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Globalisierung im Wald und auf der Wiese

Auf dem Seeweg, durch die Luft und über Straßen kommen jährlich Tausende neue Arten nach Europa. Hier verändern sie das ökologische Gleichgewicht - eine Gefahr? Von Susanne Aigner

Nahezu jede unserer heutigen Kulturpflanzen geht in ihrem Ursprung auf einen anderen Erdteil zurück. Mais, Kartoffeln und Tomaten kamen aus Südamerika nach Europa. Die Entwicklungsgeschichte des Weizens begann vor tausenden Jahren zwischen Euphrat und Tigris auf dem Gebiet des heutigen Syrien und Iran. Von unseren Äckern sind diese - inzwischen weitergezüchteten - Pflanzen heute nicht mehr wegzudenken.

Sorgen bereiten den Ökologen und zum Teil auch Medizinern die sich in freier Natur ansiedelnden so genannten Neophyten. Denn sie breiten sich unkontrolliert aus, manche verdrängen einheimische Arten und verändern Landschaftsbilder nachhaltig. Schätzungen zufolge ist ein Viertel aller Pflanzen in Europa eingewandert. Einen großen Anteil an der Vermehrung exotischer Pflanzen haben die Botanischen Gärten. Als man im 16./17. Jahrhundert begann, die Welt zu erobern, brachte man viele exotische Pflanzen nach Europa, um sie in den Gärten auszustellen, zum Beispiel in Montpellier, wo seit Ende des 16. Jahrhunderts der älteste botanische Garten Frankreichs besteht.

Durch Austausch mit anderen Botanischen Gärten, Vermehrung durch private Züchter und Verkauf von Zierpflanzen gelang vielen Exoten die Auswilderung in die Natur. So etwa der aus Asien stammende Götterbaum: Er vermehrt sich über Samen und meterlange Wurzelgeflechte, wodurch er andere Bäume vertreibt. Samen und Rinde gelten als giftig und können allergische Reaktionen hervorrufen. In den wärmeren Regionen Deutschlands, vor allem in Ballungsgebieten, ist er weit verbreitet.

Die Goldrute, die im 17. Jahrhundert nach Deutschland kam und sich sowohl über Wurzelrhizome als auch über Samen vermehrt, wuchert auf Brachflächen, Weg-, Straßenrändern und an Bahnstrecken. Mittlerweile sind die Kanadische (Solidago canadensis) und die spät blühende Goldrute (Solidago gigantea) die beiden am weitesten verbreiteten Neophyten in Mitteleuropa. Der Biologe Ewald Weber untersuchte ihre Regenerationsfähigkeit in unterschiedlichen Bodentiefen. Rhizome sind verdickte Sproßachsen, welche Nährstoffe speichern und die Staude befähigen, sich vegetativ zu vermehren sowie ungünstige Witterung im Boden zu überdauern. Weber fand, dass beide Arten wieder austreiben, solange nur das Rhizom überlebt.

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Kreuzstrauchs (Baccharis halimifolia) ist die Ostküste der USA. Entdeckungsreisende brachten sie Ende des 18. Jahrhunderts in die botanischen Gärten von Paris und Montpellier. Nach ihrer Auswilderung aus den Gärten überwucherte der weiß blühende Strauch die französischen Küsten. Die zwei- bis dreijährigen Pflanzen bilden ein spezielles Gift, welches, in großen Mengen aufgenommen, dem Vieh Probleme bereiten kann, weiß der Biologe Aurélien Caillon. Um die Pflanzen kurz zu halten, hält er eine kontrollierte Beweidung der betroffenen Gebiete dennoch für sinnvoll. Außerdem entfernen freiwillige Helfer den wild wuchernden Strauch an Flussufern. Vereinzelte Gärtnereien in Frankreich verzichten inzwischen auf die Zierpflanze und verkaufen statt dessen das ähnlich große heimische, stressresistente Strauchige Hasenohr.

