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Es braucht jeden Sonntag einen Toten, damit die Welt wieder aufgeräumt werden kann: Matthias Dell über den Konstanzer Tatort »Côte d'Azur«

Es erscheint etwas widersprüchlich, dass der Wert eines Menschenlebens Diskussionsstoff für den ARD-Sonntagabendkrimi bilden könnte. Denn gestorben wird hier leicht und regelmäßig – es braucht doch an jedem Sonntag einen Toten, damit die Welt überhaupt wieder aufgeräumt werden kann. Am letzten Sonntag stand der »Preis des Lebens«, um den es in Stuttgart ging, schon im Titel. In der Konstanzer Folge »Côte d'Azur« (SWR-Redaktion: Ulrich Herrmann) wird die Rechnung erst zum Schluss aufgemacht.

Ein wenig überraschend. Der ermittelte Täter – mit dem wenig liaisonablen Namen Urs Hahn (Peter Schneider) – macht nämlich zum einen nicht den Eindruck, über seine Entdeckung unglücklich zu sein, und zum anderen eine nüchterne Kalkulation auf: Der Mord an der defizitären Mutter Vanessa (Mandy Rudski) geschah, um dem unschuldigen Baby Alex ein bessere Zukunft bei seinem reichen Erzeuger, der sogenannten Hitmaschine von Konstanz (Markus Hering), zu ermöglichen.

Wie in einer Spielanordnung musste dabei die Figur der Mutter vom Feld genommen werden, damit Vatergefühle in der sogenannten Hitmaschine geweckt werden (mit Mutter wäre der sogenannten das alles zu anstrengend geworden) – und diesen Move konnte wiederum nur der obdachlose, in der bürgerlichen Welt gescheiterte Weihnachtsmanndarsteller Hahn erbringen, weil er sein eigenes Leben als so wertlos erachtet, dass es gleich scheint, ob dieses Leben in einer Bretterbude am Wasser oder im Gefängnis weitergeht.

Präferenzutilitarismus heißt der philosophische Szenebegriff für solche Berechnungen, die vor allem mit dem Namen des Tierrechtsdenkers Peter Singer verbunden sind. Der ist umstritten, weil die Durchkalkulierung von Lebenswerten, zwangsläufig, bei dem ankommt, was in Nazi-Deutschland »Euthanasie« hieß. So herausfordernd kühl die Kalkulation von Urs Hahn auf den ersten Blick wirkt, so unstimmig ist sie schon auf den zweiten: Warum etwa sollte die Unmöglichkeit der sogenannten Hitmaschine, den Vater auch bei lebender Mutter zu geben (oder wenigstens etwas von seinem Reichtum umzuverteilen, wie es sich gesetzlich gehört), eine feste, unhintergehbare Größe bilden? Warum kann der nicht auch dann seinem Leben Sinn geben mit Baby-Alex-Betreuung?

So gesehen spielt »Côte d'Azur« (Drehbuch: Wolfgang Stauch, Regie: Ed Herzog) vor allem hübsch-fasziniert mit der Angstlust vor dem Abstieg aus gesichertem Leben, der verrohten Welt, den tristen Verhältnissen. Der Besuch beim sogenannten Unten der Gesellschaft versucht paritätisch alle Positionen des finanziell prekären Daseins abzubilden: die an die Drogen verlorene Bürgertochter Franziska (Friederike Linke), die durch die Muttergefühle Frau Blums (Eva Mattes) wieder zur alten Meldeadresse zurückfinden soll (wobei die Geschichte nicht gut ausgeht), der klassenbewusste Lucky (Kai Malina), der gar kein anderes Leben sucht (»Mein Vater war Punk, ich bin Punk und sollte ich mal 'nen Sohn bekommen, wird der auch Punk«), der gefallene Perlmann-und-Blum-Kollege (Andreas Lust), der historische Außenseiter, der auf eine Biografie im DDR-Zirkus zurückblicken kann (Frank Fink) und eben der aus der bürgerlichen Existenz abgestürzte und daher keine Konsequenz mehr scheuende Hahn.

Als Gegengewicht (Reichtum ist natürlich auch keine Lösung) wird die sogenannte Hitmaschine entworfen, die ihr Lotterleben in einer Villa mit einer Entourage aus lauter schicken Ladies ausstattet, die vage einem Fetisch für Schuluniformen huldigen. Den komischsten Moment erlebt diese Runde, als die pädagogischen Maßnahmen des »Tatort« – Perlmann (Sebastian Bezzel) liest dem komatösen Baby am Krankenbett schon mal Geschichten vor – endlich fruchten, also beim reichen Musikproduzenten ankommen: in Form einer Selbstkritik (»Ich hab' einen ziemlich kleinen Schniedel«), die den Aufbruch zur Verantwortung markieren. Betroffenheit sieht in Milieus, die Zynismus und Verschwendung pflegen, ziemlich drollig aus. Drollig ist »Côte d'Azur« übrigens öfter, etwa in der selten so auf Witz und Krawall gebürsteten Perlmann-Figur (»Ich bin der Kai von der Polizei«). Was für Konstanzer Verhältnisse eine gute Nachricht ist.

Ein Credo, das ursprünglich Wolfgang Niersbach gehörte:
»Besser, als wenn's im nachhinein rauskommt und man denken könnte, wir hätten's untern Teppich kehren wollen.«

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Ich dachte, Sie hätten nur zusammen gesoffen.«

Etwas für den Grabstein:
»Sie wollte eigentlich auf die Piste gehen.«

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