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»Dann sehe ich keine Sonne mehr«

Friedrichshainer wehren sich gegen Baupläne der Wohnungsbaugesellschaft Mitte

Neue Wohnhäuser in Innenhöfen und auf Parkplätzen - in Friedrichshain soll nachverdichtet werden. Dann könnte es eng werden für so manchen Friedrichshainer. Anwohner fürchten um ihre Wohnqualität.

»Hier wird sich bald niemand mehr unterstellen können«, heißt es aus der Menschentraube, die sich am Dienstagabend bei Nieselregen an der Karl-Marx-Allee / Ecke Koppenstraße unter den Kastanien drängelt. Denn von dem Wäldchen wird nicht mehr viel übrig bleiben, wenn es nach den Bauplänen der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) geht, wie Anwohner dem Wahlkreisabgeordneten der Linksfraktion, Steffen Zillich, unter dem Baumschutz erklärten.

Die Empörung über die Pläne ist weiterhin groß, obwohl sie von der WBM wegen der Proteste bereits abgespeckt wurden. Nach ihrer »Potenzialanalyse« sollten in Friedrichshain-West auf Frei- und Grünflächen, Parkplätzen sowie in Innenhöfen 37 zehngeschossige Punkthochhäuser entstehen. Inzwischen wurde diese Zahl auf 20 reduziert. So sind im Bereich der Kastanien und eines angrenzenden Parkplatzes noch zwei statt drei Häuser geplant, im benachbarten Innenhof zwischen Koppen- und Lebuser Straße noch eines statt bisher drei.

»Egal ob drei Gebäude oder eines: Die Belastung bleibt«, sagt Reinhard Brodale vom Mieteraktionsbündnis Friedrichshain-West, das sich inzwischen gegründet hat. Brodale ist Anwohner und war früher Stadtplaner. »Das wird eine Hitzekiste, wenn in diesen bisher grünen Innenhof noch ein Zehngeschosser reingebaut wird.« Schon jetzt würden im Sommer die Temperaturen in den Wohnungen nicht unter 28 Grad sinken. Brodale spricht von Verschattung, zugebauten Kaltluftschneisen und »Schmutzdüsen«. Als solche bezeichnet er die schmalen Durchgänge zur Karl-Marx-Allee, die bei Sonnenschein wegen der entstehenden Thermik wie ein Gebläse wirkten. »Die ganze feinstaubbelastete Luft aus der Allee wird dann hier reingezogen.« Ein Effekt, der mit der Innenhofbebauung noch verstärkt würde. Nach Ansicht von Brodale würde die WBM damit auch gegen den Stadtentwicklungsplan Klima des Senats verstoßen.

»Und wo sollen unsere Kinder spielen, wenn hier alles zugebaut wird«, fragt sich Elisabeth Kolbe. Noch gibt es einen großen Spielplatz im Innenhof. Vor gut 15 Jahren sei sie deshalb hier hergezogen, »und weil ich lieber auf Grün schaue als auf Beton«. Sie wohnt in der dritten Etage. »Wird der Innenhof bebaut, sehe ich keine Sonne mehr.«

Die Anwohner haben bereits eine Petition an das Abgeordnetenhaus geschickt, die bisher ohne Antwort geblieben ist. Jetzt bereiten sie einen sogenannten Einwohnerantrag an die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg (BVV) vor, in dem sie eine Bauleitplanung für das Gebiet fordern. Das würde eine Prüfung der Auswirkungen etwa auf Gesundheit und Umwelt erfordern, die bisher nicht vorgesehen ist. Die BVV hat solch einen Beschluss bereits gefasst, dessen Umsetzung vom Bezirksamt aber noch geprüft wird.

Die WBM steht unter dem Druck des Senats, bis Ende nächsten Jahres mit dem Bau von 1000 neuen Wohnungen beginnen zu müssen. Die Ergänzungsbauten würden von allen Beteiligten Kompromisse erfordern, schrieb sie in einer Information an die Bürger. Die Wohnungen jedoch würden dringend gebraucht. »Die WBM sollte nicht einfach nur schauen, wo dafür Platz ist, sondern wo es auch sinnvoll ist, Wohnungen zu bauen«, sagte der Abgeordnete Zillich.

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