Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wir haben uns für Mao aufgerieben!

50 Jahre Mao-Bibel: Viele ehemalige Maoisten haben ihr Rotes Buch im Schwarzen Loch verschwinden lassen und einige Jahre aus ihren Lebensläufen getilgt.

  • Von Christian Y. Schmidt
  • Lesedauer: 8 Min.

Ja, ich hatte auch eine. Ich hatte sogar zwei. Eine deutschsprachige und eine chinesische. Die deutsche hatte ich mir im »Roten Buchlädchen« gekauft, bei meiner Schule um die Ecke. Die chinesische Ausgabe kam vom Zweitausendeins-Versand. Das Mao-Plakat, das an der Dachschräge über meinem Bett hing, hatte ich übrigens bei Karstadt erworben. Allein an diesem Umstand kann man erkennen, dass Mao und sein Buch zumindest bis Mitte der siebziger Jahre in Westdeutschland zur Popkultur gehörten.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich je viel in dem kleinen roten Büchlein gelesen hätte. Es ist ja eigentlich auch eine unlesbare Kompilation von Zitaten, von denen die meisten nur in ihrem jeweiligen historischen Zusammenhang zu verstehen sind. Meine historischen Kenntnisse aber waren zum Zeitpunkt des Erwerbs doch noch recht bescheiden. Ich dürfte etwa vierzehn Jahre alt gewesen sein, als ich mir die erste Mao-Bibel besorgte.

Eigentlich waren diese »Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung« für mich - wie für viele andere meiner Generation - so etwas wie eine Buch gewordene Ikone. Die besaßen viele. Immerhin soll das kleine rote Buch von Mitte der Sechziger bis zur Mitte der Siebziger das meistgedruckte der Welt gewesen sein. Doch während für andere die Mao-Bibel nur ein poppiges Accessoire war, brachte es mich dazu, mich intensiver mit dem Maoismus zu beschäftigen.

Ich war sechzehn, als ich ganz offiziell Maoist wurde. Ich trat in die »Liga gegen den Imperialismus« ein. Das war kurz nach der Besetzung und Räumung eines Jugendheims in Bielefeld-Brackwede im April 1973, bei der ich ein paar Maoisten persönlich kennenlernte. Dass ich für die »Liga« - eine sogenannte Massenorganisation der maoistischen KPD - rekrutiert wurde, war reiner Zufall. Es hätte auch eine der anderen maoistischen Vereinigungen gewesen sein können, die bei der Besetzung mitmischten.

In den nächsten drei Jahren taperte ich jede Woche einmal brav zur Ortsgruppensitzung. Am Samstag verkaufte ich unsere Zeitung, die »Internationale Solidarität«, in der Fußgängerzone, und manchmal auch die »Rote Fahne«, das Zentralorgan der KPD. Bisweilen wurden nachts Plakate geklebt, manchmal frühmorgens vor Fabriken Flugblätter verteilt, und ab und zu fuhr man zu großen Demos ins Ruhrgebiet oder nach Berlin.

Dieser maoistische Alltag hatte nicht viel mit dem zu tun, was mich zunächst am Maoismus angezogen hatte: In erster Linie war das der Satz »Rebellion ist gerechtfertigt«, mit dem Mao die Kulturrevolution in China eingeleitet hatte. Auch die Tatsache, dass im Zuge dieser Bewegung die Schulen für einige Zeit geschlossen und Lehrer mit »Schandhüten« auf dem Kopf durch die Straßen getrieben wurden, gefiel mir. Das hätte ich auch gerne mit meinen Lehrern gemacht. Die Kulturrevolution war aber auch für viele andere Maoisten die Initialzündung. »Mich hatte fast der Schlag getroffen«, erzählte im Rückblick unser großer Vorsitzender, der spätere »taz«-Redakteur Christian Semler, »als ich 1966 die Thesen zur Kulturrevolution las von der kommunistischen Partei Chinas ... [Da] dachte ich: Genauso muss man’s machen.«

Ich war neunzehn, als sich der Maoismus für mich erledigt hatte. Wie von der Partei empfohlen, war ich zur Bundeswehr gegangen, u.a. um die »weltweite Front gegen den Sozialimperialismus [= Sowjetunion] zu stärken«. Konfrontiert mit der harschen Praxis beim Bund und einem Haufen echter Proletarier begriff ich rasch: Ganz so, wie wir Maoisten uns die Welt dachten, ist sie doch nicht. Dann starb im selben Jahr auch noch die Ikone Mao. Ich hörte bald auf, meine Beiträge zu zahlen, und mutierte zum undogmatischen Linken.

