Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Europa mit Russland in einem Boot

Spannung in Moskau vor dem Besuch des französischen Staatschefs

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine besondere Rolle Frankreichs sehen russische Beobachter vor dem Moskauer Treffen der Präsidenten Hollande und Putin.

Noch sei es verfrüht, von einer de-facto-Koalition mit Frankreich beim Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) zu sprechen, meinte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Doch da hatte Präsident und Oberkommandierender Wladimir Putin beim Besuch des Lagezentrums im russischen Verteidigungsministerium dem vor Syrien stationierten Verband der Schwarzmeerflotte bereits Befehl erteilt, Schiffe der französischen Kriegsmarine im östlichen Mittelmeer »wie Verbündete zu behandeln«.

Mit besonderer Spannung sieht Moskau daher dem Besuch von Frankreichs Präsidenten am 26. November entgegen. Dort und zwei Tage zuvor in Washington will Francois Hollande mit seinen Amtskollegen über eine globale Anti-Terror-Koalition reden. Frankreich, Russland und die USA, das hatte er schon Montagabend auf einer Sondersitzung der französischen Nationalversammlung gefordert, müssten ihre Macht bündeln.

Putin hatte schon auf der UN-Vollversammlung im September eindringlich, aber vergeblich für eine weltweite Einheitsfront gegen den IS geworben und dazu die Anti-Hitler-Koalition beschworen, als sich die Sowjetunion und der Westen angesichts der gemeinsamen Bedrohung zusammenrauften. Nach dem Blutbad in Paris vom Freitag zeigte indes nicht nur Hollande Interesse. Auch US-Präsident Barack Obama schlug am Wochenende bei dem Vier-Augen-Gespräch mit Putin am Rande des G-20-Gipfels im türkischen Antalya eher konziliante Töne an.

Hollandes Umschwenken auf Putins Vorschlag einer Anti-Terror-Einheitsfront, schreibt die Moskauer Tageszeitung »Kommersant«, komme einer »Umformatierung der Weltpolitik« gleich. Frankreich könnte bei der Enteisung der Beziehungen Russland-USA die Rolle eines Katalysators zufallen. Könnte. Eine weltweite Anti-Terror-Koalition wie nach den Anschlägen im September 2011 sei so leicht nicht zu haben, warnt das Blatt. Das gelte wegen der Verwerfungen in Russlands Verhältnis zum Westen und weil der Kampf gegen den IS für zahlreiche Staaten im Nahen Osten immer noch nicht Hauptaufgabe sei.

Im Westen, so neben Kommersant auch der Tenor von Kommentaren anderer großer Zeitungen, wachse nach den Anschlägen von Paris jedoch der Druck auf die Politik, eigene Anstrengungen bei der Terrorismusbekämpfung mit denen Russlands zu koordinieren. Erste Anzeichen für eine vorsichtige Annäherung mehren sich, schreibt die »Nesawissimaja Gaseta«. Angesichts der Bedrohungen sei vor allem Europa bereit, Ressentiments gegenüber Russland zurückstellen. Die stets kritische Nowaja Gaseta dagegen warnt die Europäer: Sie müssten bei einer Koalition mit Russland auf ihrem Werte-Kanon bestehen.

Selbsterhaltungstrieb werde Moskau und den Westen in ein Boot zwingen, schreibt das Massenblatt »Moskowski Komsomolez«. Fraglich sei, wohin dieses Boot fahre. Ähnlichkeit strategischer Interessen sei keine Erfolgsgarantie. Beide hätten unterschiedliche Vorstellungen von einer »Nachkriegsordnung« und kein Interesse an einer Bodenoperation, ohne die der Kampf gegen den IS nicht zu gewinnen sei, glaubt Militärexperte Alexander Goltz. Eine Entsendung von Bodentruppen schlossen Verteidigungsministerium und Generalstab in Moskau kategorisch aus. Dafür soll das Kontingent in Syrien durch Jäger und Langstreckenbomber verstärkt werden, die in Südrussland starten.

Die Polizei versucht unterdessen, der »Telefon-Terroristen« Herr zu werden. Wegen Bombendrohungen musste sie Dienstag in Moskau zwei Bahnhöfe, mehrere Metrostationen, das Hotel »Kosmos« mit 1777 Zimmern und einen Markt räumen lassen. Kommentar Seite 4

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln