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Im Haifischbecken

Im Kino: »Die Gewählten« von Nancy Brandt

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Man wäre versucht, Nancy Brandts Dokumentarfilm eine Langzeitbeobachtung zu nennen, wäre da nicht das feierliche Dementi gleich zu Beginn. Da wird im Herbst 2009 ein neuer Bundestag eingeschworen, und der Ausschnitt aus der Rede des Bundestagspräsidenten an seine alten und vor allem wohl an die neuen Kollegen, die Brandt als Tondokument einspielt, handelt vor allem von einem: von der Kürze dieser vier Jahre, die ihnen allen nun zur Verfügung stehen. Vier Jahre, um inhaltliche Vorstellungen und Ideale umzusetzen, um Wahlversprechen zu erfüllen - und um der Parteidisziplin zu folgen, wenn mal das bloße Folgen gefragt ist. (Ein Hintanstellen von eigenem Wissen und Gewissen, mit dem sich die eine oder andere noch schwer tun wird.)

Erst einmal aber irren sie durch die Gänge, die hoffnungsvollen Neuzugänge. Eine(n) von jeder der fünf damaligen Bundestagsparteien (mit Ausnahme der CSU) hat die Regisseurin sich gesucht, alle um die 30 Jahre alt, alles Menschen, die bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Überzeugungen und Vorprägungen - und die sind sehr, sehr unterschiedlich! - gleichermaßen herkamen, um aktiv teilzunehmen am Ausgestalten der Demokratie. Sie alle wird Brandt vier Jahre begleiten, eine ganze Legislaturperiode lang, vom ersten, zögernden Sicheinfinden bis zu den Sorgen um Listenplatz und Wiederwahl kurze vier Jahre später. Die fünf neuen Abgeordneten stellen sich selbst dar und werden bei der Selbstdarstellung beobachtet, auch gelegentlich von der Regisseurin aus dem Off befragt, zu dem, was sie denn nun erreicht haben - wobei gleiche Zeit vor der Kamera nicht unbedingt gleichmäßig verteilte Sympathien bedeutet, wie sich recht bald ergeben wird.

Da ist Steffen Bilger, der glatte junge Christdemokrat aus Schwaben, ein geborener Krawattenträger und Politkarrierist, der Stuttgart 21 für eine ganz tolle Idee hält und die vehemente Opposition dagegen für etwas, das man vor allem standhaft ignorieren muss. Der plant seine Wiederwahl schon, bevor er noch richtig im Bundestag eingezogen ist, findet aber vor Ort in Land und Bezirken tatsächlich genau die richtigen Worte, um sie auch zu erreichen. (Er ist der einzige hier mit einem Direktmandat.) Da ist die Grüne Agnes Krumwiede, mit 32 Jahren die relativ älteste der fünf Neuen, Musikerin von Beruf und vor allem an den Belangen des künstlerischen Prekariats interessiert, aber vielleicht etwas zu weich, warm und weiblich für den intriganten Politikbetrieb - wohl nicht zufällig nennt sie sich selbst gleich zu Beginn einen Goldfisch im Haifischbecken.

Da ist der Freidemokrat Sebastian Körber, Architekt im Brotberuf, der sich für einen barrierefreien Heimatbahnhof einsetzt, die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke als notwendige »Brückentechnologie« befürwortet (und dann kam Fukushima…) und sich als jüngstes Mitglied im Verkehrsausschuss von einem Boulevardblatt als Posterboy für die E-Mobilität fotografieren lässt. 2013 gehörte er (für ihn im Film natürlich noch nicht absehbar) mit seiner ganzen Partei zu den großen Wahlverlierern. Da ist weiter die Sozialdemokratin Daniela Kolbe aus Leipzig - eine studierte Physikerin mit einem Büro voller Grünpflanzen und genauen Vorstellungen davon, in welchem Ausschuss sie gern landen möchte. Sie setzt sich für Mindestlohn, Chancengleichheit und Migranten ein, erkrankt während ihrer (ersten) vier Jahre lebensgefährlich und erreicht am Ende sichtlich gereift, gealtert und mit gewachsener natürlicher Autorität die perfekte Balance zwischen jung und enthusiastisch und erfahren, aber noch nicht abgebrüht und zynisch.

Und da ist Niema Movassat von den LINKEN, diplomierter Jurist und mit gerade mal fünfundzwanzig Jahren der jüngste der Fünf. Der bekommt zwar vielleicht ein paar Minuten weniger Kamerazeit als die anderen, füllt die aber mit derart geballter Aktivität aus, dass man nach einer Erklärung für seine sporadische Abwesenheit eigentlich nicht mehr zu suchen braucht: Wer so viel tut, macht, organisiert, zusammen- und in Bewegung hält, der hat wohl keine Zeit für Selbstdarstellung.

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