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Schlechte Laune, tumbe Sprüche

Es ist erstaunlich, wie gut auch dieser Tatort mit der Angst des gegenwärtigen Mobs korrespondiert. Matthias Dell über die Dortmunder Folge »Kollaps«

Eines muss man Dortmund lassen: Anders als beim NDR-»Tatort« von letzter Woche werden im Presseheft zur Folge »Kollaps« (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) nicht nur die weißen Hauptdarsteller, sondern auch die schwarzen Schauspieler mit Rollennamen aufgelistet. Warsama Guled spielt den aus dem Senegal nach Dortmund gekommenen Jamal Gomis, Victoire Laly dessen Schwester Niara, die zum zweiten Opfer in diesem Fall wird, dem ersten, das ermordet wird.

So weit, so gut. Dann aber wird es übel. Oder auch nur üblich, wenn man sich die Darstellung von Menschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anschaut, die nicht so aussehen wie die Mehrheit in diesem Land. Der gewöhnliche Reflex wäre zu sagen, dass es doch nur darum geht, die Wirklichkeit abzubilden. Aber die Wirklichkeit im Fernsehen ist naturgemäß eine Konstruktion.

Natürlich spricht ein vor ein paar Jahren aus dem Senegal hierher gekommener junger Mann nicht fließend und akzentfrei deutsch. Aber führt er stattdessen ein konzeptlyrikhaftes Satzbauballett (»Mama / Papa / helfen muss«) auf, dessen Schlichtheit in starkem Kontrast zu seinem Vokabelreichtum steht? Und vergisst sich dieser Vokabelreichtum ausgerechnet vor den Begriffen (»Ine-, Inte-« – »Integrationskurs«), die der Film als zentral für seine Ankommensgeschichte erzählt?

Oder würde er nicht gerade die Wörter kennen, die für ihn Bedeutung haben? Und ansonsten versuchen, seine Sprachlosigkeit mit englischen Begriffen zu überbrücken? Die »Wirklichkeit« würde Unverständlichkeiten und zu übersetzende Wörter produzieren, was wiederum die reibunglose Schaubarkeit des »Tatort« vor Probleme stellte. Aber muss Jamal Gomis deshalb das einfältig prädikat- und akzentlose Radebrechen performen, das die freundlich-subalternen Nicht-Muttersprachler in deutschen Filmen seit Jahrzehnten sprechen?

Ebenso könnte man sich fragen, warum der »toten« Körper der schwarzen Frau nackt ausgestellt wird, während das weiße Kind als »Leiche«, das zwar auch dieses krasse Pathologendekolleté verpasst bekommen hat (das seit ein paar Jahren hoch im Kurs steht im ARD-Sonntagabendkrimi), wie andere »Tote« in der beliebten Krimireihe mit gebührendem Respekt vom schick-grünen Medizinertuch bedeckt wird. Oder ob ein menschlicher Köder der Polizei, wie hier Gomis auf dem Spielplatz, auf dem das Kind an Drogen starb, auch dann unverkabelt und von gerade vier Augen beobachtet zum Täteranlocken rausgeschickt würde, wenn es sich um einen weißen Kollegen der Ermittler handelte?

Der Höhepunkt in der, milde gesprochen, Unfreundlichkeit, mit der »Kollaps« seinen Geflüchteten-Figuren begegnet, bildet der Schluss. Erst schreitet – er war dem deutschen Staat als Köder immer brav zu Diensten! – Gomis mit Bücherstapel unterm Arm in die leuchtende Zukunft seines Integrationskurses (was an sich schon maßlos kitschig ist). Dann wird ihm aber von den fiesen Schergen des Obergangsters Abakay (Adrian Can) der Garaus ausgemacht – warum, hat der Film bestimmt irgendwann mal gesagt, aber nie plausibilisiert, was auf die ganze Kooperation zwischen Abakay und Kommissar Homo Faber (Jörg Hartmann) zutrifft. So muss man sich das mit der »Obergrenze« wohl vorstellen; es reicht halt nicht für alle, sagt der »Tatort« zum sympathischen Jamal, der sich die ganze Zeit über so nett hat duzen lassen. Immerhin schlägt der Film aus dem, natürlich nicht aufzuklärenden, Mord noch Kapital, indem er allermaßlosesten Kitsch für sich abzweigt: Blut tropft auf Integrationskursbuch, auf dem so schön vergeblich »Chance« steht.

So sieht die Wirklichkeit eines Fernsehfilms aus, bei dem Regie-Gefühlsglutamat (Dror Zahavi) auf Buch-Grobholz (Jürgen Werner) trifft. Was man schön an Werner Wölbern sehen kann, der letzte Woche als Revierchef um einiges präziser und hintergründiger inszeniert und angelegt war denn als oberbesorgter Bürger in »Kollaps«. Worauf sich der Titel bezieht, bleibt auch unklar, vermutlich aufs Ganze: »Das ist ein gesellschaftlicher Tsunami, der da auf uns zurollt, den kann keiner aufhalten.« Dass er das Sich-Eingemache der »besorgten Bürger« nicht ernstnähme, kann man dem »Tatort« jedenfalls nicht vorwerfen, zumal Autor Werner den Hater-Ironien schon im ganz normalen Hauptfigurensprachgebrauch nahesteht (»Berufstolerante«). Es ist schon erstaunlich, wie gut die letzten beiden »Tatort«-Folgen mit der Angst des gegenwärtigen Mobs korrespondieren.

Im übrigen färbt Faber ab. Mittlerweile hat nicht nur der dysfunktionale Chef schlechte Laune, sondern das gesamte Revier: Böhnisch (Anna Schudt), die passend zum verhandelten Kindsverlust vor einer Sorgerechtsstreitniederlage steht, und Kossik (Stefan Konarske), der die ganze Zeit die einzig halbwegs ausgeglichene Figur nervt, seine Ex-Braut (Aylin Tezel). Schlechte Laune und tumbe Sprüche. Wenn da mal jemand von außerhalb reinschaut: Das ist der Abturn von Deutschland. Oder die Wirklichkeit.

Ein Name, für den man eine Band gründen sollte:
»Drogendealer und Modelleisenbahner«

Ein Statement, mit dem man in die nächste Gehaltsverhandlung gehen kann:
»Mein Mann sitzt seit Jahren faul auf dem Sofa rum«

Etwas für den Grabstein:
»Oliver hat getan, was er konnte«

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