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Auf alles gefasst sein

Jedes Mal, wenn ich einkaufe und die Waren einpacke, überkommt mich die Furcht, Opfer einer Geiselnahme zu werden. Ich wäre nicht darauf vorbereitet. Mental schon, aber nicht zeitlich. Meine Einkäufe erledige ich stets vor einem anderen Termin, meist einem Auftrittstermin, und wenn ich den verpasse, verdiene ich kein Geld. Wie würde ich mich verhalten? Ich glaube, ich würde all meinen Mut zusammennehmen, auf den Mann mit der Pistole zugehen, mich wutentbrannt vor ihm aufbauen und brüllen: »Meine Güte, kannst du nicht in fünf Minuten wiederkommen, wenn ich weg bin?«

Vielleicht wäre er so überrascht, dass er wie versteinert stehenbleibt. Ich könnte ihm zwischen die Beine treten, um ihn außer Gefecht zu setzen, oder aber ich nehme ihm die Pistole weg und schmeiße sie irgendwo hin. Daraufhin erwacht er aus seiner Starre und flüchtet. Dann würde ein Tumult ausbrechen, alle würden mich als Retter feiern wollen, aber ich würde barsch reagieren, meinen Rucksack packen und den Laden verlassen. Aber was wäre, wenn ich Tage später wiederkomme, um das Pfand zurückzubringen? Wie werden die Angestellten reagieren? Werden sie mich aufhalten wollen, um mir einen Präsentkorb zu überreichen?

Was ist, wenn ich in eine Art Falle laufe? Die Verkäuferinnen sollten mich kennen und auch wissen, wann ich gewöhnlich den Markt aufsuche. Sie könnten die Presse einbestellen, und während ich auf den Automaten zusteuere, verhalten sich alle unauffällig. Dann aber springen sie hinter den Regalen hervor, der Filialleiter drückt mir den Präsentkorb in die Hand, ein Vertreter der Polizei beglückwünscht mich zu meiner Tat und ein Reporter macht Fotos.

Vielleicht sollte ich die Filiale wechseln? Was aber, wenn dort »Fahndungsplakate« hängen, weil die Kette mich unbedingt belohnen will? Oder Freunde verpfeifen mich und plötzlich stehen der Filialleiter, der Polizeidirektor und der Reporter vor der Tür? Und das nur, weil ich dem Täter das Handwerk gelegt habe. Vielleicht sollte ich mich den Forderungen beugen? Wir knien alle auf dem Boden, die Hände hinter dem Rücken und warten ab. Wenn es nur ein Raubüberfall ist, dann wäre die Angelegenheit schnell erledigt. Was aber, wenn der Geiselnehmer eine Rechnung mit dem Filialleiter offen hat, der sich in seinem Büro versteckt? Oder er fordert Weltfrieden oder das bedingungslose Grundeinkommen für jeden? Das kann dauern.

Vielleicht kann ich flüchten? Wenn er jetzt die Filiale betritt, habe ich den Vorteil, dass ich seine Absichten kenne. Er wird sich erst orientieren müssen und ich habe genug Zeit, um abzuhauen. Eilig zerre ich an dem Reißverschluss des Rucksacks. Ich haste zum Ausgang und als ich die Schiebetüren hinter mir habe, kommen mir zwei Männer entgegen, die sich Sturmhauben über den Kopf ziehen. Ich fange an zu laufen und denke mir: Es ist nicht verkehrt, sich über so scheinbar merkwürdige Dinge Gedanken zu machen.

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