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Bürger ohne Bürgerlichkeit

Zitternde alte Leute: Leo Fischer über die »Mitte«, die bei Pegida in Dresden ihre ganze Hässlichkeit zeigt

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Gibt es in Deutschland eine bürgerliche Mitte? Hat es sie je gegeben? Wenn, dann ist nicht mehr viel von ihr übrig. Es war ein kurzer Weg von Thilo Sarrazin, dem Geschöpf der »Bild«-Zeitung, über Mattias Mattusek und Bernd Lucke bis zu Frauke Petry und schließlich Akif Pirinçci.

Bei jedem Schritt auf diesem Weg versicherten Sprecher der bürgerlichen Mitte, es gehe alles noch mit rechten Dingen zu, es sei alles in Ordnung - bis sich, Ironie der Geschichte, ausgerechnet die »Bild«-Zeitung gegen »Hetze« in die Brust warf, auf die sie nämlich weiter das Monopol behalten möchte. Bei jedem dieser Schritte verspielte die bürgerliche Mitte ihr Ansehen, brachte ihren Intellekt und ihren Stolz als Opfer da.

Das Ergebnis sieht man in seiner ganzen Hässlichkeit in Dresden marschieren: dicke alte Leute in Windjacken, die Gesichter bleich glänzend vor Aufregung über die eigene Radikalität, die eigene Schamlosigkeit, welche ihrem falben Fleisch gleichsam noch einen letzten Lebensfunken in die sklerotischen Adern bläst. Sie mögen sich nicht für Nazis halten und vielleicht sogar keine sein, sind aber willig ihre menschlichen Schutzschilde: Berge alternden Fleisches, in deren Tälern sich die jugendlicheren Faschos sicher fühlen können.

Überhaupt ist der ganze Pegida-Diskurs der von zitternden alten Leuten: An den Flüchtlingen fürchten sie vor allem Ausschweifungen und sexuelle Zügellosigkeit, alles Dinge, die man von ihnen garantiert nicht zu fürchten hat. Sie verweisen auf Krankheiten unter Flüchtlingen, damit ihre eigene Gebrechlichkeit weniger schlimm erscheint; auf die Potenz muslimischer junger Männer, weil sie selbst keine haben; sie jammern über mangelnde Sprachkenntnisse und strapazieren doch selbst immer nur das immer gleiche, wahnhaft-repetitive Minimalvokabular von »grünversifft«, »Gutmensch« und »Lügenpresse« - das alles in dem hysterischen Heulbojenton, den schon andere erkannt haben als an den zahllosen schlechten Kabarettisten geschult, die im Seniorenfernsehen gegen Goldman Sachs und Netanjahu ulken.

Es sind Bürger ohne Bürgerlichkeit; Bürger ohne Anstand, ohne Dezenz, ohne Schönheitssinn, auch ohne Verantwortung, um eine bürgerliche Kategorie zu zitieren - denn sie wollen nichts weniger, als die Strukturen abbrechen, denen sie ihren Wohlstand verdanken, und letztlich sind ihnen auch die faschistischen Jungen egal, die sich unter ihnen tummeln, weil sie ihre Herrschaft nicht mehr werden erleben müssen. Eine bürgerliche Klasse, die ihre Klasse verloren hat, braucht niemand mehr.

Hätte es nicht schon bei Breivik so weit sein müssen?

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