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Neue Zweifel an Unschuld der Polizei

Ein Expertenteam hält die Annahme, der Flüchtling Oury Jalloh habe sich selbst angezündet, für unwahrscheinlich

Neue Gutachten über die Todesumstände des Flüchtlings Oury Jalloh im Polizeirevier Dessau gehen von der Beteiligung Dritter aus.

Über zehn Jahre nach dem Feuertod des Flüchtlings Oury Jallohs in einer Dessauer Polizeizelle stellt ein neues Expertenteam die offizielle Version in Frage, Jalloh habe den Brand selbst verursacht. Die »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh« kämpft seit Jahren für die Aufklärung der mysteriösen Todesumstände des damals 36-jährigen Mannes aus Sierra Leone. Am Dienstag präsentierte sie in Berlin drei von ihr in Auftrag gegebene neue Gutachten.

Oury Jalloh war am 7. Januar 2005, an Händen und Füßen gefesselt, in der Zelle Nummer 5 des Polizeireviers in Dessau-Roßlau verbrannt. Im September vergangenen Jahres bestätigte der Bundesgerichtshof ein Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau, demzufolge Jalloh die schwer entflammbare Matratze selbst in Brand gesteckt hat. Deshalb wurde lediglich ein damals diensthabender Polizist wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er hätte Jalloh nach Ansicht der Richter besser überwachen müssen. Die »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh« macht hingegen die Polizei für den Tod des Asylbewerbers verantwortlich. Ein Team aus zwei Brandsachverständigen, einem Toxikologen und einem Gerichtsmediziner zeigte am Montag erneut zahlreiche Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen der Todesursache auf.

Laut Polizei soll Jalloh die Matratze mit einem Feuerzeug entzündet haben. Am 10. Januar 2005, also erst drei Tage nach Jallohs Tod, waren am Tatort die Reste eines teilweise geschmolzenen, roten Feuerzeugs gefunden worden. Die Frage, woher dieses Feuerzeug stammt, bleibt bis heute unbeantwortet. Der Brandsachverständige Iain Peck wies darauf hin, dass keine DNA-Spuren des Getöteten am Feuerzeug zu entdecken waren. Zudem hätte das Plastikfeuerzeug bei starker Hitze schmelzen und an allen Gegenständen festkleben müssen, die damit in Kontakt kommen. Dies sei nicht der Fall gewesen.

Unwahrscheinlich erscheint ihm auch, dass das Feuerzeug bei der Leibesvisitation durch die Polizei übersehen wurde, genauso wie es unverständlich bleibe, warum es bei der ersten Beweissicherung nicht gefunden wurde, kleinere Gegenstände jedoch durchaus. »Dies alles deutet darauf hin, dass dieses Feuerzeug zur Zeit des Vorfalls eher nicht in der Zelle gewesen sein kann«, erklärt Peck.

Die Behauptung, das Feuer in der Zelle Nummer 5 sei ausschließlich durch das Feuerzeug entfacht worden, halten die Experten ebenso für fragwürdig. Ein Brand von solcher Intensität könne kaum innerhalb der kurzen Zeit von 30 Minuten ohne weitere Einflussnahme von Brandbeschleunigern entstehen, erläuterte der Rechtsmediziner Dr. Alfredo Walker. Auch wenn keine brennbare Flüssigkeit am Tatort vorzufinden war, sei dies kein Beweis. Denn die Flüssigkeit könnte vollständig abgebrannt sein. »Die Abwesenheit des Nachweises ist kein Nachweis der Abwesenheit eines Brandbeschleunigers«, so Peck, der zu dem Schluss kommt, dass es wahrscheinlicher sei, »dass eine dritte Person das Feuer entzündet hat«.

Scharfe Kritik übte Thomas Ndindah von der »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh« an den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in diesem Fall. Aus seiner Sicht verfolgt diese alle Möglichkeiten, die eher unwahrscheinlich sind, »während Dinge, die auf der Hand liegen, oft ignoriert werden« - um die Polizei zu schützen, wie Ndindah bemerkt. Oury Jalloh sei nicht der Einzige gewesen, der in Deutschland durch Polizeigewalt ums Leben gekommen ist. Das Vertrauen in die Staatsanwaltschaft haben er und seine Mitstreiter jedenfalls seit Langem verloren.

Seit 2014 prüft die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, ob es andere Ansätze in der Ermittlung im Fall des Mannes aus Sierra Leone gibt. Sie ist nach eigenen Angaben an den neuen Gutachten interessiert. »Wir haben selbst verschiedene Gutachter beauftragt, weil wir wissen wollen, was überhaupt noch aufzuklären ist«, sagte Behördenleiter Folker Bittmann. Ein Ergebnis werde zum Ende des Jahres erwartet. Mindestens bis dahin sollen die Ermittlungen weiterlaufen.

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