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War das Mordmotiv an Briten in Berlin Ausländerhass?

Zeuge im Fall des getöteten Luke Holland erhebt schwere Vorwürfe gegen mutmaßlichen Täter Rolf Z.

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Der Mord an Luke Holland hatte einen rassistischen Hintergrund, behauptet ein Barbesitzer, vor dessen Club in Berlin-Neukölln die Tat geschah. Der mutmaßliche Todesschütze Rolf Z. spielte auch im Fall Burak Bektas eine Rolle, der ebenfalls in Neukölln auf der Straße erschossen worden war.

Die abgelegten Blumengebinde sind vertrocknet und die Grablichter erloschen. Die Erinnerung an den an dieser Stelle auf dem Gehweg mit einer Schrotflinte erschossenen 31-jährigen Briten Luke Holland an der Ecke Ringbahnstraße / Walterstraße in Neukölln verblasst zusehends in diesen Tagen.

Gleich nebenan, in dem »Gastropub« und »Art Gallery« Del Rex, sind die Ereignisse der frühen Morgenstunden des 20. September allerdings noch frisch im Gedächtnis. »Wir haben ein sehr lautes Geräusch gehört«, sagt Ryan, der Betreiber des Del Rex. Seinen Nachnamen möchte er aus Angst nicht in einer Zeitung sehen. Nach vier Wochen Ermittlungen und vielen Zeugenfragungen ist der Kneipier sichtlich verunsichert. Nach dem Knall sei er zur Tür gegangen und habe draußen nichts gesehen, sagt Ryan. Erst etwa zehn Minuten später habe ein Clubbesucher, der den Laden verlassen wollte, den angeschossenen Briten auf dem Gehweg um die Ecke aufgefunden. Das Opfer starb auf dem Weg ins Krankenhaus. »Der Freund hat Rolf Z. mit der Schrotflinte auf der Straße gesehen«, behauptet Ryan. Anschließend soll sich der Täter laut Augenzeuge ruhigen Schrittes entfernt haben. Der 62-jährige Rolf Z. wurde noch am selben Abend gegen 21 Uhr von der Polizei festgenommen. Ein Motiv gebe es nicht, hieß es bislang seitens der Ermittlungsbehörden. Dabei, so wurde »nd« aus Polizeikreisen bestätigt, war bei einer Wohnungsdurchsuchung neben einer antiquierten Vorderladerwaffe und anderen Dingen auch ein Bild von Adolf Hitler gefunden worden. Hat also ein Rechtsextremist den jungen britischen Anwalt erschossen?

Dass der Clubbetreiber des Del Rex sich an »neues deutschland« wendet und sein Schweigen gegenüber den Medien bricht, hat auch mit der aus seiner Sicht bisherigen »absurden« Berichterstattung zu dem Fall zu tun. »Es gab keine Lärmbeschwerden von Anwohnern«, betont Ryan. Vielmehr war der mutmaßliche Täter Rolf Z. rund ein halbes Dutzend Mal selber Gast im Del Rex – auch in jener Nacht vom Sonnabend auf Sonntag, den 20. September. Waren bei den ersten Besuchen Z. meistens deutschsprachige Gäste anwesend, mit denen er sich unterhalten konnte, war die Situation in der Tatnacht eine andere: Im Club waren fast nur englischsprachige Menschen und Spanier. »Wieso sind hier so viele Ausländer, keiner kann richtig Deutsch sprechen«, soll Z. laut dem Clubbetreiber gesagt haben. Von diesem Punkt an sei dessen Laune angeblich gesunken, will Ryan beobachtet haben. Mit dem Gast Rolf Z. soll es aber schon bei einem früheren Besuch im Del Rex Ärger gegeben haben. Dabei, so will es ein Freund des Barbetreibers erlebt haben, soll Z. nach einem Streit ihm gedroht haben, ihn zu erschießen. Alle diese Aussagen wollen die Zeugen auch gegenüber der Polizei gemacht haben.

