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Deutschland, ein Herbstmärchen

In der DFB-Affäre beharken sich alle Seiten. Nun soll Niersbach vor den Sportausschuss

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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In seiner schweren Krise präsentiert sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) noch immer völlig hilflos. Derweil mehren sich die Vorwürfe um die WM-Vergabe 2006.

Beim »Spiegel« beherrscht man sie, jene erzählerischen Gepflogenheiten des Boulevardjournalismus, die immer einem Gut-Böse-Schema folgen. Nachdem das Magazin in der DFB-Affäre um die mutmaßlich gekaufte Weltmeisterschaft 2006 in der vorletzten Woche den amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach als heimtückischen Tölpel darstellte, stilisieren die Redakteure im aktuellen Heft ihren Kronzeugen Theo Zwanziger zum Edelmann. Niersbachs Amtsvorgänger sei ein »messerscharf denkender und präzise formulierender Jurist«, der »getrieben von ernsthafter Sorge« sei.

Doch sind die Rollen hier wirklich so klar vergeben? Im Organisationskomitee (OK) war Zwanziger der Finanzverantwortliche. Wie kann es sein, dass er im Jahr 2005 nicht wusste, wofür er die Überweisung von zehn Millionen Schweizer Franken (6,7 Millionen Euro) an die FIFA freigab? Es handelte sich dabei offenbar um die Rückzahlung an den 2009 verstorbenen Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, der diese Summe 2000 dem DFB geliehen haben soll, um Stimmen für die Vergabe der WM 2006 an Deutschland zu kaufen.

Als sich 2005 die Frage stellte, wie das Geld an Dreyfus zurückfließen kann, soll die FIFA beigesprungen sein. Die WM-Eröffnungsfeier habe eigentlich der Weltverband finanzieren müssen. Hierfür habe man den DFB jedoch »um einen Zuschuss gebeten« - gut sieben Millionen Euro. Die wiederum seien dann auf Dreyfus’ Konto gelandet. Warum die schwerreiche FIFA den DFB um finanzielle Hilfe bat, das will Zwanziger nicht hinterfragt haben, weil er - wie der »Spiegel« mit staatstragendem Verständnis schreibt - nicht als vaterlandsloser Geselle dazustehen trachtete: »Gut ein Jahr vor der WM wollte Zwanziger damals keinen Skandal riskieren.«

Dass die 6,7 Millionen Euro, die 2000 an Dreyfus flossen, 2002 an FIFA-Exekutivkomiteemitglied Mohammed bin Hammam gingen, wie Zwanziger unter Berufung auf ein Telefonat mit seinem OK-Kollegen Horst R. Schmidt behauptet, wies Letzterer nebulös zurück: »Der Name bin Hammam ist möglicherweise gefallen. Aber ich werde nicht behaupten, dass er Empfänger des Geldes ist. Ich weiß es einfach nicht«, sagte Schmidt in »Bild«. Mit dem WM-Botschafter Günter Netzer, dem Zwanziger im »Spiegel« nachsagt, er habe einen Stimmenkauf während der WM-Bewerbung bestätigt, dementierte ein weiterer Beschuldigter.

Die unglücklichste Figur macht weiterhin Niersbach. Sein Rücktritt scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, zumal der Sportausschuss des Deutschen Bundestags ihn für den 6. November eingeladen haben soll, wie die »FAZ« berichtet. Niersbach muss dort nicht aussagen, aber eine Verweigerung würde seine prekäre Lage nicht eben verbessern. Am Donnerstag hatte er lanciert, bei der über Dreyfus an die FIFA getätigten Zahlung handele es sich um eine durch den suspendierten FIFA-Präsidenten Joseph Blatter von Franz Beckenbauer geforderte Vorabzahlung für den 170-Millionen-Euro-Zuschuss der FIFA. Dem widersprach Blatter: »Ich habe niemals Geld von Beckenbauer verlangt. Nie im Leben. Auch nicht vom DFB. Das stimmt einfach nicht«, sagte er der »Schweiz am Sonntag«.

Beckenbauer ist als OK-Boss die zentrale Figur der ganzen Sache. Er zieht es aber noch immer vor, sich nicht öffentlich zu äußern. Von dem sonst so redseligen »Kaiser« ist freiwillig kein Beitrag zur Aufklärung zu erwarten. Sein bislang letzter öffentlicher Einsatz stammt von Anfang Oktober, als er sich für den Südafrikaner Tokyo Sexwale als Blatter-Nachfolger stark machte. Erwartungsgemäß warf dieser am Sonntag seinen Hut in den Ring; von Beckenbauer jedoch ließ sich nichts vernehmen.

Weil staatliche Behörden aufgrund des Ablaufs von Verjährungsfristen wohl keine Ermittlungen aufnehmen werden, kann Beckenbauer zumindest in der DFB-Affäre nicht zum Reden gezwungen werden. Dabei wäre seine Aussage wichtig, da sich die Vorwürfe weiter mehren: Laut einem Bericht der »Süddeutschen Zeitung« soll die FIFA 2003 insgesamt 40 Millionen Euro vom deutschen OK verlangt haben. 33 Millionen seien für Informationstechnik bei der WM vorgesehen gewesen, sieben Millionen »zum Zeichen der deutschen Solidarität mit Afrika«. Beckenbauer habe damals abgelehnt, es sei jedoch »unter Einschaltung der Regierung eine Lösung gefunden« worden mit späteren Zahlungen von 20 Millionen Euro und einer Beteiligung des OK an Gewinnen.

Eine aufklärende Reaktion gab es bisher weder aus dem Bundesinnenministerium noch vom DFB. Beim Verband versucht man, Zwanziger einen Rachefeldzug gegen Niersbach zu bescheinigen. Seinen Teil zur Wahrheitsfindung muss der DFB noch leisten. Solange Niersbach versucht, der Öffentlichkeit sein Herbstmärchen weiszumachen, werden die Medien ihn weiter vor sich hertreiben.

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