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Eine engherzige Goldmarie

Dresden konnte lange als die Vorzeigestadt im Osten gelten - und ist derzeit dabei, seinen Ruf ohne Not zu ruinieren

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 7 Min.
Dresden ist die »Goldmarie« unter den Großstädten im Osten: Die Wirtschaft brummt, Touristen strömen, der Haushalt ist solide. Dennoch fallen hier die Ressentiments von Pegida auf fruchtbaren Boden.

Kürzlich hat Nabil Yacoub eine Anfrage aus Kairo erhalten. Eine ägyptische Zeitung bat den versierten Journalisten, eine schlichte Frage zu beantworten: Warum Dresden? Warum versammeln sich ausgerechnet in der Stadt im Elbtal seit einem Jahr jeden Montag Tausende, um ihrem Unmut Luft zu machen: über Flüchtlinge, die sie »Invasoren« nennen, über Politiker, die sie als »Volksverräter« beschimpfen, über gesellschaftliche Zustände, denen sie ihren »Widerstand« androhen? Nabil Yacoub, der lange Jahre für die wichtigste kulturpolitische Zeitschrift der arabischen Welt gearbeitet hat, dachte reiflich nach - und hob dann die Hände: »Ich kann es nicht beantworten.«

Yacoubs Ratlosigkeit rührt nicht aus unzureichender Kenntnis der Stadt und ihrer Bewohner. Seit er im September 1959 mit einem Stipendium an der Elbe kam, um an der Technischen Universität das Fach Strömungstechnik zu studieren, hat er stets hier gelebt. Auch als er sich später dem Schreiben zugewandt hatte und seine Redaktion ihn während des dortigen Bürgerkriegs nach Libanon schickte, blieb seine Familie in Dresden. Nach dem politischen Umbruch von 1989, der ihm »wie ein Umzug in eine andere Welt« anmutete, engagierte er sich in der nunmehrigen sächsischen Landeshauptstadt im Ausländerrat, dessen Geschäftsführer er von 1996 bis 2007 war. Dresden wurde ihm Heimat; er fühlt sich längst nicht mehr als Zugereister: »Im Alltag denke ich nie, dass ich ein Ausländer wäre.«

In dem halben Jahrhundert, in dem Yacoub in Dresden lebte, hat sich die Stadt enorm verändert. Als Student sah er noch die großen Verheerungen, die der Krieg hinterlassen hatte - und trug mit seinen Kommilitonen bei Arbeitseinsätzen dazu bei, dass sie beseitigt wurden. Die Wiederauferstehung in alter Pracht, die vor genau zehn Jahren mit der Weihe der wieder errichteten Frauenkirche zum vorläufigen Abschluss kam, ist einer der Gründe für den bemerkenswerten internationalen Ruf der Stadt an der Elbe: Der barocke Prunk mit Zwinger und Semperoper, Grünem Gewölbe und der von George Bähr entworfenen Kirche mit der mächtigen Sandsteinkuppel lockte allein im ersten Halbjahr 2015 mehr als 900 000 Touristen nach Dresden - eine wirtschaftlich einträgliche Popularität, von der die meisten anderen ostdeutschen Großstädte nur träumen können.

Auch in anderer Hinsicht galt Dresden lange als eine Art Goldmarie im Osten - oder als ein »Springteufelchen«, wie ein Nachrichtenmagazin vor Jahren über die »überraschendste deutsche Technopole« schrieb: Nirgends auf der Welt gebe es mehr Institute für angewandte Forschung, hieß es. In Dresden sind Fraunhofer-, Helmholtz- und Max-Planck-Gesellschaft mit Instituten vertreten; allein die außeruniversitäre Forschung beschäftigt über 4000 Menschen. Die Technische Universität ist seit 2012 als Exzellenzuniversität anerkannt - als einzige im Osten. Zum Ruf als »Technopole« trägt zudem bei, dass in und um Dresden das europaweit wichtigste Zentrum der Halbleiterproduktion entstanden ist: mit Tausenden Arbeitsplätzen bei den Chipherstellern Global Foundries und Infineon sowie in vielen kleineren Firmen. Es gibt zahlreiche weitere renommierte Betriebe - von der VW-Manufaktur bis zum Orgelbauer Jehmlich. Über 595 000 sozialversicherungspflichtige Jobs verzeichnete die IHK in einer Statistik vom Sommer 2014.

