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Wie Schreiben beginnt

Roland Lampe dreht und wendet die Wörter

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 3 Min.

Gelegentliche Einfälle von Licht« nennt, nicht ohne selbstironischen Beiklang, Roland Lampe seinen jüngsten Band. Der Berliner Schriftsteller hat zuletzt mehrere Erzählungs- und Miniaturenbände vorgelegt und mit »Seitenflügel« einen bemerkenswerten Wenderoman veröffentlicht. Begonnen allerdings hat der 1959 Geborene in Jugendjahren mit Gedichten.

Wer Lampes Prosa kennt, stößt auf vertrauten Klang. Der Hang zur Distanz, manchmal Tugend, manchmal Not, hat ihm eine eigene Aussicht beschert. So jemand kann einem begegnen, wie er vor einem Denkmal steht und sich den Sockel anschaut, ob der fest steht und auf welchem Grund und wie er gearbeitet ist und ob er es verdient, schön genannt zu werden … Das macht seine Texte merkwürdig, inspirierend und meistens vergnüglich. Sparsam geht Lampe mit seinem Material um, dreht und wendet die Wörter - ob sie zu Worten werden? - taucht unter die Oberfläche und kichert, natürlich lautlos, darüber, dass man kaum mehr sieht als seinen Kopf.

Auch Lampe lässt sich getrost heimsuchen von den großen Anwandlungen, Weltschmerz, Trauer und Beglückung. Er schließt nur nicht die Augen dabei. Der Vogel, der des Alten Sehnsucht durch den Himmel trägt, kriegt eine Luftgewehrkugel ab. Der Selbstmordgefährdete hört, wie Kinder an Krücken sich Witze zurufen. Vor Goethes Haus in Weimar stehn die Leute »wie beim Bäcker«. Nicht das Romantische ist Lampes Metier, sondern das Lapidare: die Fundgrube fürs Leben und für Geschichten, die er nur anzutippen braucht mit seinen Versen, sie laufen dann schon von selber los.

Die Poesie liegt im Wechsel der Perspektiven: zwischen dem Alten, der an der Schule vorbeigeht und den Schülern, die ihm nachschauen, zwischen dem Schreibenden, der am Fenster der Amsel im Regen lauscht, und dem Vogel im triefenden Geäst. Da ist das Absurde so wenig absurd, wie das Normale normal: »Der eine trinkt Regen / am liebsten, wenn er noch warm ist, / und der andere liebt es, / durch kalten Kaffee zu laufen.« Kontemplation scheint fast schon ein Wert an sich im Gewirr der sich überschlagenden Stimmen. Aber Lampe wehrt ab: »Ich habe doch / nichts anderes gelernt / als zu warten, auf niemand / und auf nichts.«

»Süße Bomber« klinken den neuen Tag aus, wo Gott persönlich die Glocken läutet. Wer sich nicht überhebt, »im Nacken den schweren Atem« des Vaters, muss sich wenigstens nicht unterwerfen, auch wenn er ein Stern ist, »der einmal ein Mond werden wollte«. Kann sich hingeben »der Romantik eines rostigen Nagels«, sich verweigern »der Liebe parfümierter Lumpen«. Das Gedicht fängt an, wenn man die Augen öffnet. Und eine Kleidermotte sieht. Oder einen Ofen. Oder eine Landschaft. Aber der Blick auf die anderen, in Lampes Gedicht, fällt immer auf den Schauenden zurück. Die eindrucksvollsten Texte sind im letzten der fünf Kapitel versammelt, das denn auch »Letzte Worte« heißt. Darin ist die Sehnsucht nackt. Grauhaarig. Und jung. Und man darf sich etwas wünschen. Nicht zu verschwinden zum Beispiel, bevor man verschwunden ist. »Schreiben beginnt dort, / wo die Hoffnung endet, / wer noch hofft, / sollte besser versuchen / zu leben.«

Roland Lampe: Gelegentliche Einfälle von Licht. Gedichte. Spielberg Verlag Regensburg. 148 S., br., 9,90 €.

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