Von Jan Keetman, Mardin

Kurdische Geisterstädte

Ausgangssperren und Schießereien: Die Empörung über die Politik des türkischen Präsidenten wächst

Die Arbeiterpartei PKK hatte Ende Juli den Kampf gegen die türkischen Sicherheitskräfte wieder aufgenommen. Die Spuren des neu aufgeflammten Konfliktes sind im Osten der Türkei vielfach zu sehen.

Von der steinernen Terrasse fällt der Blick unwillkürlich in die Tiefe, gleitet hin über die pittoreske Schönheit der Altstadt von Mardin und weiter in die fruchtbare Ebene Mesopotamiens. Irgendwo da vorne muss die Grenze zu Syrien sein. Syrien? Oder sollte man besser sagen, zu dem von kurdischen Milizen befreiten Gebiet Rojava? Den Namen Rojava, eine kurdische Neuprägung mit der Bedeutung »Westen«, kennt nach den Kämpfen mit dem Islamischen Staat die ganze Welt. Das Drama, das sich auf dieser Seite der Grenze abspielt, kennt nicht einmal die halbe Türkei.

»Seit Juni sind keine Touristen mehr gekommen. Unten in der Stadt gibt es 50 neue Hotels, aber keine Touristen, nicht einen einzigen«, sagt Ahmet Türk, Co-Bürgermeister von Mardin. Früher kamen laut Türk jedes Jahr eine Millionen Touristen in die alte Stadt an der Seidenstraße. Doch nach den Parlamentswahlen am 7. Juni, bei denen die AKP ihre absolute Mehrheit verlor, womit sich Präsident Erdogan nicht abfinden wollte, seien keine mehr gekommen. Die Lage wurde zu unsicher. Besonders trifft dies neben den Hoteliers, die Händler im Basar, die größtenteils der arabischen Minderheit angehören. Bei der Wahl im Juni haben viele Araber ihre Stimme erstmals der prokurdischen HDP gegeben. Für die Neuwahlen am 1. November befürchtet Türk, dass sie ihre Stimme wieder der Regierungspartei AKP geben werden, weil sie hoffen könnten, dass so die Spannungen aufhören.

Es bleiben nicht nur die Touristen fern, auch kurdische Saisonarbeiter kehren zu Hunderten mit leeren Händen zurück. Sie wurden bei Ankara von türkischen Nationalisten vertrieben. Doch verglichen mit dem Rest der Region geht es Mardin noch gut.

Nach Nusaybin an der syrischen Grenze lässt der Gouverneur unsere Reisegruppe, die unter anderen aus Parlamentariern aus Deutschland, Österreich, Holland und dem HDP-Abgeordneten Levent Tüzel besteht, erst gar nicht durchfahren. Als unser Bus, der vorne und hinten von einem Panzerwagen eskortiert wird, schließlich an Nusaybin entlang fahren darf, sehen wir eine Geisterstadt. Kein einziger Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Das Einzige, das sich bewegt, sind die schweren Maschinengewehre auf den Panzerwagen, die in den Straßen stehen. Seit fünf Tagen herrscht Ausgangssperre in Nusaybin, 120 000 Menschen sind bei Tag und Nacht in ihren Häusern eingeschlossen. Kein Gang zum Bäcker, kein Gang zum Arzt oder zur Apotheke ist möglich.

Cizre am Tigris hat die Ausgangssperre schon hinter sich. Neun Tage hat sie gedauert. In dieser Zeit starben 21 Menschen durch Schüsse oder wegen fehlender medizinischer Behandlung. In den Fassaden vieler Häuser sind Einschusslöchern zu sehen. Von einem erhöhten Gebäude und Minaretten aus wurde auf die Stadt geschossen. Sicherheitskräfte waren aber auch in die Gassen eingedrungen. Das belegen Spuren von Schüssen an der Unterseite vieler Balkone.

Die Zerstörungen bieten ein grausiges Bild. Offenbar sollten die Geschosse wie Billardkugeln von der Unterseite der Balkone abprallen, um dann von oben durch die Fenster in die Zimmer des darunter liegenden Stockwerks einzuschlagen und dann durch die dünnen Wände zu brechen. Eine tödliche Gefahr für Menschen, die sich in ihren Wohnungen auf den Boden geworfen haben, um den Geschossen zu entgehen. Wenn man nicht annehmen will, dass in all diesen Häusern Terroristen steckten, so bleibt nur die Vermutung, dass man die Einwohner entweder töten oder in Todesangst versetzen wollte: Frauen, Männer, Kinder, junge wie alte - alle.

Viele Gassen sind durch Barrikaden geteilt, die nach der Ausgangssperre nicht verschwunden, sondern eher noch höher und stärker geworden sind. Auf den Weiterbau weisen einige Säcke am Wege hin, die noch nicht mit Sand gefüllt und auf die nächste Barrikade geschafft worden sind. Den Kern der Barrikaden bilden oft tonnenschwere Steine. Die Panzerwagen von Polizei und Armee sind aus den Gassen ausgesperrt, ihre Geschosse sind es nicht.