Etliche andere Maoisten hielten deutlich länger durch als ich. Die KPD löste sich 1980 auf, die Reste des Kommunistischen Bunds Westdeutschlands (KBW) erst 1985, neun Jahre nach Maos Tod. Ein großer Teil meiner alten Genossen wurde jetzt zu Grünen. Ein anderer Teil machte an den Universitäten Karriere, einige in der Wirtschaft, manche bei den Medien. Und mit einem Mal war die maoistische Bewegung in der BRD, die zu Hochzeiten sicher mehr als hunderttausend Mitglieder und Sympathisanten hatte, wie vom Erdboden verschluckt.

Keiner wollte mehr Maoist gewesen sein, keiner mehr zu einer der vielen Organisationen gehört haben. Und das ist bis heute so. Ich habe mir die offiziellen Biografien von fünfzehn ehemaligen Maoisten angesehen, die es zu Prominenz gebracht haben. Nur zwei Leute hatten ihre einstige Zugehörigkeit zu einer maoistischen Organisation nicht aus dem Lebenslauf getilgt.

Für Ulla Schmidt zum Beispiel, von 2001 bis 2009 Gesundheitsministerin, begann die politische Karriere erst 1983 mit dem Eintritt in die SPD. So behauptet sie es jedenfalls auf ihrer Bundestagsabgeordnetenseite. Dass sie bei der Bundestagswahl 1976 für den KBW auf Platz zwei der NRW-Landesliste kandidierte, wird nicht erwähnt. Auch auf ihrer persönlichen Homepage ist für Schmidt ihre maoistische Vergangenheit nicht existent. Hier wird zwar akribisch jede Mitgliedschaft aufgelistet, vom Kneipp-Verein bis zur Atlantikbrücke, aber zu einer maoistischen Organisation - nichts.

Ähnlich leer sieht es auf der offiziellen Biografie-Seite von Ralf Fücks aus, Vorstandsmitglied der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung. Fücks war führender Kader des KBW, sein konkreter politischer Lebenslauf beginnt aber erst 1982 mit dem Eintritt bei den Grünen. Vorher engagierte er sich lediglich »in der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition«. Und so ließe sich die Liste fortsetzen: Auf der Webseite des Bundestages findet sich im Lebenslauf des ehemaligen Abgeordneten und Berliner Ex-Justizsenators Wolfgang Wieland kein Hinweis auf seine einstige Mitgliedschaft im maoistischen »Kommunistischen Studentenverband«. Ebenso auf der persönlichen Homepage Antje Vollmers, Ex-»Liga gegen den Imperialismus«. Im Lebenslauf der ehemaligen grünen Hamburger Senatorin Krista Sager (Ex-KBW) dasselbe. Usw. usf.

Die zwei genannten Ausnahmen sind der ehemalige Parteichef der Grünen und heutige Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer und der ehemalige grüne Hamburger Senator Willfried Maier. Auf Bütikofers eigener Homepage liest man, dass er sich irgendwann der Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG) und später dem KBW angeschlossen habe. Auf Maiers Seite bei der Böll-Stiftung wird lakonisch nach der Promotion eine »KBW-Mitgliedschaft« aufgeführt. Leider ist es auf Bütikofers Europaparlamentsseite - die aufgrund von eigenen Angaben kompiliert wird - mit der Transparenz schon wieder vorbei. Hier steht für die Jahre 1973 bis 1982 lediglich, dass er »Studentenvertreter in verschiedenen Funktionen« gewesen sei. Und dass Maier führender Kader des KBW sowie von 1973 bis 1976 leitender Redakteur seines Zentralorgans gewesen war, muss man auch woanders recherchieren.

