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Willkommen in Heidenau

Flüchtlingsinitiativen wollen das rassistische Image in Verruf geratener Orte nicht hinnehmen

Zwei Monate ist es her, dass Neonazi-Attacken die Städte Tröglitz und Heidenau zu verfemten Orten werden ließen. Lokale Initiativen haben seitdem das Zepter in die Hand genommen.

Der ehemalige Praktiker-Baumarkt in Heidenau erweckt den Eindruck einer Parallelwelt. Das Gelände ist mit einem von Planen bedeckten Gitter umgeben. Man kann kaum hinein- oder herausschauen. Wenn die hier wohnenden Flüchtlinge die Pforte passieren, werden sie durchgecheckt wie auf dem Flughafen. Ein menschenwürdiges Leben sieht anders aus, ein Zusammenleben mit Einheimischen auf Augenhöhe auch. Doch - diese Frage entsteht nach den Vorfällen vom 21. August - wären Flüchtlinge ohne Gitter hier sicher? Kann man als Flüchtling in Heidenau menschenwürdig leben?

Als vor zwei Monaten die ersten 250 Geflüchteten nach Heidenau kamen, erschien die 15 000-Einwohner-Kleinstadt als Inbegriff rechten Hasses. Die Bundesstraße 172 wurde blockiert, Naziparolen wurden gerufen. Steine, Böller und Bierflaschen flogen aus der angetrunkenen Menschenmenge in Richtung Polizei und Unterkunft. NPD und das Bündnis »Heidenau hört zu« hatten schon zuvor gemeinsam demonstriert.

»Rechter Terror mit Ansage«, titelte der »Spiegel«. »Schande von Heidenau«, schrieb der Kölner »Express«. Der kleine Ort nahe Dresden wurde zum Symbol einer wiedererstarkten Neonazibewegung, die Angst vor Flüchtlingen schürt und in der Mitte der Gesellschaft, bei den sogenannten »besorgten Bürgern« Anklang findet.

Nach den Neonaziattacken statteten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) der Stadt einen Besuch ab. Gabriel bezeichnete die Rechten als »Pack« und löste damit eine Diskussion über diesen Begriff aus. Ein Willkommensfest wurde organisiert. Die lokale Initiative »Heidenau ist bunt« wurde ins Leben gerufen.

Glaubt man Sebastian Reißig von der Bildungs- und Beratungsstelle »Aktion Zivilcourage« aus dem benachbarten Pirna, dann hat sich Heidenau tatsächlich verändert. »Es gibt ein unglaubliches Engagement. Mehr als 600 Leute haben sich bei uns gemeldet, um in der Erstaufnahmeeinrichtung ehrenamtlich zu arbeiten. Sie wollen Deutschkurse geben oder bei der Kinderbetreuung helfen«, sagt Reißig. Zwar gebe es hier immer noch Neonazis, aber: »Die gibt es in der gesamten Gesellschaft.«

Von den Bemühungen um ein anderes Bild von Heidenau zeugt auch ein Kunstprojekt auf dem »Platz der Freiheit«. Dort steht »MITEINANDER« in stählernen Buchstaben - ein Entwurf des Bildhauers Hüseyin Arda. Beweis für das neue, das weltoffene Heidenau? Nicht ganz. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Rechten auch hier ihre Spuren hinterlassen haben. Auf dem »R« steht: »Wir sind das Volk«. Auf dem »D«: »Deutschland«. Doch ein Versuch, die medial vermittelten Bilder zu relativieren, bleibt die Skulptur allemal.

Auch Tröglitz hat mit Imageproblemen zu kämpfen. Dort brannte zu Ostern eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Bereits Anfang des Jahres hatte sich das Unheil abgezeichnet. Erst demonstrierten Tröglitzer Bürger unter Führung des NPD-Kreisrates Steffen Thiel, dann wurde die Unterkunft beschmiert, letztlich brannte sie und wurde unbewohnbar. Bürgermeister Markus Nierth war bereits zuvor von seinem Amt zurückgetreten, auch gegen ihn richteten sich die Aufmärsche. Anfang Oktober wurde der erste Tatverdächtige ermittelt, ein 22-jähriger NPD-Anhänger. Nachdem sich der Verdacht nicht erhärtete, wurde er wieder freigelassen.

Auch in Tröglitz hat sich unter dem Namen »Miteinander - Füreinander« eine Initiative gebildet, um die mittlerweile in Wohnungen lebenden Flüchtlinge zu unterstützen und die schrecklichen Bilder vergessen zu machen. Eine tragende Rolle nimmt dabei Pfarrer Matthias Keilholz ein, in dessen Gemeindehaus sich die Initiative trifft. Keilholz sieht eine positive Entwicklung: »Es finden zunehmend Begegnungen statt. Die Flüchtlinge engagieren sich im Sportverein, ihre Kinder gehen zur Schule.« Der Pfarrer weiß aber auch, dass er rechte Attacken nicht verhindern kann: »Wir können nur immer wieder betonen, dass rechtes Gedankengut in unserer Gesellschaft keinen Platz finden darf. Und wir müssen den Leuten klar machen, dass sie Nazis hinterherlaufen.«

Bis heute sind die Rechten aus Tröglitz nicht verschwunden. Zwar gibt es keine Anti-Asyl-Demos mehr, doch in Internetforen und sozialen Netzwerken wird weiter gehetzt. Und die Frage, ob Flüchtlinge überhaupt in einem solchen Ort untergebracht werden sollten, ruft immer noch verschiedene Meinungen hervor. »In einem Dorf können sich die Menschen besser integrieren, weil alles übersichtlicher ist«, meint Matthias Keilholz. Für den Landkreis sei eine Unterbringung im ländlichen Raum aber »schwieriger zu organisieren. Weil Sozialarbeiter fehlen.«

Die Antifa demonstrierte unter dem Motto »Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt« zum Maifeiertag in Tröglitz. Als Reaktion sagte die Gemeinde ein geplantes Familienfest ab - Krawalle wurden befürchtet. In Halle (Saale) formierte sich das Bündnis »Refugees Welcome to Paulusviertel«, das eine Unterbringung von Flüchtlingen in der Innenstadt fordert und nicht nur vom Offenen Antifaplenum, sondern auch von Jugendorganisationen politischer Parteien unterstützt wird.

Flüchtlinge dürften nicht in abgelegenen Gegenden mit schlechter Infrastruktur und geringerer Lebensqualität untergebracht werden, lautet ihr Konsens. Ganz zu schweigen von dem »offenen Rassismus der Mehrheitsgesellschaft«, mit dem die Geflüchteten dort konfrontiert seien. Gegen eine solche Sichtweise wehrt sich Sebastian Reißig von der »Aktion Zivilcourage«: »Das ist zu pauschal gedacht. Es kommt auf das Dorf an. Und auch in Großstädten gibt es Probleme, wenn man sieht, wie viele Menschen montags in Dresden auf die Straße gehen.«

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