Werbung
  • Kultur
  • Bücher zum Verschenken

Nur der Mond weiß mehr

Javier Marías zieht in ein raffiniertes Geflecht aus Wahrheit und Täuschung

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Man löscht nicht nach Belieben die Erinnerung aus«, und »Wir wandern von Täuschung zu Täuschung.« Das sind zwei dem Roman entnommene Sätze, die schon ein wenig das Komplexe des Erzählten ausmachen. Lesen wir sie (wie hier) zusammen, dann ist unsere und jedes Menschen Vergangenheit ja nichts anderes als erinnerte Täuschung.


Javier Marías: So fängt das Schlimme an.
Roman. A. d. Span. v. Susanne Lange. S. Fischer Verlag. 639 S., geb., 24,99 €.


Gehen wir in dem uns abgeforderten Gedankenspiel noch einen Schritt weiter, dann stellt sich im Zusammenhang mit dem Buchtitel die Frage: Wie und wann fängt das Schlimme an - mit einem Geschehen oder mit einer Täuschung, mit der Erinnerung daran oder mit dem Verdrängen? Einfacher gefragt, was ist folgenreicher: Vergessen oder Nicht-Vergessen-Können?

Damit sind wir sogar schon unbemerkt dem großen Geheimnis des Romans näher, als wir glauben, unbemerkt allerdings, denn Javier Marías bleibt uns lange die Antwort schuldig, spannt uns, die Leser, mit dieser komplizierten Liebes- und Leidensgeschichte aus Spanien in der Nach-Franco-Ära bis zuletzt auf die Folter. Seelische Abgründe sind nicht erfassbar, auch das suggeriert der Roman, und so weiß von ihnen eigentlich nur ein einziger, das ist der Mond, »der kalte Nachtwächter«, der, wie nebenbei, als schöne Metapher durch den Roman geistert.

Aber schauen wir auf die Romanhandlung, die auch ohne Blicke hinter die psychischen Kulissen vital und impulsiv genug ist! Der Ich-Erzähler Juan de Vere erinnert sich an lange zurückliegende, turbulente Ereignisse seines Lebens. Für den dreiundzwanzigjährigen, filmbegeisterten Diplomatensohn ging damals ein Traum in Erfüllung, als ihn der bekannte Filmregisseur Eduardo Muriel zu seinem Assistenten machte. Es dauerte nicht lange, da wird er zu einem wichtigen Gesprächspartner und beinahe zu einem Vertrauten Eduardos. Der Regisseur, auf dem Teppich seines Arbeitszimmers liegend und mit schwarzer »klassischer Augenklappe« (ein Fritz Lang oder ein Polyphem?), wandelt Gespräche mit dem Jüngeren in lange Monologe um. Er nennt ihn fast zärtlich »Junger de Vere« oder »Junger Vera« und nimmt ihn in den Kreis seiner Familie auf.

Bald bezieht der junge Mann ein kleines Zimmer im großzügigen Haus des Regisseurs. Juan hat allen Grund, glücklich und zufrieden zu sein, aber in seine Freude fallen Wermutstropfen, weil er hautnah Zeuge der unglücklichen Ehe Eduardo Muriels und Beatriz Nogueras wird. Dabei ist ihm Eduardos schroffes, verletzendes Verhalten seiner Frau gegenüber vollkommen unverständlich. Beide führen ein selbstbestimmtes Leben ohne materielle Einschränkungen. Und dann wird alles zunehmend dramatisch, Juan gerät ungewollt in verschiedene Rollen, er wird zum Voyeur, zum Detektiv und schließlich zum Geliebten von Beatriz.

Javier Marías hat das Geschehen in die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse um 1980 eingebettet, der ersten Zeit nach der Franco-Diktatur, »Jahre der Unbekümmertheit«, wie es einmal heißt, geprägt von Lebenslügen und überspanntem Hunger nach individueller Freiheit und Sexualität. Diesen Zeitgeist verkörpert der Arzt und Profiteur van Vechten. Eine Art Gegenpol oder Gegenspieler zu ihm ist der Professor Francisco Rico, ein großer Shakespeare­Kenner und damit ein Wissender und Wahrheitssucher. Der verrät zwar nicht, woraus der Romantitel diesmal stammt (es ist wieder: »Macbeth«), aber er setzt Juan auf die (wahre oder unwahre?) Spur des Edward de Vere, siebzehnter Earl of Oxford, der der wahre Verfasser des Shakespeare-Werkes gewesen sein soll. Womit der Leser wiederum in das verflixte komödiantische Verwirrspiel des Javier Marías einbezogen wird.

Es ist ein raffiniertes Geflecht menschlichen Handelns und Seins, das uns der Autor noch anspruchsvoller als in seinem Weltbestseller »Mein Herz so weiß« zu enträtseln aufgibt. Ein Buch der Zweideutigkeiten und Gegensätze, das von Wahrheit und Lüge, Bindung und Abneigung, Grobheit und Zärtlichkeit, Lebensgier und Todessehnsucht erzählt, schockierend und fesselnd zugleich.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!