Derlei Prosperität macht die Stadt attraktiv: Die seit Jahren wachsende Bevölkerungszahl soll bis 2030 noch einmal um 40 000 steigen. Während andere ehemalige Bezirksstädte schrumpfen, gibt es in Dresden einen Ansturm auf die Kindergärten - Folge der hohen Geburtenrate in der Stadt. Zu den wenigen Schattenseiten des Booms gehört, dass Wohnungen knapp und teurer werden. Das Problem hat eine Wurzel auch im umstrittenen Verkauf der städtischen Wohnungsgesellschaft im Jahr 2006. Dank des Erlöses wurde Dresden freilich auch zur einzigen deutschen Großstadt, die keine Schulden mehr hat - und damit Spielräume, um die sie andernorts beneidet wird: Derzeit saniert man den markanten Kulturpalast und baut gleichzeitig ein ehemaliges Kraftwerk zu einem weiteren Kulturtempel um.

Die Geschichte vom märchenhaften Boom im Elbtal wurde gern erzählt; die konservative Landespolitik schmeichelte dem Stolz ihrer Sachsen, die wahlweise als tatkräftig, einfallsreich, jedenfalls aber irgendwie besonders gepriesen wurden. Schattenseiten nahmen lange Zeit nur wenige wahr; manche Beobachtung fügt sich zudem erst in der Rückschau in ein Gesamtbild ein. Nabil Yacoub erinnert sich, wie er 1996 die Spielpläne der Theater in der sächsischen Kulturstadt studierte und eine merkwürdige Einseitigkeit feststellte: Gespielt wurden europäische und nordamerikanische Autoren, kaum Russen, nichts aus Afrika oder Asien. »Die Kultur war konzentriert westeuropäisch«, sagt Yacoub.

Es ist eine Beobachtung im Detail, die aber durchaus exemplarisch ist: Man schmorte in Dresden gern im eigenen Saft und passte, so scheint es, den geistigen Horizont der örtlichen Topografie an. Die Stadt liegt, wenn auch malerisch eingebettet, doch in einem Talkessel. Weit reicht der Blick nicht - und muss es nach Meinung vieler Einheimischer angesichts der ach so netten Lage auch nicht. Selbstgenügsamkeit, die zur charakterlichen Grundausstattung nicht weniger in Dresden gehört, ist eine offenbar nicht zu unterschätzende Quelle für das Phänomen Pegida, wie deren Ex-Mitorganisator René Jahn bestätigt. »Der Dresdner möchte das Fremde nicht«, sagte er kürzlich der »Sächsischen Zeitung«; er wolle »sein schönes Elbtal bewahren, und gut ist.« Die Bewegung, fügt er hinzu, habe so nur in einer Stadt entstehen können, die Jahn als die »konservativste Großstadt Deutschlands« bezeichnet.

Und sie konnte entstehen, weil Warnhinweise nicht ernst genommen wurden. Wie Provinzialität und Fremdenhass zusammenhängen, las Nabil Yacoub schon in einer Studie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«, die 2006 erschien und, wie es Yacoub empfand, »schockierende Zahlen« zu Islamophobie und Antisemitismus in Sachsen enthielt. Besonders erschreckt hätten ihn die hohen Quoten unter konfessionell gebundenen Menschen. Über die Befunde hätte geredet werden müssen, sagt Yacoub; doch eine Debatte fand nicht statt. Er selbst wurde durch einen diskreten Hinweis auf das Papier aufmerksam; die Landespolitik deckte über die unerquicklichen Zahlen den Mantel des Schweigens: »Für die Regierung hatte das Thema keine Priorität.«

Inzwischen wogt die Debatte um so heftiger - wenn auch nicht im Dresdner Kabinett, wo man sich nach anfänglichen Dialogangeboten an »besorgte Bürger« derzeit entschieden zu haben scheint, das unerquickliche Thema auszusitzen. Derweil suchen Journalisten und Wissenschaftler umso eifriger nach Gründen, warum sich ausgerechnet in der am stärksten prosperierenden Stadt Ostdeutschlands derart ungezügelt Ressentiment und Unzufriedenheit Bahn brechen. Nachdem Pegida vor gut einer Woche vor der Semperoper einjähriges Bestehen gefeiert hatte, sinnierte der »Tages-Anzeiger« aus der Schweiz über »sächsischen Chauvinismus« als »Wurzel des Pegida-Konservatismus«. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler aus Berlin, attestierte den Sachsen, sie seien im Osten »führend in Sachen Heimatliebe in Verbindung mit Fremdenfeindlichkeit«.

Nabil Yacoub verwahrt sich gegen Pauschalurteile. Es gebe viel »primitiven Rassismus« in der Stadt und ihrem Umland, aber »ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Dresdner so denkt«, sagt er. Das Engagement vieler junger Menschen macht ihm Mut. Kürzlich hat er ein Ökumenisches Jugendzentrum im Stadtteil Löbtau besucht, in dem Jugendliche rührend für Flüchtlinge sorgen, sie in ihrem neuen Alltag begleiten oder alte Fahrräder für sie flott machen. Diese Jungen, hofft Yacoub, werden dafür sorgen, dass die Stadt weltoffener werde. Als freilich kürzlich eine Umfrage von Soziologen der TU Dresden vorgestellt wurde, der zufolge »nur« 20 Prozent der Dresdner ablehnend gegenüber Zuwanderern eingestellt seien, merkte er an, dass »ein Fünftel in der Stadt Dresden immerhin auch 100 000 Menschen sind.« Es gebe also »keinen Grund zur Beruhigung«.

Diese Einsicht ist inzwischen auch in Teilen der Politik gereift. Sie warnt vor Schäden für den Ruf Dresdens und des Freistaats. Internationale Wissenschaftler und Fachkräfte, sagt SPD-Wirtschaftsminister Martin Dulig, seien »nur noch schwer für Sachsen zu gewinnen«. Ob derlei Feststellungen freilich die Anhänger von Pegida von der Straße fernhalten oder aber, was bisher selten geschehen ist, wohlmeinende Bürger der Stadt in nennenswerter Anzahl an Protesten teilnehmen lassen wird, ist fraglich. Ein wirksames Gegenrezept, scheint es, hat bisher weder die Landespolitik noch die Zivilgesellschaft.

Auch Nabil Yacoub hat kein solches Rezept. Anregungen immerhin hätte er. In Hamburg, erzählt er, schicke der Erste Bürgermeister freundliche Briefe an Zuwanderer wie ihn und fragt an, ob sie sich nicht einbürgern lassen wollten. In Dresden »hebt man die Hände«, sagt er. Yacoub möchte seinen ägyptischen Pass nicht abgeben. Als vor einiger Zeit ein Bürgerentscheid gegen die Privatisierung der städtischen Krankenhäuser stattfand, durfte er deshalb nicht teilnehmen - und das, obwohl er seit Jahrzehnten in Dresden lebe und hier seine Steuern zahle. Das sei, sagt er, »ein Problem der kulturellen Haltung«. Die allerdings ließe sich auch in einer Stadt mit der Topografie Dresdens ändern. Wenn man aus der Enge des Talkessels auf die umliegenden Hügel steigt, könnte sich der Horizont gewaltig weiten.

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