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»Danke Griechenland«

Eine Ärztin berichtet aus Lesbos und Kreta

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Bei stürmischem Wetter ist am Sonntagmorgen wenige Kilometer östlich der Ägäisinsel Lesbos erneut ein Flüchtlingsboot gekentert. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben, 15 werden vermisst.

»Wie lange müssen wir noch laufen?«, fragten die Flüchtlinge 30 Kilometer vor dem Ziel, dem Hafen von Lesbos. Der Weg von den Stränden, wo die Schlauchboote aus der Türkei ankommen, bis zum Hafen, wo die Fähren Richtung Athen und Thessaloniki fahren, ist fast 50 Kilometer lang. In kleinen Gruppen liefen die Menschen entlang der Straße, die sich durch Hügel und Felder windet. In einem Dorf passierten die Neuankömmlinge ein Schild, das ein Anwohner aufgestellt hat. »Nicht in unser Dorf, nicht in unsere Schule. Es gibt andere Lösungen für die Flüchtlinge.« Aber das war eine Ausnahme.

Insgesamt sei die Einstellung der Bevölkerung sehr freundlich, erzählt Eleni Ioannidou, eine Ärztin aus der nordkretischen Stadt Rethymno, die kürzlich zusammen mit drei Kolleginnen eine Woche lang für einen Freiwilligeneinsatz auf Lesbos war. Ich treffe sie im städtischen Krankenhaus von Rethymno. Spätabends, während einer 24-Stunden-Schicht, hat sie Zeit für ein Gespräch.

Die Ärztinnen aus Kreta erlebten immer wieder herzzerreißende Szenen. Nachdem sie griechisches Territorium betreten hatten, umarmten sich die Menschen begeistert. Sie küssten sich und den Boden, riefen begeistert »Danke, Griechenland«, machten Selfies. »Doch die Schwimmwesten der Kinder waren nicht gut«, erregt sich Eleni, die selbst zwei Kinder hat. Überall am Strand finde man welche, die für Planschbecken taugen mögen, aber nicht auf dem Meer.

Sie erzählt, dass einige leere Schlepper-Boote schließlich Richtung Türkei abdrehten. Eines jedoch wurde von einem Frontex-Hubschrauber an der Weiterfahrt gehindert, bis ein Schiff der Marine kam und das Boot beschlagnahmt wurde.

Zeugnisse der Situation auf Lesbos will Eleni, die auch in einem selbstorganisierten, nichtstaatlichen Gesundheitszentrum arbeitet, Ende Oktober auf einer Informationsveranstaltung in ihrer Heimatstadt präsentieren, darunter Fundstücke von den Stränden: Kinderspielzeug, Frauenkopftücher, Schwimmwesten. Außerdem sollen Soziologen von der Universität ihren Bürgern das »Phänomen Flüchtlinge« erklären.

Eleni traf auf Lesbos auch Helfer aus Norwegen und anderen Ländern. Aber es herrsche ein ziemliches Chaos. Die Freiwilligengruppen verschiedener Hilfsorganisationen fuhren immer nur dorthin, wo gerade ein Boot angekommen war, andernorts fehlten dann Helfer. Besser wäre eine koordinierte Verteilung auf alle Strände, um immer rechtzeitig vor Ort zu sein.

Die Ärztin hat viele Ideen, weshalb sie jetzt einen Bericht mit Vorschlägen an das Athener Flüchtlingsministerium geschrieben hat. So gebe es an den Stränden keine Toiletten. Die Flüchtlinge lassen ihre nassen Sachen und Schwimmwesten einfach liegen. Man könne doch eine Wäscherei in Betrieb nehmen, die die nassen Sachen wäscht und trocknet. Hinterlassene Schlauchboote könnten von der örtlichen Verwaltung recycelt werden, anstatt die Boote und ihre Motoren von Geschäftemachern ausschlachten zu lassen, kaum dass die Flüchtlinge einen Fuß auf griechischen Boden gesetzt haben.