Der Harz gilt als Lebensraum vielfältiger einheimischer Pflanzen. Doch seine artenreiche Flora ist in Gefahr. So verändert der Japanische Staudenknöterich das Ökosystem wie keine andere Pflanze. Einst in Ostasien beheimatet, eroberte er Ende des 18. Jahrhunderts Europa. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete er sich, vor allem an den Ufern von Fließgewässern. Seit Jahren beobachten Förster, wie die wild wuchernde Pflanze einheimische Arten verdrängt. Wo das Kronendach im Wald Lücken für Sonnenstrahlen lässt, beginnt er zu keimen, und zwar dort, wo gewöhnlich Erlen, Eschen und Weiden wachsen. Die erwachsene Pflanze bildet ein dichtes Blätterdach, das kein Licht mehr für andere Pflanzen durchlässt. Abgetrennte Pflanzenteile sind in der Lage, sich vegetativ zu vermehren und überall Wurzeln zu schlagen, welche metertief in die Erde reichen. Nachhaltig bekämpft werden kann der Staudenknöterich nur durch Ausreißen der Wurzel.

Auffallend rosarot blühend in Wäldern, an Schuttplätzen und an Wegesrändern ziehen seine Blüten Bienen und Hummeln an: das Drüsige Springkraut. Das widerstandsfähige Balsaminengewächs aus Indien verbreitet über explodierende Fruchtstände bis zu 4000 Samen. Vielerorts dominiert es inzwischen den Kräuterbestand europäischer Wälder und Auenlandschaften, vor allem an nährstoffreichen Standorten.

Ursprünglich im Kaukasus beheimatet, sollte der Riesen-Bärenklau in der jungen Sowjetunion als Tierfutter angebaut werden. Doch erwies er sich als ungeeignet. Die Felder wurden aufgegeben - doch der Bärenklau blieb. Als Garten-Zierpflanze kam er schließlich nach Europa. Weil seine gewaltigen Blütenstände Bienen anlocken, säten ihn Imker großflächig aus, bis er sich unkontrolliert zu vermehren begann. In einigen Gegenden Deutschlands, wie in Ostfriesland oder im Harz, wuchern heute baumhohe Wälder der Pflanze. Kommt die menschliche Haut mit dem Pflanzensaft in Kontakt, führt dies zu Verbrennungen zweiten oder dritten Grades. Versuche, den Neophyten durch Beweidung mit Schafen zu dezimieren, waren bisher nicht dauerhaft erfolgreich. Eine Pflanze produziert bis zu 100 000 schwimmfähige Samen. Die Schafe fressen alles - bis auf das Wurzel-Rhizom, das keimt nach zehn Tagen erneut aus.

Eine Gefahr für die Gesundheit ist auch das Traubenkraut (Ambrosia), das sich vorwiegend an Straßenrändern und auf Sonnenblumenfeldern ausbreitet. Über verunreinigtes Getreide soll es aus Nordamerika nach Europa gekommen sein. Eine Pflanze kann bis zu einer Milliarde Pollenkörner produzieren, die eine starke Allergie auslösen können, vor allem von Spätsommer bis Herbst. Die Anzahl der erkrankten Personen sei inzwischen bedenklich hoch, so der Allergologe Ulf Gereke. Eine langfristige Lösung könne nur die Beseitigung der Pflanze sein. Weil sie auch Kulturpflanzen den Platz wegnimmt, richtet Ambrosia im Ackerbau großen Schaden an. Ihre Ausbreitung versucht man durch Abflammen zu verhindern. Auch eine Behandlung mit heißem Wasser schädigt die Keime und stoppt ihr Austreiben.

Fremde Arten, die heute unsere Flora dominieren, kamen nicht von heute auf morgen, erklärt der Umweltbiologe Stefan Nehring. Erst 60 bis 70 Jahre nach Erstimport breiten sie sich in der freien Natur aus, während einheimische Arten für ihre Auswilderung etwa doppelt so lange brauchen. In Bremen wurde auf einem alten Industriegelände vor 120 Jahren Wolle aus Südafrika abgeladen, mit ihr kamen Samen des Schmalblättrigen Greiskrautes. Wie alle Kreuzkräuter enthält es die giftigen Pyrrolizidinalkaloide. Zunächst vermehrte es sich auf dem Industriegelände, bevor es seinen Weg durch Norddeutschland nahm. Es wächst vor allem an Autobahnrändern, wo die Samen vom Fahrtwind der Autos mitgenommen werden. Im Ursprungsgebiet ist es eine winterblühende Pflanze, die auch hierzulande im Winter blüht.