Eine merkwürdige Zwischenstellung zwischen Tilgern und Bekennern nimmt Winfried Kretschmann ein, der erste ex-maoistische Ministerpräsident des Planeten. Dem Internetauftritt seiner grün-roten Landesregierung ist zwar nicht zu entnehmen, was er im KBW getrieben hat (»Seit Studententagen politisch aktiv gründete Kretschmann 1979 mit anderen die Grünen in Baden-Württemberg«, so beginnt auch hier die politische Laufbahn.) Dafür geißelt er sich aber auf der Homepage der Bundesgrünen für sein - auch hier nicht konkret benanntes - linksradikales Engagement um so mehr: »›Ein fundamentaler politischer Irrtum ... Das geht mir bis heute nach: Wie kommt es, dass man als gebildeter Mensch auf einmal in so einer Sekte landet? Dass man die Welt nur noch durch einen Tunnelblick sehen kann?‹ Seine Frau Gerlinde und die Bücher von Hannah Arendt halfen ihm, aus diesem totalitären Denken herauszukommen ...«

Der Maoismus scheint über Kretschmann gekommen zu sein wie eine psychische Krankheit, die er sich nicht erklären kann. Diese Begriffslosigkeit, die auch andere führende Ex-Maoisten teilen, zeigt, wie notwendig eine genauere Erforschung des deutschen Maoismus und des Wegs seiner Protagonisten wäre. Auch für die Geschichte der Grünen wäre das erhellend, denn ohne das massenhafte Eintreten erfahrener maoistischer Kader sähe die Partei heute wohl anders aus. Und auch heute noch dürften bei den Grünen unbewusst maoistische Überzeugungen fortwirken. Dazu sehe man sich bloß die Positionierung führender Grüner wie Ralf Fücks in der Ukraine-Krise an.

Doch immer noch findet eine Aufarbeitung des deutschen Maoismus kaum statt. Von einem »schwarzen Loch ... in der eigenen Biografie, aber auch im allgemeinen Bewusstsein«, schreibt Gerd Koenen, ehemaliges ZK-Mitglied des KBW, in seinem Buch »Das rote Jahrzehnt« (2001) ganz richtig. Dieses Buch, das bisher umfangreichste zum Thema, hat durchaus seine Verdienste, wenn es auch mit den typischen Schwächen behaftet ist, die auftreten, wenn Apostaten über ihre Vergangenheit berichten.

Sonst gibt es nicht viel: ein paar Dissertationen, einige Einträge in Handbüchern sowie ein Buch, das vor ein paar Jahren die Hinwendung vieler zum Maoismus zum großen Teil damit erklärte, dass die Maoisten aus nicht intakten Familien stammten. Und dann sind da noch Dietmar Kesten und Jürgen Schröder (auch Ex-KBW), die tapfer für die Seite mao-projekt.de deutsche maoistische Quellen erschließen und ein Dokument nach dem anderen hochladen. Das ist es aber auch schon.

Diesen mageren Forschungszustand zu beheben und das »schwarze Loch« des deutschen Maoismus wenigstens etwas zu erhellen, dazu gäbe das fünfzigste Jubiläum der Mao-Bibel und das der chinesischen Kulturrevolution im nächsten Jahr guten Anlass. Die Frage steht im Raum: Wer macht’s?

»50 Jahre Mao-Bibel«. Ein Abend, der sich mit der Geschichte, Rezeption und Wirkungsmacht von Kulturrevolution und Maoismus beschäftigt. Neben Referaten und Anekdoten wird auch der Film »Die Chinesin« von Jean-Luc Godard gezeigt. (26.11., »about blank«, Markgrafendamm 24 c, Berlin-Friedrichshain. Einlass: 18.30 Uhr, Beginn 19 Uhr. Moderation: Fabian Kunow, Kosten: 2 € / ermäßigt 1 €)

Referenten: Prof. Dr. Felix Wemheuer (Sinologe, Universität Köln) und Thomas Ebermann (1987/88 Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag, heute Autor und Theatermacher)

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln