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Gralssuche auf Arabisch

Abduh Gubeir schickt einen Radler auf der Suche nach dem »Brunnen des Weisen« durch die labyrinthische Stadt Kairo

Seit sie zu uns kommen, rotiert unsere Reflexion darüber, wer wir sind, wir Deutschen. Weniger gründlich nachgedacht wird über die, die da aus großer Gefahr geflohen sind: Millionen Araber. Man spricht über den augenblicklichen Zustand ihrer Länder. Weniger weiß man über die Gesamterfahrung, die sie mitbringen, die sie einbringen.

Da wird ein kleines Buch zur Quelle reicher Erkenntnis: »Sabil Al-Schachs - der Brunnen des Weisen«. Sein Autor, der Ägypter Abduh Gubeir, eine Säule des Café-Riche-Kreises um Nagib Machfus, hat im arabischen Raum einen klangvollen Namen. Mit Volkshelden der ägytischen Poesie wie Cheikh Imam und dem vor zwei Jahren verstorbenen Ahmed Fouad Nagm stand er in enger Verbindung. Gubeirs Erzählung von dem rätselhaften »Brunnen des Weisen« - an sich nur eine Kairoer Adresse, die der Ich-Erzähler über hundert Seiten lang sucht -, ist ein Schlüsselwerk der neuen ägyptischen Literatur.

Dass der Erzähler, der sich zuerst Yaqub, später Ali nennt, den Brunnen so unbeirrt suchen kann, entspringt einer Freiheit, die er zugleich erfährt und erforscht. Der Mann, dem »Ali« dort einen Brief übergeben will, heißt ebenfalls Ali. Die Suche wird zur Selbstsuche. »Ali« behauptet, die labyrinthische Stadt Kairo nach einem von ihm gefassten »Plan« zu durcheilen, auf einem Fahrrad, dessen Kette reißt und den Fahrer damit, zwecks Reparatur, den unterschiedlichsten Helfern ausliefert. Prostituierte in Hinterhäusern trifft er, Müßiggänger in Teehäusern, Archäologen, Imame, Gewürzkrämer, Halbweltchargen. Jeden fragt er nach der ominösen Adresse. Kaum einer wundert sich darüber. Die ganze Stadt scheint von der Suche des einen infiziert, der sie sich traut. Der seine Familie, seine Herkunft, seine Sicherheit verlässt für einen ganz besonderen Ort.

Eine Gralssuche auf Arabisch ist das. Ali alias Parzival, der »tumbe Tor«, der auf dem Weg zur Erkenntnis ein Anderer wird, befreit sein Denken mit stetig wachsender Kühnheit. Seinen angeblichen »Plan« will er von Fremden erfragen. Seinen Weg vertraut er erst Gott an, dann heißt es: »Es könnte ja sein, dachte ich, manchmal findet das Fahrrad den Weg von alleine.« Drei mit Haschisch gefüllte Shishaköpfe hilft »Ali« wegrauchen, dann nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Wie die Gedanken über Stock und Stein schießen und drei Mal simultan ihre Richtung ändern können, das demonstriert Gubeir auf ebenso unterhaltsame wie philosophische Art. Wobei der Orientalist und Verleger Georg Stauth im Vorwort Recht hat: Das sinnliche Erleben, die Begegnung mit realen Menschen und ihren Alltagsproblemen ist die Quintessenz. Dem gegenüber nimmt das rastlose Radlerhirn sich oft komisch aus, immer zur Selbstironie bereit. Die Botschaft, die »Ali« seinem Namensvetter überbringen will, ist nur drei Wörter lang: »Wir werden kommen.« Ein demokratisches Ägypten, das ist die Vision in diesem im Original bereits Anfang der siebziger Jahre erschienen Prosapoem. Bei aller mystischen Potenz, der genaue Blick auf Alltagswirklichkeit, auf ein Land in den Köpfen seiner Menschen ist das Faszinosum. »In Ägypten«, sagt Georg Stauth, »anders als anderswo, bestimmt das Wissen um den plötzlichen Niedergang und über die Widrigkeiten des Lebens das Maß aller Dinge«. Dieses so andere Denken begegnet uns lebendig in diesem Buch. Ein Volk, das Revolution machen will, braucht Träumer und hat sie.

Abduh Gubeir: Sabil Al-Schachs - Der Brunnen des Weisen. Erzählungen und Geschichten. Aus dem Arabischen von Hatem Lahmar. Vantage Point World Verlag. 137 S., geb., 14,85 €.

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