Ein Mann steht vor seinem vielfach von Kugeln getroffenen Laden und ruft: »Sind kleine Kinder und alte Leute Terroristen? Sie schießen auf uns, weil wir Kurden sind!« Gefragt, wie es seiner Familie ergangen sei, erzählt er, sein Vater sei ins Bein getroffen worden. Weil eine Behandlung während der Ausgangssperre nicht möglich gewesen sei, habe man ihm das Bein nachher abnehmen müssen. Eine Frau winkt, will ihr zerschossenes Haus zeigen. Ein junger Mann aus ihrem Haushalt kommt hinzu und sagt: »Terrorist Erdogan! Werden Sie das auch schreiben?«

Die Reihe der Städte, die tagelange Ausgangssperren durchmachen müssen, reißt nicht ab. In Silvan waren die Menschen fünf Tage lang in ihre Häuser eingesperrt. Über die Straße ziehen viele Männer und rufen »Rache! Rache!« Eine junge Frau in bunter Tracht ruft von der Seite: »Schehid namerin« - »Märtyrer sterben nicht!« Die Männer stimmen auf Kurdisch ein.

Am Wegrand stehen drei ältere Frauen, die sich mit ihren weißen Kopftüchern Tränen aus den Augen wischen. Die Menge trägt die 75-jährige Hayriye Hüdaverdi zu Grabe. Sie hatte geglaubt, das Militär werde nicht auf unbewaffnete Frauen schießen und mit anderen Müttern das Haus verlassen, um die Ausgangssperre zu durchbrechen. Plötzlich sei Hayriye gestürzt, erzählt eine Nachbarin. Ein Scharfschütze habe sie in den Oberschenkel getroffen. Man brachte sie ins nächste Haus, aber eine Ambulanz durfte nicht kommen,. So sei sie eben gestorben - wie vier weitere Zivilisten in Silvan.

Die Klagen über den Ausfall der medizinischen Versorgung sind immer wieder zu hören. Für Kamuran Yildirim, den Vorsitzenden der Ärztekammer von Mardin, ist das nicht neu. Er zählt sogar Fälle auf, in denen Ärzte mit vorgehaltener Waffe daran gehindert wurden, sich um Verletzte zu kümmern. Dabei hebt er die Hand an die Schläfe, als hielte er eine Pistole.

Mithat Sancar, kurdischer Abgeordneter aus Nusaybin, spricht von einem unerklärten Kriegsrecht in den kurdischen Provinzen. Aber selbst im Krieg wäre nicht erlaubt, was hier geschehe. Unter Kriegsrecht müssten auch die Verletzten der anderen Seite versorgt werden. Die Situation sei sehr gefährlich, meint er. »Selbst völlig unpolitische Menschen sind nun wütend.«

Dabei gäbe es laut Sancar eine viel einfachere Möglichkeit, die Konflikte zu lösen. Die Abgeordneten der HDP könnten zwischen den aufgebrachten Jugendlichen und den Sicherheitskräften vermitteln, wenn man sie denn in die Stadt ließe. »Wir können vermitteln, schließlich haben uns in Nusaybin 92 Prozent der Leute gewählt«, sagt Sancar und fügt hinzu: »Wir könnten auch die Sicherheitskräfte schützen.« Damit räumt er ein, dass die Gefahr nicht nur von einer Seite ausgeht. Doch insgesamt erscheinen die Barrikaden und selbst ein schwacher bewaffneter Aufstand, den es wohl gegeben hat, gegenüber der geballten Macht des Staates wie eine Kleinigkeit.

Manches erinnert an die frühen 90er Jahre, als insbesondere in Cizre schwere Kämpfe stattfanden. Wieder die zerschossenen Häuser und in den Gassen kleine Kinder, die die Finger zum Siegeszeichen hochhalten. Doch heute rufen sie nicht mehr nur »Biji serok Apo«, es lebe der Führer Apo, eine Huldigung an den inhaftierten Abdullah Öcalan, sondern mehr noch »Biji Rojava«, es lebe Rojava.

Die Angst vor dem Beispiel Rojava erkläre zumindest zum Teil die harte Reaktion des Staates auf den kurdischen Aufstand, meint Ahmet Türk. Ansonsten glaubt er ebenso wie alle anderen, dass die Kurden vor den Wahlen eingeschüchtert werden sollten. Das aber werde nicht gelingen.

Auf der Terrasse in Mardin ist es allmählich dunkel geworden. Die Gläser schimmern weiß vom Raki oder rot von jenem Wein, den die christliche Minderheit hier anbaut. Unter den oft noch recht jungen kurdischen Politikerinnen und Politikern wirkt Ahmet Türk mit seinem faltigen Gesicht wie eine alte Eiche. Über 40 Jahre war er Abgeordneter, Vorsitzender und Kovorsitzender verschiedener linker und kurdischer Parteien.

Gelegentlich bringt Ahmet Türk Geschichten in die Runde ein, Erfahrungen und Gedanken. »Darauf, was wir Kurden machen, kommt es doch gar nicht an. Niemand schert sich darum, wie es uns geht. Die Türken müssten wir gewinnen.« Von der PKK wünscht er sich einen neuen Waffenstillstand, dann liefe doch Erdogans ganze Kriegspolitik ins Leere.

Einen Waffenstillstand hat die PKK am Wochenende verkündet. Doch das ging in dem blutigen Anschlag auf den Friedensmarsch in Ankara völlig unter. Gleich bombardierte die türkische Luftwaffe wieder Stellungen der PKK in Nordirak. Beim Versuch, PKK-Verstecke im Inland aufzuspüren, wurden auch mehrere türkische Soldaten getötet. Mit einer derartigen Politik Erdogans könnte Europa bereits eine weitere Flüchtlingswelle bevorstehen.

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