Doch kann der Schwund heimischer Arten allein der Ausbreitung exotischer Pflanzen angelastet werden? Manche Wissenschaftler bezweifeln dies. Empfindliche Arten sterben auch dort aus, wo nährstoffarme Lebensräume im Zuge intensiver Landwirtschaft mit Nitrat und Phosphor überdüngt werden, gibt der Biologe Lothar Krieglsteiner zu bedenken. Unmengen an Ammoniak aus Intensivtierhaltungen werden mit dem Regen in die Erde gespült, kritisiert auch der BUND. Und so würden Arten, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind, in der Regel von Neophyten verdrängt. So wächst das Indische Springkraut auf nährstoffreichen Böden besonders üppig.

Auch das Großblütige Heusenkraut fühlt sich in stark eutrophierten (überdüngten) Sümpfen am wohlsten. Aus den Tropen Südamerikas kam es in den Botanischen Garten nach Montpellier und gelangte von dort aus entlang von Flüssen und Kanälen bis nach Deutschland. Dort wurde die Art erstmals vor wenigen Jahren an einem Nebenarm der Leda in Niedersachsen nachgewiesen. Die Stängel der gelb blühenden krautigen, wurzelnden und mehrjährigen Wasserpflanze können bis zu sechs Meter lang werden. Die Teichoberfläche komplett abdeckend, raubt es anderen Lebewesen Licht und Sauerstoff. Das frostresistente Kraut hat keine Fressfeinde und vermehrt sich sowohl vegetativ als auch über die in Fruchtkapseln reifenden Samen. Wo es sich ausbreitet, können Libellenlarven kaum überleben. Am effektivsten ist es zu bekämpfen, indem die gigantische Pflanze komplett aus dem Wasser gezogen wird.

Auch auf anderen Kontinenten verdrängen Invasoren heimische Arten: Während sich in Nordamerika die größte Anzahl fremder Spezies eingebürgert hat, nimmt die Anzahl fremder Arten auf den Pazifikinseln in Bezug auf ihre Landfläche am schnellsten zu. Das ist das Ergebnis einer jüngst im Fachblatt »Nature« veröffentlichten Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams. Untersucht wurden verwilderte Pflanzenarten aus über 840 Ländern und Inseln. Das Ergebnis: 13 200 Pflanzenarten wachsen in verwilderter Form außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes - rund vier Prozent aller bekannten Gefäßpflanzen, Farnartigen und Blütenpflanzen. Ewald Weber, der an der Studie beteiligt war, erforscht an der Universität Potsdam, inwieweit sich invasive Arten in bestimmten Merkmalen wie relativer Wachstumsrate oder Konkurrenzfähigkeit von einheimischen Arten unterscheiden. Die Untersuchungen zeigen einmal mehr, welche Gefahren einwandernde Pflanzen in allen Teilen der Welt für die jeweils einheimische Flora darstellen.

Der Ökologe Uwe Starfinger vom Julius-Kühn-Institut Braunschweig beziffert den jährlichen Schaden für die europäischen Volkswirtschaften durch invasive Arten auf 14 Milliarden Euro. Mit einer starken Zunahme fremder Arten rechnet Wolfgang Nentwig. Mit dem Klimawandel in Europa nähern wir uns den optimalen Wachstumsbedingungen für exotische Arten in den nächsten hundert Jahren an, befürchtet der Professor für Ökologie an der Universität Bern. Gemeinsam mit Kollegen entwickelte er eine Art Schadensrating: Auf Grund qualitativer und quantitativer Daten werden Auswirkungen jeder einzelnen Art auf Tiere, Vegetation, Land- und Forstwirtschaft, menschliche Gesundheit usw. eingeschätzt. Werde nichts unternommen, würden die heimischen Arten massiv verdrängt - zuerst lokal, dann regional und schließlich national. Viele Arten, wie der Japanknöterich, seien bereits heute nicht mehr auszurotten.

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