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Der Sohn des Stauseemonsters

Jeong Yu-jeong wird zu Recht mit Stephen King verglichen

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Foto im Buchumschlag zeigt eine schöne Frau. Jeong Yu-jeong ist 1966 geboren, Krankenschwester von Beruf. »Sieben Jahre Nacht« ist ihr dritter Roman. Über 500 Seiten - wie macht sie das bloß, dass sie eine solche Spannung schafft. Es ist ein Buch, um alles andere von sich wegschieben zu wollen, um den Nachtschlaf zu vergessen und was alles sonst. Und wenn es am Schluss noch für die letzten Rätsel Erklärungen gibt, tut es einem leid. Könnte es nicht weitergehen? Vielleicht ist der angeblich Hingerichtete gar nicht tot? Vielleicht ergeben sich neue Zusammenhänge?


Jeong Yu-jeong: Sieben Jahre Nacht. Thriller.
A.d. Korean. v. Kyong-Hae Flügel. Unionsverlag. 528 S., br., 19,95 €.


Dabei hat man doch schon im Prolog erfahren, was geschehen ist. Choi Hyunsu, der Sicherheitsmanager des Seryong-Staudamms, hat eine Katastrophe verursacht. Er hat die Schleusen geöffnet. Noch weiß sein Sohn Sowon nicht, warum. Er ist ja erst elf Jahre alt und gerade aus einer schrecklichen Lage befreit worden. Den Polizisten sagt er, dass er das Mädchen gesehen hat, das vor zwei Wochen gestorben ist. Sie hätten Fangen gespielt.

Das Mädchen Seryong, mit Sowon gleichaltrig, schön mit ihren langen Haaren und großen schwarzen Augen - sie wurde aus dem Stausee geborgen. Die Verletzungen stammen nicht von einem Täter allein. Wir sind dabei, als sie geschlagen wird und Stunden später auch, als ein anderer Mann sie erwürgt und ins Wasser wirft. Relativ früh im Roman scheint es, als ob schon alles klar sei, nur die Polizei muss noch an den Punkt gelangen, wo wir bereits sind. Was soll denn jetzt noch kommen? Oh, es kommt noch viel! Denn der Schlägertyp ist ihr Vater, er ist schuld, dass sie von zu Hause weggelaufen ist, aber es schlägt ihm nicht das Gewissen. Wer seine Tochter umgebracht hat, will er wissen und stellt auf seine Weise Ermittlungen an. Das tun aus verschiedenen Gründen bald mehrere Gestalten im Roman. Parallel zur Polizei suchen sie nach Zusammenhängen - und verhalten sich mitunter seltsam.

Die Konstellationen sind überschaubar, sowohl was den Handlungsort, das Ufer des Seryong-Staudamms betrifft (am Ende des Buches findet sich dazu sogar eine Skizze) als auch die Romangestalten, die zu Beginn ordentlich aufgelistet sind. Namen stehen über den einzelnen Kapiteln, abwechselnd erzählt die Autorin aus der jeweiligen Sicht. Das Geheimnisvolle steckt in diesen Menschen.

Durch die Logik ihres jeweiligen Charakters sind sie voneinander unterschieden, und auch die Leserin, der Leser sind ja von eigener Art, können manches nachvollziehen, anderes nicht, wundern sich, versuchen, etwas vorauszusehen - und stecken schnell schon mittendrin im bösen Spiel. Nur gut, dass es darin auch einen Guten gibt: Ahn Sungwahn, Angestellter bei der Damm-Sicherheit. Er wohnt mit Choi Hyunsus Sohn in einem Zimmer und rettet ihn mehr als einmal aus einer bedrohlichen Situation.

Das Buch beginnt mit dem elfjährigen Sowon und endet mit dem achtzehnjährigen. »Sieben Jahre Nacht« meint sein Getriebensein, nachdem seine Mutter getötet und sein Vater verhaftet worden war. Bei keinem der Verwandten fand er eine sichere Bleibe. Wo er auch hinkam, wurde er als »Sohn des Stauseemonsters« erkannt. Keine Schule, die er nicht bald verlassen musste. Geächtet ist er, ständig auf der Flucht. In höchster Not ruft er die Telefonnummer an, die er damals von Ahn Sungwahn bekommen hat. Und siehe, der meldet sich. Wohnt inzwischen ganz woanders. Im »Leuchtturmdorf«, einem abgeschiedenen Fleckchen Erde glimmt täglich der Bildschirm seines Laptops. Denn Ahn Sungwahn möchte Schriftsteller sein.

Sein Traum ist ein erfolgreicher Roman. Deshalb sammelte er Material über die Ereignisse von einst, versucht sie in eine literarische Form zu bringen. Im Roman steckt also ein Roman - das ist der künstlerische Trick von Jeong Yu-jeong. Was ist wirklich geschehen, wie wurde es hernach in Form gebracht? Das sind die Fragen, die uns in Atem halten. Umso mehr, wenn da ein Verhalten zu beobachten ist, das sich rationalen Beweggründen entzieht. Wieso kann Sowon das tote Mädchen sehen? Was ist mit ihrer Katze? Wieso bringt sein Vater, der im übrigen Alkoholiker ist, des Nachts Schuhe zum Stausee, um sich morgens über deren Verschwinden zu wundern? Und in der Gegenwart des achtzehnjährigen Sowon: Wer schickt Pakete mit Manuskripten und einem seiner Baseballschuhe?

»Nach meiner Überzeugung gibt es zwischen den Tatsachen und der Wahrheit eine eigene Welt, über die nicht gesprochen wird oder über die man nicht sprechen möchte«, erklärt die Autorin im Nachwort. »Und dennoch müssen wir uns dieser unbequemen und chaotischen Welt stellen.« Davon handele ihr Roman - »von der Ausweglosigkeit eines Lebens, in dem einer alles daransetzt, das für ihn Wichtigste zu beschützen«.

Vor der Lektüre schien mir die Bezeichnung »Koreas Stephen King« ein Werbeslogan zu sein, dem man nicht trauen sollte. Jetzt sehe ich das anders.

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