Im nahe gelegenen Kiez um die Ringbahnstraße geht nun die Angst um. Eine Migrantin, die im selben Haus wie Rolf Z. wohnt, sagt, sie habe Angst um ihre Kinder, die im Hof spielen. Dass die Behörden ein mögliches rassistisches Motiv verschleiern, sorgt für weitere Verunsicherung. »Wir fordern, dass die Behörden mitteilen, was sie rausgefunden haben«, sagt die Migrantin, die ihren Namen ebenfalls aus Angst vor Rechtsextremisten nicht in der Zeitung sehen will.

Der mutmaßliche Schütze Rolf Z. ist unterdessen kein Unbekannter. Alarmiert durch die Polizeimeldungen zum Fall Luke Holland, haben sich Anwälte, die die Familie des am 5. April 2012 ebenfalls in Neukölln erschossenen Burak Bektas vertreten, noch einmal die Akten vorgenommen. Burak Bektas war damals von einem älteren Herren, laut Zeugen »50 plus«, in einer Gruppe stehend in der Nähe des Krankenhauses Neukölln auf offener Straße erschossen worden – mehrere Freunde von Burak Bektas wurden schwer verletzt. Bis heute ist diese Tat nicht aufgeklärt. Bei der Lektüre der Akten zum Fall Bektas stießen die Anwälte tatsächlich auf den Namen Rolf Z. »Ein Hinweisgeber hat im Jahr 2013 einen Hinweis auf einen gewissen Ralf Z. in der Ringbahnstraße gegeben«, sagt Ogün Parlayan, der Anwalt der Familie Bektas. Gemeint war allerdings Rolf Z. Laut Aussage des Tippgebers habe es bei Z. irgendwann 2007 oder 2008 eine Durchsuchung gegeben, bei der 50 scharfe Patronen gefunden wurden. Außerdem habe es Hinweise darauf gegeben, dass Z. gerne zu seinem Bruder ins Krankenhaus Neukölln fahre, um dort »zu ballern«, also zu schießen, so Ogün Parlayan. Der mutmaßliche Schütze Rolf Z. soll zudem dem Hinweisgeber bei einer Gelegenheit eine Waffe gezeigt haben. Letztendlich habe die Polizei die Spur allerdings nicht weiterverfolgt. Offenbar, weil die Ermittler keinen Bezug zu Neukölln gesehen haben. »Dabei wohnt der Mann in Neukölln, ist als Waffennarr polizeilich bekannt und es wurden scharfe Patronen beim ihm gefunden«, kritisiert Ogün Parlayan. Nach den bekanntgewordenen Parallelen zwischen den beiden Fällen fordert der Anwalt, dass mindestens die Lichtbilder von Rolf Z. den Opfern und Zeugen im Fall Bektas vorgelegt werden.

Sorgfalt fordert auch die linke »Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektas« schon seit Jahren unter anderem mit regelmäßigen Mahnwachen. Nach der Erschießung Luke Hollands hat sich die Initiative, die immer eine rassistische Tatmotivation im Fall Bektas in Betracht gezogen hatte, erneut an die Öffentlichkeit gewandt, und Aufklärung zu den rechtsextremen Verbindungen Rolf Z. gefordert.

War in Neukölln also ein ausländerfeindlicher Serienmörder am Werk? Bei der Berliner Staatsanwaltschaft hat man diesbezüglich aktuell keine neuen Erkenntnisse. »Der Zusammenhang ist, dass der Beschuldigte in diesem Mordverfahren auch in der Akte Bektas vorkommt«, sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, dem »nd«. Weitere Querverbindungen gebe es zwischen den beiden Verfahren nicht. Und: Außerdem sei weiterhin kein »tieferes Motiv« bei dem »verschrobenen Typen« Rolf Z. mit seinen »Deko-Waffen« zu erkennen.

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