Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Herzliche Hirnwerkzeuge

Martin Buchholz stellt sein neues Programm »Denkste?!« in den »Wühlmäusen« vor

  • Von Mathias Schulze
  • Lesedauer: 4 Min.
»Bin ich’s? Ein Linker? Dazu noch ein richtiger, was ja im Wortsinne heißt: ein rechter?« Der Kabarettist Martin Buchholz ist ein Wortakrobat jenseits von Comedy und Zeigefingerkabarett: nie auf Linie, aber immer online.

Suchbewegungen. Im Vorwort seines neuen Buches »Missverstehen Sie mich richtig! Ein satirisches Lexikon«, erschienen im be.bra-Verlag, gibt der gebürtige Berliner Martin Buchholz, Jahrgang 1942, Auskunft über sein Gewerbe: »Aha-Erlebnisse mit Haha-Ergebnissen.« Hinaus will er führen, fort aus den »geschlossenen Abteilungen der herrschenden Ideologien und Ogottologien und Igittologien«. Ein fundamentaler Unterschied zur massentauglichen Comedy, Welten entfernt von einer Moralkeule im »Hier die Guten, dort die Bösen«-Zeigefingerkabarett.

»Was das Bullrich-Salz für die Verdauung, ist Buchholz für die Weltanschauung«, so der Künstler selbst. Politisches Kabarett in seiner reinsten Form. Anderes ist allzu oft die reinste Leere, nur eine Vorurteilsbestätigungsshow. Buchholz zielt von überall, entscheidend ist, dass der Rahmen des eingezimmerten Weltbildes getroffen wird. Auf dass es krachend von der Wand falle! Wieder der Künstler selbst: »Ich will den Leuten das Denken und das Fragen ermöglichen. Das kann nur aus einer Verunsicherung heraus entstehen. Bei mir gibt es keine Leitartikelproklamation.«

Wer den Kabarettisten einmal live gesehen hat, weiß, dass das Haha-Ergebnis das sekündlich folgende Aha-Erlebnis allzu schnell überlacht. Kein Problem, versichert der Wortakrobat, man müsse nicht alles verstehen: »Das Tempo macht das Denkvergnügen.« Buchholz steht im Dialog mit Wolfgang Neuss und im Gespräch mit den »Polit-Kommisaren«. Man lese nur den Lexikon-Eintrag »Links - oder rechts? Oder wie oder was?«: »Bin ich’s? Ein Linker? Dazu noch ein richtiger, was ja im Wortsinne heißt: ein rechter? Also, wissen’se, ick weeß nich.« Und gleichwohl und selbstverständlich, Buchholz besteht darauf: »Hinter meinen satirischen Verfahren stehen klare Grundhaltungen.« Ein Narr, wer sie nicht erkennt. Suchbewegungen, die beim Humanen, bei Eigentumsverhältnissen und bei Hirnwerkzeugen, die sich mit den veränderten Umständen ebenfalls ändern, fündig werden. Missverstehen Sie ihn richtig! Buchholz geht die Poesie zur Hand, alte und treffende Hirnwerkzeuge lyrisch formuliert: »Es gilt für Oma wie für Enkel,/ haste noch alle auf’m Senkel,/ hol dir von Kalle Marx den Henkel.«

Einen Henkel für jene Tassen, die man vielleicht gar nicht mehr im Schrank hat? So wird politisches Kabarett zum ernsthaften Menschheits- und Tagesgeschäft. Das neue Buch ist ein Lexikon über uns, über den Tag hinausweisend. Zuverlässig werden die Zwangsjacken des Denkens, die das »Leben und das Lieben oft so schwer« machen, unsere engen Begleiter bleiben.

Auch das neue Programm »Denkste?!« ist ein Rückblick auf das austrudelnde Jahr und ein Ausblick auf die »Idiotie der Ideologie«. Buchholz’ Verstand braucht diese Weite, nach 20 Jahren als journalistischer Redakteur wurde 1982 die Kabarettbühne, ein Tisch, ein Barhocker, zum Zufluchts- und Freiheitsort. Das Stammhaus heißt »Die Wühlmäuse«.

Nie auf Linie, aber online. Auf seiner Homepage bietet er eine Wochenschau im Newsletter-Format an. Geschliffen an den Klassikern des Abendlandes, wählt er dort, immer den Umständen entsprechend, auch mal deftige Worte: »Die demonstrative Kloaken-Entleerung hält weiter an. Eine zwanghafte Entleerung, die auch etlichen Intellektuellen zu schaffen macht - zum Beispiel Botho Strauß, den manche immer noch für einen großen deutschen Dichter halten. Dabei ist er eher ein Undichter, der unter schwerer Hirn-Inkontinenz leidet und dem der ›Spiegel‹ jüngst seine Spalten zur Verfügung stellte, zwecks Verrichtung seiner völkischen Notdurft. Alle Sturmglocken ließ der Deichwart läuten wegen der ›Flutung des Landes mit Fremden‹. Und da flutet es tatsächlich beim blubbernden Botho. Auf einmal sind alle Schleusen des gewöhnlichen Faschismus weit geöffnet.«

Thematisch lässt Buchholz von A bis Z nichts aus, im Zigarettenqualm seiner Stammkneipe wird gerne über den Klimawandel gehustet. Ratschlagendes Schulterklopfen inbegriffen: »Hören Sie auf zu arbeiten! Erben Sie! Dann kommen Sie vielleicht zu Wohlstand.« Damit er richtig (miss)verstanden wird: Ginge es in der Welt herzlicher zu, wäre Buchholz bestimmt nicht weniger hirnlich.

Martin Buchholz: Missverstehen Sie mich richtig! Ein satirisches Lexikon. be.bra, 240 S., geb., 19,95 €. »Denkste?!«, 22. November, 20 Uhr, Die Wühlmäuse, Pommernallee 2-4, Charlottenburg; www.martin-buchholz.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln