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Russlands Sportlern droht der Ausschluss

WADA-Kommission bestätigt staatliches Dopingsystem und empfiehlt sogar einen olympischen Bann

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Zerstörte Dopingproben, erpresste Athleten und Geheimlabors. Eine Kommission fand haarsträubende Beweise für ein staatlich organisiertes Dopingsystem in Russland.

Russlands Sportler könnten bald arbeitslos sein. Nun ja, trainieren würden sie wahrscheinlich weiter, aber ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen, speziell denen im Sommer 2016 in Rio de Janeiro steht seit Montag in den Sternen. In Genf hat eine von der Welt-Antidoping-Agentur WADA eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission am Montag einen mehr als 300 Seiten starken Bericht vorgelegt inklusive harter Forderungen: Der Weltleichtathletikverband IAAF solle den russischen Verband ARAF sofort sperren. Das Dopinglabor in Moskau müsse seine Lizenz verlieren und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) dürfe keine Russen bei den Spielen zulassen, so lange sie nicht die Richtlinien des WADA-Codes einhalten, so die Forderungen.

Die Kommission war im Dezember 2014 berufen worden, nachdem ARD-Reporter Hajo Seppelt berichtete, wie in Russlands Leichtathletik systematisch betrogen wird: Trainer ordneten Doping an, Labor, Verband und sogar die Antidoping-Agentur vertuschten positive Proben. Ertappte Athleten mussten dafür sogar viel Geld bezahlen, auch an Offizielle der IAAF, bis hinauf an den damaligen Präsidenten, Lamine Diack. »Ich beglückwünsche die ARD für ihre Recherchen, und wir haben herausgefunden, dass sehr viel davon stimmt«, bestätigte Kommissionsvorsitzender Richard Pound auf einer Pressekonferenz in Genf. Manches kam sogar noch hinzu.

So ist im Bericht zu lesen, dass der Direktor des Moskauer Labors, Grigori Rodschenkow, mehr als 1400 Dopingproben vernichtete, kurz bevor die Kommissionsmitglieder zu Besuch kamen. Er habe auch dafür Geld gefordert, das wiederum die Trainer von den Athleten erpressten. Dies habe Rodschenkow zugegeben. »Dass 1417 Proben absichtlich zerstört wurden, um zu verhindern, dass die WADA sie selbst noch einmal testen konnte, wurde von einem weiteren Mitarbeiter des Labors bestätigt«, so der Bericht. Allerdings habe es auch groben staatlichen Einfluss gegeben, besonders vom Inlandsgeheimdienst FSB. Die WADA müsse dem Moskauer Labor schnellstmöglich die Akkreditierung entziehen, da es nicht unabhängig arbeiten könne, fordern Pound und seine Kollegen. Die Lizenz zurückzuerhalten, würde mehrere Monate dauern, sagte Pound, da die WADA nun sicherlich genau hinschauen wird, ob alle Regeln eingehalten werden. »Ein simpler Brief, dass jetzt alles befolgt wird, wird nicht reichen.«

Da sich der ARD-Bericht vor allem mit der russischen Leichtathletik befasste, konzentrierte sich auch der Kommissionsauftrag auf diese Sportart und dieses Land. IAAF-Präsident Sebastian Coe sagte nach Veröffentlichung des Berichts am Montag zu, dass das IAAF Council über den geforderten Bann des russischen Verbands schnell beraten werde. »Wir brauchen aber auch Zeit, um den Report zu verdauen«, so Coe. Die ARAF bekomme zudem die Möglichkeit, sich zu äußern. Coe hatte sich noch am Wochenende skeptisch gegenüber einem Ausschluss gezeigt: »Ich sage niemals nie. Aber ich denke, dass eine Einbindung besser als Isolation ist.«

Die Teile des Berichts zu den Verwicklungen von Ex-Weltverbandspräsident Diack wurden noch nicht veröffentlicht, da die Kommission nicht in die Ermittlungen von Interpol und der französischen Justiz gegen ihn eingreifen wollte. So blieb nur die Nachricht der IOC-Ethikkommission, die empfahl, Diack als Ehrenmitglied zunächst zu suspendieren.

Dass sogar die gesamte IAAF von der WADA suspendiert werden sollte, da die Vertuschungen bis in die höchsten Kreise des Weltverbands reichten, fordert der Bericht nicht. »So weit wir wissen, war es nicht die IAAF, sondern ein paar böswillige Individuen im Verband. Vielleicht sollte diese Unterscheidung nicht wichtig sein, aber wir glauben, dass die Vertuschungen keine Strategie der IAAF waren, sondern die Russlands«, sagt Pound, der sich im September auch mit dem russischen Sportminister Witali Mutko getroffen hatte. Er habe ihm gesagt: »Das ist die Richtung, in die wir mit unserem Bericht gehen werden. Es wird Ihnen nicht gefallen, aber wir werden Russland auch einen Weg zeigen, wie sie wieder zurückkommen können, indem die den WADA-Code wieder einhalten.«

Mutko selbst müsse von den Machenschaften im russischen Sport gewusst haben, schließt Pound: »Man kann ihn nicht direkt damit verbinden, aber das Ausmaß dessen, was da vor sich ging, war so groß, dass es ihm unserer Meinung nach unmöglich war, davon nichts gewusst zu haben. Und wenn er davon wusste, hat er sich mitschuldig gemacht.«

Zwar habe die Kommission nur die Leichtathletik erforscht, aber unter den vielen zerstörten Proben seien mit Sicherheit auch viele anderer Sportarten gewesen, so Pound, der sich fast 80 Minuten lang Fragen der internationalen Journalisten stellte. In Verbindung mit den jüngsten FIFA-Skandalen - Mutko ist auch Mitglied der FIFA-Exekutive - mutmaßte Pound: »Die öffentliche Meinung wird sicher in die Richtung gehen, dass der gesamte Sport korrupt ist. Es ist ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn du den Ergebnissen nicht trauen kannst. Und von denen lebt der Sport nun einmal.«

Die Kommission empfahl dann auch, dass mehrere russische Sportler teils lebenslang gesperrt werden sollten, gegen die derzeit noch keine Verfahren laufen. Diese Empfehlungen gehen ebenfalls auf die von ARD-Informanten heimlich gedrehten Sequenzen zurück, in denen jene Sportler zugeben gedopt zu haben. Darunter ist auch die 800-Meter-Olympiasiegerin von London 2012, Marija Sawinowa. Beim Vertuschen soll sogar ein geheimes zweites Labor geholfen haben.

Viele der zerstörten Proben sollen übrigens von den Winterspielen in Sotschi stammen, berichtete Pound. »Wir haben zwar keinen konkreten Beweis dafür, dass hier manipuliert wurde, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, was der russische Staat sonst für ein Interesse an Urinproben von so vielen Sportlern gehabt haben soll.« Kommentar Seite 4

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