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Mehr Stop als Go auf der Balkanroute

Der neue »Flaschenhals« Slowenien drückt auf die Massen der Migranten in Kroatien und Serbien

  • Von Thomas Roser, Beraskovo
  • Lesedauer: 3 Min.
Slowenien ist zum neuen Flaschenhals auf der Balkanroute geworden. Da nur eine begrenzte Zahl an Flüchtlingen ins Land gelassen wird, entstehen für die Migranten lange Wartezeiten.

Aufgrund des Wetters verschlechtert die Lage der Flüchtlinge auf der Balkanroute zusätzlich. Der Weg zum verschlossenen Tor der EU ist knöcheltief. Kinder in viel zu großen Regencapes rutschen an den Händen ihrer Eltern weinend und fröstelnd über den aufgeweichten Morast. Zwei junge Männer pflügen vor dem Grenzübergang Beraskovo-Bapska stumm einen Leidensgenossen im Rollstuhl über das glitschige Feld. »Ist das Kroatien?«, fragt im Schlammfeld verloren ein fröstelnder Rucksackträger aus Syrien. Hunderte drängen von der serbischen Seite aus gegen den behelmten Polizei-Kordon.

Schon den zweiten Tag heißt es mehr Stop als Go auf der Balkanroute. Mit dem Pochen, täglich nur eine begrenzte Zahl von Flüchtlingen von Kroatien aus ins Land zu lassen, ist Slowenien zu deren neuem Flaschenhals geworden. Mal geht die Grenze zu, dann wieder auf: Den Rückstau an der kroatisch-slowenischen Grenze bekommen 400 Kilometer weiter östlich auch die Flüchtlinge an der serbisch-kroatischen Grenze bei Beraskovo zu spüren: Nur in unregelmäßigen Abständen können kleinere Gruppen den Schlagbaum passieren.

In der Nacht seien es 1500 Menschen gewesen, die stundenlang unter offenen Himmel im Regen hätten ausharren müssen, erzählt vor dem Wagen von »Ärzte ohne Grenzen« der hochgewachsene Mediziner Momcilo Curcevic. Es fehle vor allem an Zelten, Decken und trockener Wäsche: »Die meisten sind völlig durchnässt, frieren - und haben keine Kleidung zum Wechseln dabei.« Viele Flüchtlinge seien zudem viel zu leicht bekleidet unterwegs, sagt der Serbe - und weist auf die Sandalen einer vorbeihumpelnden Frau.

Die Wartenden in Beraskovo verlieren die Geduld. Erst ziehen sie vereinzelt, dann zu Hunderten in einer langen Kolonne vom Grenzübergang an einer abgezäunten Obstplantage entlang. Wenige hundert Meter entfernt biegen sie durch ein Loch im Zaun ungehindert auf einem Pfad unter den Apfelbäumen nach Westen, nach Kroatien ab. »Go back - geht zurück!«, rufen ihnen die umgangenen Grenzer eher pflichtschuldig zu.

Handfeste Auseinandersetzungen werden hingegen am Dienstagmorgen von der slowenisch-kroatischen Grenze gemeldet. Auch mit dem Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken sollen laut kroatischen Medien slowenische Grenzer ungeduldige Flüchtlinge zurückgehalten haben. Doch das selbst gesteckte Ziel von maximal 2500 Flüchtlingen pro Tag vermag angesichts des unvermindert starken Andrangs auch Slowenien nicht zu halten: Allein am Vortag seien 8000 Flüchtlinge ins Land eingereist, so am Dienstag eine Regierungserklärung.

Während Ljubljana zur Absicherung der Grenze nun sogar die Armee in Bewegung setzen will, wird in Kroatien immer mehr über die baldige Errichtung eines Grenzzauns zu Serbien spekuliert. »Wenn Slowenien oder Österreich den Zufluss von Migranten drastisch reduzieren, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Zahl der Personen zu reduzieren, die aus Serbien kommen«, zitiert die Zeitung »Jutarnji List« einen anonymen Gewährsmann der Regierung.

Und ein Ende des Flüchtlingsexodus ist nicht in Sicht. Auffällig viele Familien mit Kindern entsteigen den Bussen von der serbisch-mazedonischen Grenze, die vier Kilometer vor dem Grenzübergang zu Kroatien wenden. Hilfsorganisationen verteilen Bananen und Wasserflaschen. Ein Freiwilliger der Serbisch-Orthodoxen Kirche schiebt einen alten Mann mit der Schubkarre zur Grenze.

Jedes Land versuche, das Flüchtlingsproblem auf das nächste abzuschieben, »und ich habe Angst, dass sich das noch verstärkt«, sagt der Arzt Momcilo. Präventive Versorge werde hingegen kaum getroffen: »Wir Helfer kämpfen darum, dass es hier nicht zu einer Katastrophe kommt. Doch den Politikern scheint es egal, dass nun bald der Winter kommt.«

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