Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Zack und weg

Steffi Groß ist Vereinsvorstand, Trainerin, Aktive und WM-Dritte - beim Tauziehen

Zum Tauziehen fallen uns spontan verblichene Schwarz-Weiß-Fotografien ein, auf denen Männer posieren mit »Wir schaffen das«-Zwirbelbärten Marke Kaiser Wilhelm.

Die Bilder kenne ich. Und als man mich zum ersten Mal angesprochen hat, ob ich nicht Lust hätte, spaßeshalber bei einem offenen Turnier mitzumachen, war meine erste Reaktion: »An so einem blöden Seil reiße ich doch nicht rum!« Trotzdem habe ich das ausprobiert, und mir ist rasch klargeworden: Tauziehen muss ich weitermachen.

Was ist der Kick daran? Im Prinzip setzen Sie simpel Kraft ein und ziehen, was das Zeug hält!

Die üblichen Vorurteile. Nicht selten werden wir belächelt, und manche sagen: »Das ist doch kein Sport, einfach am Seil zu ziehen!« Denen antworte ich: »Komm mit zum Training, schau’s dir an!« Die meisten sind anschließend schwer beeindruckt und räumen ein: »Wir hätten nie gedacht, dass so viel dahinter steckt!« Weil zum Tauziehen eben nicht nur Kraft, sondern auch Kopf gehört!

Beim Einsatz der Muckis ist also auch Taktik gefragt?

Aber ja. Deswegen steht unser Coach während eines Wettkampfes neben dem Team, beobachtet genau die Gegenseite. Und sobald er merkt, dass eine oder mehrere von denen schwächeln, dann ruft er: »Achtung, die brechen ein!« Und er zählt an: »Zwei, und!!« - und wir laufen los, zack und weg, rückwärts nach hinten, das kann die Entscheidung bringen.

Woran merkt der Trainer das Schwächeln am Seil?

Wenn die Hände, weil sie es eben nicht mehr packen, am Seil blitzschnell umgreifen. Das ist übrigens auch regelwidrig, aber der Referee kriegt naturgemäß nicht alles mit.

Ist auch ein Sieg per Überfallangriff möglich?

Eine Truppe, die sich auf diese Weise überrumpeln ließe, würde nichts taugen. Ansonsten ist klar: Du musst möglichst die ersten Meter für die eigenen Leute holen. »Schnellkraft«, wie wir das nennen, das kann den Ausschlag geben.

Eine robuste körperliche Statur dürfte insofern wohl von Vorteil sein.

Wieder ein Vorurteil. Nach dem Motto: Tauziehen ist höchstens etwas für Dicke. Sie sollten mal zu Turnieren fahren, bei denen die Holländerinnen oder Schwedinnen antreten. Das sind Athletinnen mit Topfiguren, und kein Außenstehender käme auf die Idee, dass deren Disziplin das Tauziehen ist. Ich selber habe aktuell zwar nicht mein optimales Wettkampfgewicht, wiege 62 Kilogramm bei 1,70 Meter Körpergröße, höre aber dennoch oft: »Was, du machst Tauziehen? Du bist doch viel zu dünn!«

Sind Handschuhe erlaubt?

Nein, das geht gar nicht! Dass die Haut einreißt, gibt sich mit der Zeit. Und ehrlich gesagt: In unserem Sport darfst du keine Tussi sein.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich voll ins Seil hängen und gewinnen doch keinen Boden?

Hoffentlich halte ich durch!

Fluchen Sie auf die Gegnerinnen, und rufen Sie dabei ein paar gepflegte Beleidigungen?

Nein, das verbietet das Fair Play. Die beiden Frontfrauen dürfen sich angrinsen, das reicht.

Obwohl Tauziehen also auch taktische Elemente hat, bleibt: Der Sport wirkt relativ linear, denn am Ende landet eben geballte Frauenpower nolens volens in der einen oder anderen Spielfeldhälfte. Reicht das auf Dauer, um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren?

Andere Gegner, andere Kontertechniken, andere Plätze - es bleibt absolut spannend. Und wir besuchen tolle Städte, waren schon in Kolumbien, als dort 2013 in Cali die World Games der Nichtolympischen Sportarten ausgetragen wurden. Das war eine Wahnsinnsveranstaltung in einem unglaublichen Rahmen, wir sind uns vorgekommen wie der Papst.

Bis 1920 war Tauziehen olympisch. Träumen Sie sich manchmal diese glorreichen Zeiten zurück?

Die Hoffnung darfst du nie aufgeben.

Sie sind 38 Jahre alt, fahren aber weiter zu Wettkämpfen. Wie lange noch?

Wir kennen keine echte Altersgrenze nach oben. Das Durchschnittsalter bei den Irländerinnen ist 50 Jahre, und die brauchen sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken.

Die schnörkellose Spielanlage im Tauziehen ist vielleicht auch ein Vorteil: Offenbar müssen Newcomer gar keine speziellen Voraussetzungen mitbringen?

Korrekt. Wer Interesse hat, kann sofort einsteigen. Anfangs wird das nicht leicht. Hast du aber Respekt vor der Herausforderung, wirst du dich durchbeißen. Und du wirst Zusammenhalt und Vertrauen in der Gruppe finden: Wir kämpfen gemeinsam, und wir gewinnen gemeinsam. Weil alle das Letzte geben, bis zum Abpfiff. Ich finde das schön.

Tauziehen im Schwarzwald: tauziehfreunde.de;

Tauziehen in Deutschland: weitere Infos beim Deutschen Rasenkraftsport- und Tauziehverband (DRTV), Website www.drtv.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln