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Deutscher Riesling von den Niagarafällen

Seit 40 Jahren bauen europäische Auswanderer Reben in Ontario an. Von Stephan Brünjes

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.

Ja, es ist die schönste freiwillige Regendusche der Welt: mit dem Ausflugskahn bis auf wenige Meter ran an die 792 Meter breite Wasserwand der Niagarafälle und den Fallwind von 4,2 Millionen Liter Wasser spüren, die im Schnitt pro Sekunde 52 Meter in die Tiefe donnern. Trotz Regenponcho geht’s klatschnass, aber glücklich zurück ins Auto und vom Niagaraparkplatz auf den Niagara Parkway. Diese akkurat gepflegte Landstraße schlängelt sich kilometerweit entlang der grünen Uferpromenade, teilüberdacht durch Bäume, gesäumt von Golfplätzen und weißen Villen. Vor einer solchen flattert die kanadische neben der schwarz-rot-goldenen Flagge. »Reif Wineries« steht auf dem Schild.

Klaus Reif öffnet die Tür seines Weinprobiersaals - ein umgebauter Pferdestall von 1873. Reif ist einer von etwa 250 Winzern, die die Landzunge nördlich der Niagarafälle zu einem weltweit angesehenen Weinbaugebiet gemacht haben - in nur 40 Jahren. Chardonnay, Riesling, Gewürztraminer - 16 verschiedene europäische Rebsorten baut er an. Die muss aber gar nicht kennen, wer in Ontario einen deutschen Winzer identifizieren will, sagt Reif grinsend: »Mir tun die Pfoschte ganz grad reinmache in de Erd«, pfälzert er und zeigt auf die akkurat ausgerichteten Pflöcke mit drangebundenen Reben.

Im mild-orangen Abendlicht entkorkt er einen Cabernet Merlot 2010 und erzählt, dass Schuld an allem sein Onkel Ewald sei, der 1977 ausgewanderte. Der 15-jährige Klaus besuchte ihn ein Jahr später und war sofort so fasziniert von Ontario, dass er Jahre später »rüber macht«, zwei Wochen nach seinem Weinbauexamen. Weil Onkel Ewald seinerzeit nur Trauben züchtet, aber kein Weingut betreibt, schreibt Neffe Klaus ihm einen Schuldschein über 250 000 Dollar auf eine Serviette. Als Gegenleistung lässt der Onkel ihn auf seinem Grund und Boden beginnen, damals als 14. Winzer dieser Region. Statt in Neustadt an der Weinstraße wagt Klaus Reif den Neustart am Niagara Parkway.

Diese Gegend unmittelbar an der US-Grenze ist in den Achtzigern ein weißer Fleck auf der Weinweltkarte, aber mit besten Voraussetzungen, das erkennt Reif schnell: »Lehmig-sandiger Boden, darin gedeihen vor allem Riesling und alle Arten von Burgundertrauben prächtig. Und: «Wir liegen auf dem 43. Breitengrad - wie Bordeaux und Toskana, haben 30 Prozent mehr Sonne als die Pfalz.» Ein Umstand, der den Süden Ontarios bis weit in den Herbst hinein zu einem warmen Reiseziel macht - für Wohnmobilisten, Busreisende und Radwanderer. Worüber sich Reif und seine Winzerkollegen wie Herbert Konzelmann und Gary Pilliteri ebenfalls freuen, denn von jährlich etwa zehn Millionen Besuchern der Niagarafälle biegen Hunderttausende auch auf ihre Weingüter ab.

Reifs Nachbar, das Weingut Inniskillin, benannt nach einem einst hier stationierten irischen Regiment, bietet seinen Besuchern bereits eine Art Freizeitpark rund um die Traube: Picknicktische zwischen den Rebreihen, Degustationsmenüs, Souvenirshop mit Probiertresen und Spielplatz für Kinder. Karl Kaiser, ein Österreicher, gründet Inniskillin 1975 und führt bald eine deutsche Erfindung ein - den Eiswein: «Man lasse Trauben bis in die Frostperiode am Rebstock, ernte sie erst in der zweiten oder dritten Januarwoche», erklärt Bruce Nicholson, Inniskillins Chefwinzer. Die Trauben enthalten vier Fünftel Wasser, das bleibt in der Weinpresse als Minieiswürfel zurück. Der Rest tröpfelt als sehr süßes, säurehaltiges Rinnsal heraus, das in Tanks etwa sechs Monate lang reift. Weil pro Flasche zehn Mal mehr Trauben nötig sind als bei normalem Wein, kosten die zudem wesentlich kleineren Flaschen Eiswein umgerechnet ab 50 Euro aufwärts. Seit 1991 steigen die Preise. Denn in diesem Jahr gewann Inniskilin mit seinem «Vidal Icewine» in Bordeaux den ersten international renommierten Preis für einen kanadischen Wein und machte damit diese süßen Dessertweine zu einem Exportschlager. Vor allem in Asien ist die Vidal-Traube mit ihrem fruchtigen Geschmack nach Aprikose, Pfirsich und Mango sehr beliebt.

Der Niagara Parkway führt von Weingut zu Weingut. Nicht nur der Autoverkehr, das ganze Leben hier verläuft offenbar in Zeitlupe. Auch und gerade in Niagara on the Lake, einst Kanadas Hauptstadt. Heute eine Stadt wie ein Filmset für Historienschinken: Bestens restaurierte rote Backsteinhäuser mit Erkern, Veranden und Balkonen aus dem 19. Jahrhundert, schmiedeeiserne Laternen mit Geranien dekoriert und Pferdekutschen, in denen Besucher durch die Villenausstellung der Nebenstraßen gondeln - auf die Picton Street mit der wohl höchsten Delikatessengeschäftsdichte Kanadas.

Klar, dass auch hier die regionalen Weine in den Regalen stehen, unter anderem solche mit einem Kirschbaum auf dem Etikett. Pilliteri steht darüber, der Name des Gründers. Der inzwischen 79-Jährige führt die Besucher über sein Rebenreich, so groß wie 80 Fußballplätze. Nach dem Kauf habe er das Gelände komplett gerodet, um Platz zu schaffen für Weinstöcke und Weinkeller, erzählt er. Nur der Kirschbaum mittendrin sei stehen geblieben und bis heute das Symbol auf fast allen Flaschen. Der Winzer ist sizilianischer Einwanderer, kam mit zwölf Jahren nach Ontario. Damals hört er noch auf den Vornamen Horazio Vincenzo. Zu kompliziert für die Kanadier, also taufen seine Eltern ihn kurzerhand um zu Gary, und der spürt heute seine italienische Herkunft kaum noch. «Niagara ist meine Heimat, das hier ist mein Grund und Boden, diese Region habe ich als Abgeordneter drei Wahlperioden lang im Parlament vertreten.»

So verwurzelt ist Klaus Reif hier noch nicht - und vermisst nach 30 Jahren noch immer die Bratwurst aus seinem Heimatort Lachen-Speyerdorf ebenso wie Mutters Leberknödel.

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