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Leben in der Gemeinschaftsvilla

Das Haus der Kulturen der Welt zeigt praktische Lösungen für die »Wohnungsfrage«

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn es immer weniger bezahlbaren Wohnraum gibt, werden Menschen erfinderisch. So wie Van Bo Le-Mentzel. Der Berliner Architekt präsentierte vor drei Jahren sein Einquadratmeterhaus, in dem man schlafen kann, wo man will, das sich leicht transportieren lässt und das sich für nur 250 Euro jeder nachbauen kann. Ein Jahr später hatte Le-Mentzel angebaut: Das nächstgrößere Projekt war ein Vierquadratmeterhaus und konnte statt mit Sackkarre nur noch per Autoanhänger bewegt werden.

Eine ernsthafte Lösung für die steigende Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum in den Innenstädten sind beide Häuser nicht. Die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) hat es auf andere Art versucht: Sie will in den Innenhöfen ihrer Wohnblöcke neue Mietshäuser hochziehen. Nachverdichtung nennt sich das. Doch auch diese Idee hat ihre Hürden: mehr Menschen auf gleichem Raum, weniger Licht in den Wohnungen. Die jetzigen Bewohner sorgen sich um ihre Lebensqualität.

Eine Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt (HKW) hat sich der drängenden »Wohnungsfrage« - so der Titel - in gemeinsamen Projekten mit Architekten, Künstlern und Aktivisten angenähert. Zentrale Fragen: Wie will und kann ich wohnen - alleine, mit Kindern, als Student, Neuankömmling, Arbeitsloser? Mit wem will ich zusammenleben und in welcher Art von Haus?

Die Wohnungsfrage stellt sich hier explizit als sozialpolitische Frage, weshalb die Ausstellungsmacher bewusst Friedrich Engels als Namensgeber für ihr Projekt gewählt haben. In seiner Essayreihe »Zur Wohnungsfrage« beschäftigte sich dieser mit der Wohnungsnot Ende des 19. Jahrhunderts. Die neue Großindustrie zog mehr (Waren-)Verkehr mit sich, neue Straßen wurden gebaut und mitten durch Wohnblocks verlegt. Mit den zu dem Zweck abgerissenen Häusern schwand auch Wohnraum, den die in die Städte strömenden Arbeiter dringend gebraucht hätten. Beengte Wohnverhältnisse waren die Folge, Armenviertel, in denen sich Krankheiten schneller ausbreiteten. Wohneigentum hielt Engels für die gänzlich falsche Lösung des Problems. »Für unsere großstädtischen Arbeiter ist die Freiheit der Bewegung erste Lebensbedingung, und Grundbesitz kann ihnen nur eine Fessel sein. Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet sie wieder an die Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft gegen die Lohnherabdrückung der Fabrikanten«, so Engels. Seine Lösung für die akute Wohnungsnot lautete stattdessen: Enteignung der Besitzenden und Besetzung von Leerstand.

Den Versuch wagte auch die Projektgruppe Philosophicum: Im Sommer 2012 besetzte sie das ehemalige Universitätsgebäude in Frankfurt/Main. Einen späteren Kaufvertrag hatte sie so gut wie sicher, dann ging das Gebäude doch an einen Großinvestor. Mitglied der Projektgruppe war Jeronimo Voss, der heute der Künstlergruppe Realism Working Group aus Frankfurt/Main angehört. Angelehnt an den Stahlgerüstbau des Philosophicums entwarf die Gruppe zusammen mit dem Architekturbüro Dogma aus Brüssel die sogenannte Communal Villa. Eine Wohneinheit des Wohn- und Arbeitsprojekts steht als lebensechtes Modell heute im HKW.

»Wir Künstler leben und arbeiten an einem Ort. Es ist keine Frage des Ob - sondern wie wir damit umgehen.« Die Communal Villa bietet gemeinsame Koch- und Essräume und einen Co-Working-Space. »Wichtig ist, dass es dennoch Rückzugsräume gibt«, sagt Voss. Und daher hat jeder Bewohner zusätzlich seine private Wohneinheit. Die Communal Villa ist auch eine »Kritik an der Trennung von Leben und Arbeiten«, ergänzt Voss. Das Leben in Kleinfamilien, in dem man eine räumliche Trennung schaffe, indem man tagsüber ins Büro fahre, sei ein »männlicher Mythos«, der unbezahlte Reproduktionsarbeit - Hausarbeit inklusive - ignoriere.

Gemeinschaftliches Wohnen ist auch Thema der meisten anderen Ausstellungsobjekte. Den Urban Forest entwarf das Kooperative Labor Studierender zusammen mit dem Architekturbüro Bow-Wow aus Tokio. Ziel war bezahlbares Wohnen, aber auch die Möglichkeit zu teilen und voneinander zu lernen. Ausgangspunkt für den Urban Forest ist eine Figur aus einem Roman von Italo Calvino, die sich im 18. Jahrhundert entschließt, auf Bäumen zu leben, um sich von den Zwängen der sozialen Hierarchie zu lösen, die auf Landbesitz fußte. Im Modell ergänzen öffentliche Räume private Bereiche auf ineinander übergehenden Hochebenen.

Die 1:1-Modelle werden in der Ausstellung durch Bilder und Texte ergänzt, die die praktischen Lösungen in historische Linien und theoretische Debatten einbetten. Eine Multimediainstallation von Galia Bar und Zvi Efrat beispielsweise macht den Gemeinschaftsgedanken anhand gelebter Erfahrungen in einem Kibbuz deutlich.

Die Ausstellung ist nicht nur Experimentallabor, sondern auch Zustandsbeschreibung. »Der Staat hat sich immer mehr aus der Wohnungsfrage zurückgezogen«, meint Kurator Nikolaus Hirsch. Damit habe er die Kapitalisierung des Wohnungsmarktes erst möglich gemacht. Die vielen Initiativen, die heute eigene Ideen für das Wohnen entwickeln, seien daraus entstanden. »Haben die bisherigen Player die richtigen Rezepte für die Wohnungsnot in der Schublade?«, fragt Kurator Jesko Fezer und antwortet selbst: »Gesellschaftspolitische Akteure sind notwendig, um die Frage neu zu stellen.« Einigen von ihnen haben die Kuratoren einen Raum gegeben. Und da das HKW »Ideas in the Making« (Intendant Bernd Scherer) fördert, wird an der Lösung der Wohnungsfrage ständig weiter gearbeitet: In Workshops, Diskussionsrunden und einer Akademie.

Bis 14.12., Haus der Kulturen der Welt (HKW), John-Foster-Dulles-Allee 10, Mitte

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