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Der letzte Zauberer

Mit Raúl González Blanco verlässt der bescheidenste aller Weltstars die Bühne des Fußballs

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.
Fünf spanische Meisterschaften, drei Champions-League-Titel und zwei Weltpokaltriumphe: Raúl ist ein Magier am Ball, dem der Erfolg nie zu Kopfe stieg. Nun wird der 38-Jährige seine Karriere beenden.

Eigentlich war er schon aus dem Fokus der europäischen Fans verschwunden. Seit 2012 befand sich Raúl González Blanco auf Abschiedstour vom aktiven Fußball. Erst spielte er in Katar beim Al-Sadd Sports Club, seit Sommer 2015 in der zweiten US-amerikanischen Liga bei New York Cosmos. Ende Oktober, so gab er kürzlich bekannt, wird er seine Spielerkarriere dort endgültig beenden. Wie so vielen altgedienten Stars ging es auch dem Spanier im Herbst seiner Laufbahn mit den Engagements in Asien und Amerika vorrangig darum, den in gut zwanzig Profijahren bei Real Madrid (1994-2010) und dem FC Schalke 04 (2010-2012) erlangten Ruhm zu vergolden, auf dass er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern hernach bis ans Lebensende finanziell ausgesorgt haben mag.

Es gibt da aber eine Charaktereigenschaft, die diesen Raúl von all jenen Kollegen fundamental unterscheidet, die zum Abschluss ihrer großen Spielerlaufbahn ebenfalls diesen Weg beschritten haben. Weder für Pelé noch für Pep Guardiola, weder für Gabriel Batistuta noch für Marcel Desailly gilt, was Raúl zum Publikumsliebling gemacht hat, wo auch immer er spielte: Der gebürtige Madrilene war nicht nur Edeltechniker und Kampfschwein. Auch brillierte er nicht nur beim Kopfball genauso wie beim coolen Vollstrecken vor dem Tor. Nein, dieser Raúl stellte sein Ego trotz aller Titel und Rekorde nie über die Mannschaft und erst recht nie über jenes Spiel, das ihm selbst im gesegneten Fußballalter von 34 Jahren im Schalker Trikot noch an jedem verdammten Wochenende ein kindliches Leuchten in die Augen trieb, als dürfe er zum ersten Mal mit seinen Freunden und dem Ball am Fuß übers grüne Geläuf wetzen.

Wobei er oft genug höchstselbst seine Begeisterung auf die Zehntausende im Publikum übertrug. In Diensten der »Königlichen« bei Real Madrid war er sich nie zu schade, die Bälle auf Höhe der Mittellinie zu ergrätschen. Vom WM-Achtelfinale bis zum Pokalfight gegen Drittligisten ging Raúl jede Partie an, als wäre sie die wichtigste auf Erden. Selten dauerte es nach Spielbeginn länger als fünfzehn Minuten, bis ihm der Schweiß von der Stirn rann. Die pechschwarzen Haare klebten dann am Kopf wie Kaugummi am Schuh eines kleinen Jungen, dem das nicht auffällt, weil er nur spielen, spurten und sich leidenschaftlich verausgaben will.

Raúl prägte eine ganze Generation von Fußballern. Dem Mann mit der Nummer sieben auf dem Rücken nachzueifern, in der Jugendmannschaft seine sanften Streicheleinheiten für das Spielgerät zu imitieren, nur um anschließend sofort auf die für den Spanier typische Dynamik umzuschalten, nach einem Doppelpass an der Strafraumkante einen satten Schuss anzutäuschen, den Ball tatsächlich jedoch schwungvoll über Freund und Feind hinweg ins Tor zu chippen und das wohlige »Swoosh«-Geräusch des Netzes zu genießen, das wollten Ende der 90er Jahre viele fußballbegeisterte Jugendliche schaffen.

Und auch den Trainern taugte der bodenständige Sympathieträger als Vorbild. Er ist ein Star, der sich für diesen hehren Status schon fast schämt. In Zeiten protziger Primadonnen wie Cristiano Ronaldo ist es kaum mehr vorstellbar, dass da bis vor einem halben Jahrzehnt noch ein Weltklassefußballer das Blitzlichtgewitter mied und Fernsehkameras nach Spielende regelmäßig so elegant zu umkurven verstand wie kurz zuvor die Gegenspieler.

Raúl ist der letzte Zauberer einer Riege an Fußballern, die sich noch ganz ungekünstelt ihrer Kunst hingegeben hat, weil sie dieses wunderbare Spiel aufrichtig liebt. Darum könnte der »Señor«, wie er auf Schalke ehrfürchtig genannt wird, dem Fußball als Trainer erhalten bleiben. Selbst hat er sich dazu noch nicht geäußert, aber mancher träumt längst davon. Zunächst wird Raúl Ende Oktober zum letzten Mal auf der Bühne des Fußballs für seine Fans tanzen. Danach sehen sie betroffen den Vorhang zu - und was bleiben wird, ist das Hoffen.

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