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Ab ins »sichere Nachbarland«

Den Jesiden in Irak und Syrien droht nach wie vor grausamste Verfolgung

  • Von Lea Frings, Cizre
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Minderheit der Jesiden wird von den Banden des Islamischen Staates in ihrer Existenz bedroht. Deutschland tut alles, um ihnen zu helfen. Oder doch nicht?

Die Bundestagsfraktion der CDU/ CSU sah sich am Donnerstag die Dokumentation »Háwar« an, so ließ ihr kirchen- und religionspolitischer Sprecher, Franz Josef Jung, ehemaliger Verteidigungsminister, in einer Presseerklärung wissen. Man wolle die Öffentlichkeit über die Verfolgung Tausender Jesiden im August vergangenen Jahres durch die Terroristen des Islamischen Staates (IS) informieren.

Vor einigen Tagen war Bundeskanzlerin Merkel in ungewohnter Rolle beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu Gast: als Bittstellerin. Die Türkei möge doch dabei helfen, dass dem deutschen Volke noch größere Flüchtlingsströme erspart bleiben. Dafür sei man auch bereit, Milliarden zu geben, damit es sich in den zahlreichen türkischen Flüchtlingslagern besser aushalten lässt.

Flüchtlingslager unter Obhut der Regierung gibt es in der Türkei tatsächlich - ob sie für flüchtende Muslime ein sicherer Hafen sein können, ist ungewiss. Für Jesiden und andere religiöse Minderheiten sind sie es jedenfalls nicht. Deren Lager liegen vor allem in den kurdischen Gebieten der Türkei und erhalten keinerlei staatliche Zuwendungen.

Auf dem Weg in ein solches Lager erzählt uns einer der Leiter, dass die Jesiden von der türkischen Regierung keinen Flüchtlingsstatus erhalten. So bleibt ihnen der Zugang zu jeglicher Versorgung von staatlicher Seite verwehrt. Allein die Hilfe durch die kurdisch-linke Demokratische Partei der Völker und Spenden verhindern einen Notstand.

Die Menschen vor Ort reden nicht viel. Dennoch ist ihre Gastfreundschaft ungebrochen. Wir werden in ihre Zelte hinein gebeten, uns wird der beste Patz angeboten.

Die Geschichten, die gemalten Bilder an den Innenwänden der Zelte, das überall aufgemalte Datum 3. August 2014, an dem die Jesiden von Shengal zur Flucht gezwungen wurden - sie zeugen von einem Grauen unbeschreiblichen Ausmaßes. Doch die Menschen im Lager können nicht damit beginnen, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Regierung in der Türkei diskriminiert sie als »Gottlose« und überlässt sie ihrem Schicksal.

Die Erinnerungen an die Zwangsumsiedlungen und die Massaker, die den Jesiden während des Osmanischen Reiches widerfuhren, sind noch immer lebendig. Zu lebendig, als dass sie sich in der Türkei sicher fühlen können. Doch sie haben keine andere Wahl.

Um einen »weißen Genozid« durch eine Flucht in alle Himmelsrichtungen zu verhindern, versuchen die Vertriebenen, zusammenzubleiben. Auf die Frage, ob er bereit wäre, nach der Befreiung von Shengal wieder nach Hause zurückzukehren, antwortet uns ein alter Mann: »Shengal ist tot. Es ist mit dem Blut unserer Verwandten und Nachbarn getränkt. Wir werden dort nie mehr sicher sein.«

Es heißt, beim Massaker von Shengal verrieten muslimische Einwohner ihre Nachbarn an den IS. Untrennbar scheint die Heimat nun mit dem Grauen verbunden zu sein.

Die Menschen träumen davon, Deutschland zu erreichen, wo die größte Diaspora der Jesiden existiert. Eine gemeinsame Flucht dorthin könnte möglicherweise die endgültige Zerstörung der jesidischen Kultur aufhalten.

Doch bisher ist diese Option ein unerfüllbarer Traum. »Ich fuhr bis nach Bulgarien an die Grenze. Doch schickte man mich zurück. Ich sei kein Flüchtling, und Deutschland würde ohnehin nur Menschen aus Syrien aufnehmen«, erzählt einer der jungen Männer, um dann resigniert zu ergänzen: »Ich verstehe nicht, warum uns Europa dem IS ausliefert.«

Auf unserem Rückweg fliegen zwei Düsenjets der türkischen Armee über unsere Köpfe. Jeder hier weiß, wem sie den Tod bringen. Drei Stunden später im Hotel erhalten wir die Nachricht, dass sie Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien bombardiert haben - jene Kräfte, die derzeit am erfolgreichsten den IS bekämpfen.

Die Deutsche Presse-Agentur meldete übrigens am Mittwoch, dass das Verwaltungsgericht Ansbach in Bayern den Asylantrag von Ismael Osso, seiner Frau Fahima und seinen vier Kindern abgelehnt hat. Ihnen droht nun die Ausweisung - zurück nach Bulgarien, wo die syrischen Jesiden nach einer abenteuerlichen Flucht durch die Türkei für ein paar Monate Zuflucht gefunden hatten.

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