Werbung

Vom Brennen und Verlöschen

Das Nederlands Dans Theater gastierte bei den Berliner Festspielen

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Fünfzehn Jahre sollte es dauern, bis die von Jiri Kylián zu internationalem Renommee entwickelte Kompanie wieder den Weg von Den Haag an die Spree schaffte. Das Nederlands Dans Theater (NDT) zeigte Stücke seiner Hauschoreographen Sol León und Paul Lightfoot (Künstlerischer Direktor) sowie neueste Arbeiten von Crystal Pite und Marko Goecke. Knisternde Spannung und großer Jubel begleiteten den Dreiteiler am Eröffnungsabend im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele.

Zwei Frauen und drei Männer sind in »Shoot the moon« von Sol León & Paul Lightfoot gefangen zwischen raffiniert ausgeleuchteten rotierenden Wänden, deren Fenster und Türen Flucht- und Schutzräume für Beziehungsdramen bieten. Unterdrückte Schreie, gezähmte Rituale der alltäglichen Aggressionen in sehr kontrollierten Bewegungsfolgen zelebrieren blutleer die Einsamkeit auch in der Zweisamkeit.

Wirklich unter die Haut geht Marco Goeckes Ehrbezeugung an die Punk- und Rock-Ikone Patti Smith, deren Songs sich meisterhaft mit den choreografischen Erfindungen verbinden. Marco Goecke, weltweit erfolgreicher Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts, ist seit 2014 Associate Choreographer beim NDT. Seine neueste Tanzschöpfung »Thin Skin« fasziniert in ihrer Körperlichkeit und setzt auf eine für diesen Choreografen ungewöhnliche Langsamkeit.

Sieben Tänzer, deren Haut mit Fake-Tattoos übersät ist, treiben im Nebel. In immer neuen Formationen gleitet das Septett wie federnd-galoppierende Reiter mit großen Armbewegungen durch die Dunkelheit. Feuer glimmt auf. »Take me off«, fordert Smiths raue energiegeladene Stimme. Geisterhaft eine Frau im Kuss an der Brust eines Mannes; seine Arme suchen im Würgegriff nach ihrem Hals. Tänzerische Echos auf die bezwingende Gesangsstimme: Menschen, kraftvoll wie Stiere oder geduckt wie Hühner, Hände vor Gesicht und Mund. Gottgleiche Kleingeister. Soli und Gruppen zwischen Stillstand und pulsierendem Bewegungsdrive. Plötzlich driften ein Mann und eine Frau mit nackten Oberkörpern aufeinander, ohne Tattoos, dünnhäutig. Ihr fragiles Duett spiegelt nuancenreich, wie schwer es ist, sich selbst und den anderen zu spüren. Ein ganz leiser Ton steigt aus dem Mund der Frau; die Haut reißt.

Die Spanierin Sol León und der Brite Paul Lightfoot wurden 2002 zu Hauschoreographen des NDT ernannt, mit dem sie innovative Arbeiten erschaffen. Ihr »Stop-Motion« von 2014 ist ästhetisch ausgefeilt, visuell aufgeladen und bleibt doch rätselhaft langatmig. Zur meditativen Klangfolie der Instrumentalsongs von Max Richter treiben Menschen im Nebel aus Mehl über pulsendem Streicherteppich: tastend, stolzierend, raumgreifend. Eine getanzte Partitur des Scheiterns: eine Frau diktiert einem Mann seine Bewegungsfreiheit. Gegenläufig stehen beide, verharren im Stillstand, während ein Falke im Video davonfliegt.

Arm an choreografischen, inszenatorischen oder narrativen Kontrasten spinnt dieser ins Private zentrierte Dreiteiler eine intensive tänzerische Meditation über verborgen gehaltene Gefühle. So wirkt er wie ein Ganzes. Die NDT-Tänzer offenbaren Charisma bis in die sensiblen Nuancen postklassischen Bewegungsvokabulars auf halber Spitze.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!