Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die »Mittelwelt« auf der Anklagebank

In Italiens Hauptstadt wird der »Mafia Capitale« der Prozess gemacht

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.
46 Personen sind angeklagt, darunter der neofaschistische Ex-Terrorist Massimo Carminati. Er führte die Hauptstadtmafia an, an der hunderte Lokalpolitiker und Verwaltungsbeamte mitverdienten.

Mafiöse Vereinigung, Korruption, Erpressung, Geldwäsche, illegale Absprachen und Fälschung - die Liste der Anschuldigungen ist lang. Ebenso die Zahl der Angeklagten: Ab diesem Donnerstag stehen in Rom 46 Personen im Prozess gegen die »Mafia Capitale« vor Gericht, darunter einstige faschistische Schläger, Beamte, Angestellte der Stadt Rom, der Region Latium und verschiedener kommunaler Einrichtungen, Leiter von Genossenschaften, Unternehmer und eine ganze Reihe von Politikern - sowohl aus rechten wie linken Parteien.

Massimo Carminati (57), neofaschistischer Ex-Terrorist und »capo«, also Chef der Bande, nennt seine Organisation »Mittelwelt«. Sie stelle das Verbindungsglied zwischen der illegalen Szene und der scheinbar legalen Geschäftswelt der italienischen Hauptstadt dar. Zusammen mit Salvatore Buzzi (59), einst Häftling und dann Leiter der größten Genossenschaft Roms mit vielen Freundschaften und Verbindungen zur Demokratischen Partei (PD), stellte er im Laufe der Jahrzehnte eine komplexe Struktur auf die Beine. Sie schmierten eine Unzahl von Personen innerhalb der Stadtverwaltung - es ist von 101 Frauen und Männern die Rede, deren Namen aber zum Teil noch unter Verschluss sind. Mit ihrer Hilfe und »tangenti« (Bestechungsgelder) zogen die Angeklagten öffentliche Aufträge an Land.

Es ging um die Instandhaltung von Grünanlagen, Gebäudereinigung, um die Einrichtung von Stellplätzen für Roma und Sinti sowie die Unterbringung von Flüchtlingen. »Mit den Migranten lässt sich mehr Geld verdienen, als mit Drogen«, sagte Buzzi. Er agierte im Vordergrund und hielt den Kontakt zur Politik, während sich Carminati in erster Linie um die komplexe Organisation der Bande, die Kontakte zu anderen Verbrecherorganisationen und zu ultrarechten Kreisen kümmerte.

Aufgeflogen ist »Mafia Capitale« vor knapp einem Jahr, als die Polizei mehrere Dutzend Männer und Frauen festnahm. Im Juni gab es eine zweite Verhaftungswelle. Erst im Laufe der Ermittlungen wurde klar, dass hier etwas aufgedeckt wurde, das die römische Politik in ihren Grundfesten erschütterte. In den letzten Jahrzehnten hat es in der italienischen Hauptstadt nicht eine Regierung gegeben, die nicht von Carminati und Buzzi unterwandert war. Die Verbindungsleute saßen im Kommunalparlament, in den Büros der Stadtverwaltung, im Vorzimmer der verschiedenen Bürgermeister, bei der Müllabfuhr und im Verbund für Nahverkehr. Fühler waren auch in die Regionalverwaltung, in die nationale Regierung und auch zum Vatikan ausgestreckt worden. Diese »Ansprechpartner« standen entweder auf der Gehaltsliste der Mafia oder waren an den verschiedenen Geschäftsmodellen beteiligt, die die Organisation auf die Beine gestellt hatte.

So führte der Skandal indirekt auch zur Auflösung der Stadtregierung um Roms sozialdemokratischen Bürgermeister Ignazio Marino. Der 2013 als Nachfolger von Berlusconi-Freund Gianni Alemanno gewählte Chirurg war zwar persönlich nicht von den Ermittlungen betroffen, allerdings mehrere Mitglieder seines Kabinetts.

Fast immer reichte Geld als Druckmittel, aber auch die »klassischen« Mafiamethoden wie Nötigung, Erpressung und Drohungen wurden angewandt. Eigentlich hätte die gesamte Stadtverwaltung wegen mafiöser Unterwanderung aufgelöst werden müssen. Es ist allein auf den politischen Druck von Innenminister Angelino Alfano (Neue Rechte Mitte) und Ministerpräsident Matteo Renzi (PD) zurückzuführen, dass dies schließlich unterlassen wurde.

Der nun beginnende Prozess wird schon jetzt als »Maxiprozess« bezeichnet. Die X. Strafkammer des Gerichts in Rom hat 136 Verhandlungstage angesetzt. In den kommenden Monaten wird es vier Sitzungen pro Woche geben. Richterin Rosanna Ianniello will das Verfahren bis Ende Juli 2016 durchziehen. Die Staatsanwaltschaft hat bisher 70 Zeugen geladen, die Verteidigung über 250. Hunderttausend Akten mit unzähligen Telefonmitschnitten und Abhörprotokollen wurden hinterlegt. Da die Staatsanwaltschaft in der Zwischenzeit weiter ermittelt, ist anzunehmen, dass die Zahl der Angeklagten noch steigen wird - oder auf diesen Prozess weitere folgen werden. Kolumne Seite 4

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln