefe des festgefahrenen Konflikts, dann kann es keinen Zweifel darüber geben, dass die Ukraine Expansionsbestrebungen größerer politischer Akteure ausgesetzt bleiben wird. In der Frage der Verlagerung des Schwerpunkts von östlicher Partnerschaft auf westliches Assoziierungsabkommen brechen jene Wunden auf, die »paradigmatisch für postimperiale Konstellationen«9 sind.

Auch wenn die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland in den vergangenen Jahrhunderten nicht immer von gegenseitigem Respekt gegenüber den kulturellen und weltanschaulichen Dispositionen des jeweiligen Nachbarn geprägt gewesen sind, so wäre eine Zeit des Besinnens und An-sich-Haltens erstrebenswert. Das rhetorische Instrumentarium, das sich die Verantwortlichen diesseits und jenseits der Lager zurechtgelegt haben, ist ebenso gefährlich wie ungerechtfertigt - und deshalb ist es besonders sinnvoll, sich davon abzuwenden.

Nicht in der Profilierung des Gegensatzes, die wir heute als antithetisches Begriffspaar Demokratie vs. Autokratie, Toleranz vs. Intoleranz, Wertekultur vs. Revanchismus wahrnehmen, liegt die politische Gefahr, sondern in der zunehmenden Indifferenz gegenüber seiner inhaltlichen Besetzung.10 Was dies bewirken kann, ist in den Geschichtsbüchern nachzulesen.

Fußnoten:

1.) Michail Bulgakow, Die weiße Garde, Moskau 1999, S. 50.

2.) ebenda, S. 184

3.) ebenda, S. 79.

4.) Vgl. etwa Edward Carr, Die bolschewistische Theorie der Selbstbestimmung der Völker. Moskau 1990. In: http://scepsis.net/library/id_2122.html, S. 327.

5.) ebenda

6.) Von deutscher Seite aus wäre hier Herfried Münkler zu erwähnen, der ähnlich wie Carr das Vorherrschen einer bestimmten Wahrnehmung an den jeweiligen Zeitumständen festmacht. (Herfried Münkler: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Hamburg 2007, S. 29; sowie Edward Carr, Die bolschewistische Theorie der Selbstbestimmung der Völker. Moskau 1990, hier http://scepsis.net/library/id_2122.html, S. 328.)

7.) Zur Folge der postimperialen Hinterlassenschaften nach dem Ende des Kalten Kriegs siehe Herfried Münkler, Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Hamburg 2007, S. 218.

8.) ebenda. An dieser Stelle verweist Münkler auf das Werk von Erik Hobsbawm, Das Gesicht des 21. Jahrhunderts, S. 9f.

9.) Die Formulierung geht auf Herfried Münkler zurück, wobei der Bogen von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen über den Aufstieg der Sowjetunion und der USA bis hin zur gegenwärtigen postimperialen Ära gespannt wird. (Herfried Münkler, Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Hamburg 2007, S. 218.)

10.) Die Überlegung, dass nicht der Kulturpessimismus der Jahrhundertwende mit Nationalismus gleichzusetzen sei, sondern vielmehr der am Vorabend des Ersten Weltkriegs zunehmend rücksichtslose Umgang mit rhetorischen Zuschreibungen zur Radikalisierung der deutschen Gesellschaft geführt habe, geht auf die deutsche Literaturwissenschaftlerin Barbara Beßlich zurück (Barbara Beßlich, Wege in den »Kulturkrieg«. Zivilisationskritik in Deutschland 1890-1914, Darmstadt 2000, S. 15.)

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