Der griechische Staat hat es bisher nicht geschafft, die Hilfsarbeit zu koordinieren. UNO und Ärzte ohne Grenzen sind die wichtigsten Organisatoren auf der Insel. Für die große Zahl an Flüchtlingen haben sie aber nicht genug Fahrzeuge. Nur die Kranken, Kinder und Schwangeren dürfen mit dem Bus zu den Camps fahren, wo die Flüchtlinge innerhalb von zwei Stunden registriert werden und dann weiterreisen können - wenn sie denn Geld haben. Die Wohlhabenderen verlassen die Insel mit dem Flugzeug. Die anderen warten auf die Fähren. Manche campen direkt auf der Hafenpier und hoffen auf Geld von Hilfsorganisationen.

Der Tourismus auf Lesbos sei zusammengebrochen, erzählt Eleni. Stattdessen werde die Wirtschaft auf der Insel jetzt durch die Flüchtlinge angekurbelt. Hotels und Restaurants seien voll von Syrern. Zwei Camps gebe es auf der Insel, eines für Syrier, eines für Afghanen, Pakistaner und Angehörige anderer Nationen. Diese Lager seien sehr schmutzig. »Ich denke, das ist ein Problem der Organisation«, sagt die Ärztin. Viele Afghanen fliehen vor wirtschaftlicher Not. Eleni zeigt ein Foto von einem Schlauchboot, in dem nur junge Männer sitzen. Ihre Pässe würden sie kurz vor der Ankunft auf Lesbos ins Meer werfen und bei der Registrierung im Lager dann erklären, dass sie Syrer seien. Von Europa aus, so hofften diese jungen Männer offenbar, könnten sie dann ihre Familien in der Heimat ernähren.

Neun Kilometer liegen zwischen dem türkischen Festland und der Insel Lesbos. Die Überfahrt dauere im günstigsten Fall eineinhalb Stunden, so Eleni. »Doch viele Boote sind 24 Stunden unterwegs. Sie haben die Orientierung verloren. Und manche schaffen die Überfahrt gar nicht und sinken.« Damit die Boote den Weg zur besten Landestelle finden, haben Eleni und ihre Kolleginnen versucht, orangefarbene Schwimmwesten als Navigationsinstrumente zu benutzen. Denn am Steuer sitzen oft Flüchtlinge ohne jegliche Ortskenntnis. »Auf der türkischen Seite zahlt jeder Flüchtling 1000 Dollar. In ein Schlauchboot passen 40 Personen. Nachdem sie bezahlt haben, bekommen die 40 Leute das Schlauchboot zur eigenen Verfügung«, erzählt die Ärztin.

Die Hilfsbereitschaft in Griechenland sei wirklich sehr groß, erzählt Eleni, obwohl es im Lande 28 Prozent Arbeitslosigkeit gebe. Auf Kreta etwa sieht man überall an Supermärkten und öffentlichen Gebäuden kleine, einfach gedruckte Aufrufe, Kleidung, Nahrung und Hygieneartikel für Flüchtlinge zu spenden. Kreta selbst gehört nicht zu den Inseln, die häufig von Flüchtlingen angesteuert werden; aber viele Griechen verstehen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Aversionen gegen Flüchtlinge sind auf dieser Insel kaum anzutreffen. Wohl auch, weil hier schon seit Anfang der 90er Jahre viele Arbeitsmigranten, meist Albaner und Bulgaren, in der Gastronomie und auf dem Bau zu finden sind. Und Anfang des 20. Jahrhunderts, als sie von den Türken aus Kleinasien vertrieben wurden, waren viele Griechen selbst Flüchtlinge.

Doch wenn die heutigen nicht weiterreisen sollten, sondern in Griechenland blieben, würde die Situation im Land »wohl schwieriger« werden, weiß auch Eleni. Denn gegen die Einbürgerung von Migranten gibt es nach wie vor starke Widerstände. Von den Arbeitsmigranten, auch aus Ägypten oder Eritrea, die ich getroffen habe, besaß trotz Aufenthalts von manchmal mehr als 15 Jahren niemand einen griechischen Pass.

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