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Viele Stürze, viele Tränen

Die deutschen Turnerinnen verpassen bei der WM in Schottland das avisierte Olympiaticket

Die deutschen Turnerinnen haben Nerven gezeigt. Nach dem zwölften Platz bei der WM müssen sie nun im April die zweite Chance für Olympia nutzen. Hoffnung machen vier Finalplätze.

Von Frank Thomas, Glasgow

Trainingstortur statt Weihnachtsurlaub: Die Konsequenzen des enttäuschenden Auftritts der deutschen Turnerinnen bei den Weltmeisterschaften in Glasgow sind bitter. »Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und mich gefragt, was wir falsch gemacht haben«, berichtete Cheftrainerin Ulla Koch, nachdem ihre Riege am Freitagabend aufgrund einer Sturzserie auf Platz zwölf die direkte Olympiaqualifikation klar verfehlt hatte. »Wir werden eher mit dem Training einsteigen müssen, das heißt, der Weihnachtsurlaub wird gestrichen. Nur über die Feiertage werden die Mädels bei ihren Familien sein können - zwei bis drei Wochen Urlaub wie sonst sind nicht drin«, sagte Koch.

»Die Welt geht nun nicht unter«, tröstete sie ihre Schützlinge, die noch 24 Stunden nach ihrem Auftritt Tränen in den Augen hatten. Es sei aber eine Illusion zu glauben, dass die zweite Olympiaqualifikation in Rio einfacher würde. »Das wird keine Kaffeefahrt an die Copacabana. Vielleicht war es leichter, hier das Ticket zu holen«, befürchtet Koch. Beim Testwettkampf im April 2016 qualifizieren sich nur noch vier von acht Riegen für Olympia.

Unbeeindruckt von den sechs Stürzen ihrer Teamgefährtinnen präsentierte die Saarländerin Pauline Schäfer einen glänzenden Vierkampf. Zur Belohnung zog sie nicht nur als Zwölfte in die Mehrkampfentscheidung am Donnerstag ein. Sie erreichte auch als erste Deutsche seit der achtplatzierten Monheimerin Julia Stratmann 1994 in Brisbane ein WM-Finale am Schwebebalken. »Dann wird auch wieder mein Schäfersalto zum Programm gehören«, kündigte sie an.

Die 18-Jährige gab sich auch mit Blick auf Olympia angriffslustig: »Dann fahren wir eben zweimal nach Rio. Aber im April müssen wir abliefern, sonst sieht es schlimm aus.« Ulla Koch hat sich schon eine Extramotivation für ihre Sportlerinnen ausgedacht, falls sie die zweite Chance nutzen. »Dann werden wir uns an der Copacabana eine Woche von den Strapazen erholen.«

Sophie Scheder konnte sich über ihren Finaleinzug als Vierte am Stufenbarren nicht so recht freuen. »Nach den Fehlern am Balken und am Boden wollte ich noch einmal angreifen. Schließlich haben wir uns lange und hart auf diese WM vorbereitet«, sagte die Chemnitzerin zwölf Stunden nach ihrem schwarzen Tag und brach wieder in Tränen aus: »Ich kann die Fehler nicht erklären.«

An ihrem Lieblingsgerät Stufenbarren lieferte sie aber eine starke Leistung ab und will nun versuchen, im Finale die Spitzenplätze anzugreifen. Verschmerzen konnte sie, dass außer ihr auch die Britin Kelly Simm die Weltneuheit am Barren vorstellte. Der »freie Hindorff«-Flieger wird damit nicht unter dem Namen »Scheder« ins Regelwerk des Verbandes eingehen. »Das stand nicht im Vordergrund«, sagte sie.

Einen Finalplatz in letzter Sekunde ergatterte auch Elisabeth Seitz, die sich nach starken drei Übungen an ihrem besten Gerät Barren einen Patzer erlaubt hatte. »Ich bin happy, dass ich mich noch einmal vorstellen darf«, meinte sie, als sie nach langem Zittern auf Platz 23 noch ins Feld der besten 24 Mehrkämpferinnen gerückt war. dpa/nd

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