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Sieben Etagen über dem Alltag

Gabriele Wohmann lässt uns überlegen, was an Weihnachten schön sein könnte

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Weihnachtszeit: Jesus wurde geboren, das Christkind erscheint, die Rauhnächte verwirren die Gemüter, die Berchta treibt ihr Unwesen, und Santa Claus is coming.


Gabriele Wohmann: Die Idee des Jahres oder Weihnachten ohne mich.
Erzählungen. Aufbau Verlag. 208 S., geb., 15 €.


Weihnachten, das Fest der großen Gefühle: Liebe und Sehnsucht, Angst, Schuld, Trauer - oft Tristesse. Was man das ganze Jahr über erlebt, scheint sich in dieser Zeit zuzuspitzen. Das Fest will Ruhe und Besinnlichkeit - und ist schon vorab belastet von Befürchtungen, dass es Stress geben wird. Alles soll perfekt sein; gerade deshalb ist die Harmonie so gefährdet.

Gabriele Wohmann, bekannt durch ihre gesellschaftskritisch bissigen Geschichten des Alltäglichen, geht in ihrem Buch genau diesen Gefühlszuständen auf den Grund. Sie analysiert nicht, sie erzählt uns von den Gewohnheiten des Alltags zur Weihnachtszeit, verpackt in 15 zauberhaften kurzen Texten.

Dabei wirkt es zugleich rührend, wie die studierte Philosophin und Germanistin uns Leser durch ihre Beobachtungen nachdenklich macht und mitunter zum Schmunzeln bringt. Da schreibt eine Frau namens Laura zum Beispiel einen lieben Brief an ihre Freundin Lilly, die vor kurzem ihren Mann verloren hat. Sie möchte sie einladen und trösten in dieser schweren Zeit, fühlt sich jedoch in einem Dilemma, denn mit jedem Wort wird ihr beim Schreiben bewusst, wie sehr sie sich eigentlich auf Weihnachten alleine mit ihrem Gustav nebst seinen Macken freut. Alle Jahre wieder.

Und so beschreibt sie Lilly, auf welche Gemütlichkeiten beide für sie verzichten würden. Gustav würde seine Eisenbahn nicht aufbauen können, ein Ritual aus Kindertagen. Und über seine Einsilbigkeit dürfe sie sich nicht wundern, Trauer ertrage er nicht. Bekommt er doch ohnehin ein Gefühl von Beklemmung bei dem Gedanken, innerlich zu verrosten. Der Kaffee müsse für drei Personen zubereitet werden, was bedeutet, dass die große Espressomaschine hervorgeholt werden müsse. Einen Tannenbaum wie bei der Freundin würde es nicht geben, dafür würde der große Tisch im Esszimmer nach Jahren wieder prächtig geschmückt. Zudem würde Besuch es mit sich bringen, dass Laura ihren geliebten Bademantel erst kurz vor dem Zubett-Gehen anziehen könnte. Wer geht in diesen Tagen eigentlich morgens als erster ins Bad? Laura sieht schon ihr Verdauungsproblem voraus.

Das ist alles nicht zu vergleichen mit dem Seelenschmerz der Witwe, doch bedenklich für Laura und Gustav.

Wird Lilly den Besuch nun absagen? Nach nicht langer Zeit ruft sie an. Sie wird kommen - vielleicht gerade, weil ihr dieser festgefügte Alltag wie ein Halt erscheint ...

So spielt Gabriele Wohmann mit Ambivalenzen, verunsichert uns in unseren Bewertungen. Auch dadurch wird die Lektüre interessant.

Harry und Bert erwarten das Weihnachtsfest in ihrem Büro im siebenten Stock eines Hochhauses. Der herrliche Ausblick auf triste Landschaften bringt sie gerade jetzt zur Ruhe, denn unten, daheim bei ihren Frauen, geht es schon seit September hoch her. Bernd beschwert sich über den Backwahn seiner Isolde, über Geschenkelisten und dass der Besuch der erwachsenen Kinder zeitlich bereits so eingetaktet ist. Harry findet, dass es an den Kochkünsten seiner Frau so oder so schon hapert. Nun habe sie noch irgendetwas über »vegetarisch« gesagt. Und dann ihr neues Hobby: die Blockflöte. - Weihnachten könnte so schön sein, gäben die Frauen doch endlich Frieden. Kann man verstehen, oder? Warum setzen sich Frauen eigentlich so unter Druck und üben selber Zwang aus?

Als Leser möchte man das Buch am liebsten in einem Stück durchlesen. Gabriele Wohmann versteht die Menschen. Ihre Texte sind ehrlich. Sie führt uns vor Augen, was nebenan und bei uns selber geschieht.

Damit wir in uns gehen: Wie hätte ich Weihnachten am liebsten? Wie würde es auch meinen Nächsten gefallen?

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