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Da stand ein Pferd überm Flöz

Archäologische Schatzsuche im Schatten der Kohlebagger: Ausstellung in Borna zeigt Funde

  • Von Hendrik Lasch, Borna
  • Lesedauer: 4 Min.

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Viele Dörfer im Süden von Leipzig mussten der Kohle weichen. Was für viele Bewohner ein Drama war, bot Archäologen ungeahnte Chancen.

Der Pferdeschädel wirkt nicht spektakulär, und auch der Steigbügel ist bar jeder Verzierung. Dennoch handelt es sich bei den Relikten des Tiers, die derzeit in einer Sonderausstellung im Museum der Stadt Borna zu sehen sind, um einen sensationellen archäologischen Fund: ein aufrecht stehend und mit Zaumzeug begrabenes Pferd. Bei Steppennomaden in Mittelasien wäre das nichts Ungewöhnliches. In ganz Mitteleuropa indes ist es eines von nur drei bislang ausgegrabenen Exemplaren.

Über 800 Jahre lag das Pferd in der Erde verborgen; dass es wieder zum Vorschein kam, ist dem Umstand geschuldet, dass es über einem Braunkohleflöz bestattet wurde. Diese wird im Tagebau Vereinigtes Schleenhain gefördert und im Kraftwerk Lippendorf verfeuert. Bevor sich die Bagger in den Untergrund arbeiten, erhielten indes Archäologen die Gelegenheit, das riesige Gelände zu untersuchen - samt dreier Dörfer, die dem Tagebau weichen mussten. Die Schau in Borna erzählt Geschichten ihrer Bewohner - von der Besiedlung bis zum erzwungenen Wegzug.

Die Ausstellung fasziniert dabei einerseits mit teils rührenden, teils kuriosen Funden. Gegraben wurde beispielsweise auf dem Friedhof des Ortes Großhermsdorf, in dem Adelsfamilien ansässig waren. In ihren Grüften, deren Existenz seit einem Neubau der Kirche 1866 in Vergessenheit geraten war, fanden sich reichhaltige Grabbeigaben. Der Brauch, den Toten etwas mit auf die letzte Reise zu geben, färbte indes auch auf die weniger wohlhabenden Bewohner ab: Die Archäologen fanden Perlen von Rosenkränzen, Pfeifenköpfe, aber in jüngeren Gräbern neben Medizinflaschen sogar Sicherungen aus Keramik. Gründe für diese Gewohnheit aus den 1930ern, sagt Dirk Scheidemantel vom sächsischen Landesamt für Archäologie, »kennen wir nicht«.

Während freilich solche Fundstücke sogar amüsieren, sorgt die Ausstellung insgesamt auch für ein beklemmendes Gefühl; schließlich bezeugt sie einmal mehr, welch lange und reichhaltige Tradition mit dem Abbaggern der Dörfer jäh endete. Um an Kohle zu gelangen, die in dem Großkraftwerk binnen Monaten verbrannt wird, mussten Dörfer mit mehr als 800-jähriger Geschichte weichen. Die Emmauskirche in Heuersdorf etwa wurde um 1250 errichtet. Zwar wurde das Gebäude vom Kohleförderer Mibrag in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion mit immensem Aufwand umgesetzt. Die teils uralten Gehöfte und Häuser, deren Schlüssel jetzt in der Ausstellung auf einem Häufchen liegen, sind freilich verloren, ihre Bewohner zerstreut.

Für die Archäologen ist das keine einfache Situation; eine Beteiligte der Grabungen erinnert sich mit sehr gemischten Gefühlen an ihre Arbeit in einem bereits verlassenen Haus, dessen Eigentümerin noch immer regelmäßig die Blumen goss. Zugleich aber ist die archäologische Schatzsuche im Schatten der Bagger auch eine beispiellose Chance, sagt Scheidemantel: Während sie sonst oft nur punktuell an einer Kirche oder einem Rittergut graben können, bietet sich den Wissenschaftlern in solchen Fällen die Gelegenheit, ländliche Geschichte in großer Breite zu erforschen - über wie unter der Erde. Der Ort Breunsdorf, in dem von 1995 bis 2004 Grabungen stattfanden, sei »das erste Dorf in Deutschland, das derart komplett untersucht wurde«, sagt Harald Stäuble, der im Landesamt für Archäologie für Großprojekte zuständig ist. Inzwischen ist das gängiges Verfahren: »Auf diese Weise lassen sich Orte und Entwicklungen vergleichen«, sagt er.

Einen Nutzen haben die Grabungen indes nicht nur für die Wissenschaft, glaubt Gabriele Kämpfner, die Leiterin des Museums in Borna. Nutznießer seien, auch wenn es ihnen anfangs manchmal nicht klar ist, auch die zur Umsiedlung genötigten Bewohner. »Die Menschen, die ihre Heimat verloren haben, finden in den Fundstücken ein Stück Identität wieder«, sagt sie; frühere Ausstellungen zum Thema seien auch von Umsiedlern gut besucht worden. Ohnehin gibt es in der Region keine klare Linie zwischen Befürwortern und Gegnern des Kohleabbaus: »Manche, die ihr Haus aufgeben mussten, arbeiten selbst in der Kohle und haben sich quasi selbst abgebaggert«, sagt sie.

Die Archäologen wiederum sorgen nicht nur dafür, dass kulturelles Erbe bewahrt wird; manchmal begründen sie auch neue Geschichte. In der Siedlung Groitzsch, in der sich Bewohner des der Kohle weichenden Dorfes Pödelwitz niederlassen, hatten die Forscher zuvor Überreste aus der Jungsteinzeit entdeckt. Die Neu-Groitzscher, sagt Stäuble, »sind stolz, an einen so historischen Ort zu ziehen«.

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