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Dem Schweigen entgegentreten

Ein Gespräch über Afghanistan im Blick der dokumentarischen Fotografie

Frau Kayser und Frau Mouratidi, wie kam es zur Kooperation zwischen dem Willy-Brandt-Haus und der Gesellschaft für Humanistische Fotografie und den beiden Ausstellung mit Anja Niedringhaus und Lela Ahmadzai?

Gisela Kayser: Als Anja Niedringhaus im April 2014 in Afghanistan erschossen wurde, wollte ich sofort eine Ausstellung mit ihren Bildern machen, um sie zu würdigen. Ich habe ihre Arbeit immer wieder gesehen und schätze sie sehr. Durch ihren Tod ist noch einmal sehr deutlich geworden, dass sie ganz besondere Fotos von Afghanistan gemacht hat. Die Realisierung der Ausstellung hat sich dann bis jetzt hingezogen.

Katharina Mouratidi: Die Gesellschaft für Humanistische Fotografie ist über die Arbeit von Lela Ahmadzai mit dem Willy-Brandt-Haus in Kontakt gekommen. Vor einem Jahr hat Frau Kayser eingewilligt, mit ihr eine Ausstellung zu machen. Daneben schwebte immer im Raum, auch eine Ausstellung mit Anja Niedringhaus zu entwickeln. Und dann hat Frau Kayser mich eingeladen, die Ausstellung mit ihr zusammen zu kuratieren. Das war ein sehr schönes Angebot, weil ich denke, dass die beiden fotografischen Positionen viel gemein haben.

Frau Ahmadzai, was verbindet Sie als Fotografin mit Anja Niedringhaus?

Lela Ahmadzai: Für mich war sie eine großartige und mutige Frau und Fotografin. Wir hatten auch persönliche Berührungspunkte, z.B. über einen Vortrag an der Hochschule Hannover, wo ich studiert habe. Im April 2013 hat sie mich dann kontaktiert, um mit mir und der AP-Journalistin Kathy Gannon nach Kandahar zu reisen und dort die Überlebenden des Kandahar-Massakers zu fotografieren. Aber ich habe abgelehnt, weil ich es für zu gefährlich hielt, mit zwei westlichen Frauen nach Kandahar zu fahren. Das Problem ist, dass viele Afghanen außerhalb der Großstädte in ihr einfach eine Frau aus dem Westen sahen und ihre Arbeit über Afghanistan nicht zu schätzen wussten.

Die Situation der Frauen in Afghanistan ist verbindendes Element der beiden Ausstellungen. Wie kam es zu diesem Fokus?

Ahmadzai: Warum die Frauen schon immer im Vordergrund meiner Arbeit stehen, hat damit zu tun, dass man anhand ihrer Situation sehr gut das Up and Down in Afghanistan sichtbar machen und darüber hinaus einen persönlichen Zugang schaffen kann. Es gibt immer wieder Momente, wo sich Freiräume öffnen, die sich aber schnell wieder schließen können: Erst wurden die Menschen bedroht, dann wurde ihnen geholfen und jetzt verlassen die Ausländer das Land und alle haben wieder Angst vor der Zukunft. An der Situation der Frauen lässt sich dies gut aufzeigen.

Kayser: Das Thema Frauen geht ja auch über das spezielle Thema Afghanistan weit hinaus. Da ist z.B. der Umstand, dass wir die Arbeit von zwei Fotografinnen zeigen. Ich glaube, es gibt immer noch einen Unterschied, wie Kriegsfotografinnen die Zustände wahrnehmen. Es zeigt sich immer wieder, dass sie eher das Leben dahinter, hinter der Grenze, hinter der Front aufzeigen und darlegen, woran so eine Gesellschaft krankt oder wie sie weiterlebt.

Mouratidi: Ich kann dies nur unterstreichen. Es geht auf jeden Fall darum, ein neues und differenzierteres Bild von Afghanistan zu vermitteln. Für mich stehen die beiden Ausstellungen auch für eine Gegenposition zu einer massenmedialen Berichterstattung, die meiner Wahrnehmung nach ganz stark dahin geht, nur die dramatischen Zustände zu schildern, und eben die Menschen dahinter, oder auch positive Entwicklungen, nicht zeigt. Ein Gegengewicht zum immer schnelllebigeren tagesaktuellen Journalismus zu schaffen, trifft auch das Interesse der Gesellschaft für Humanistische Fotografie.

Medienwissenschaftler kritisieren, dass zu Beginn des Afghanistankrieges in westlichen Medien Bilder afghanischer Frauen zur Rechtfertigung westlicher Interventionspolitik genutzt wurden. Was bedeutet das für den Umgang mit Fotografien afghanischer Frauen?

Kayser: Unsere Intention ist natürlich alles andere als kriegstreiberisch und verfolgt völlig andere Ziele. Aber wie soll man anders für etwas eintreten als über Bilder dieses positiven Aufbaus? In den Bildern der Ausstellung ist ganz viel Lebensfreude zu spüren und diese Stärken darzustellen, ist wichtig. Ansonsten ist man ja quasi zum Schweigen verurteilt und das hilft ja noch weniger. Für mich geht es darum, dieses Klischee davon, wie es in Afghanistan aussieht und wer die afghanischen Menschen sind, anders aufzuladen und dem eine Chance zu geben.

Ahmadzai: Obwohl in der Berichterstattung oft Bilder von Burka tragenden Frauen gezeigt werden, geht es in den entsprechenden Artikeln meist nicht um die Belange der Frau. Die Situation afghanischer Frauen hat sich bereits seit Anfang der 90er dramatisch verschlechtert. Aber erst nach dem 11. September fand das Thema Eingang in die Medien. Bilder Burka tragender Frauen wurden vor allem im Kontext mit Islam und Terrorismus gezeigt und zum Symbolbild nicht nur für die afghanische Frau, sondern für Afghanistan generell. Seit 2003 arbeite ich mit meinen Projekten gegen diesen Trend westlicher Medien an, unter anderem, indem ich Frauen mit oder ohne Burka in ihrem Alltag zeige, egal ob als Fußballerin, Politikerin oder Sängerin.

Frau Ahmadzai, Ihre Arbeit »Die Unbeugsamen« erzählt die Geschichte von vier Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, von der Bäckerin zur Abgeordneten. Was verbindet diese Frauen miteinander?

Ahmadzai: Die Frauen verbindet ihr Mut und ihr Wille immer weiter zu machen, obwohl fast ausschließlich Männer das Sagen haben. Was mich berührt ist ihre Kraft, trotz Morddrohungen nicht aufzugeben. Drei von ihnen sind schon einmal ins Ausland geflüchtet und haben außerhalb Afghanistans in Refugee-Camps gelebt. Nur eine war die ganze Zeit in Afghanistan. Sie haben sich für die Rückkehr entschieden und sich am Aufbau beteiligt, egal ob über die Kultur, die Polizei oder die Politik. Die vier Jahre, in denen ich die Frauen begleitet habe, haben gut getan: Ich habe einen tiefen Einblick in ihr Leben und ihren Alltag bekommen und sie mit ihren Träumen und Zweifeln erlebt. In meiner Arbeit erzählen die Frauen selbst, was sie in den vergangenen fast 35 Jahren Krieg erlebt haben.

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen dem Willy-Brandt-Haus und der Gesellschaft für Humanistische Fotografie. Was verstehen Sie unter humanistischer Fotografie?

Mouratidi: Humanistische Fotografie im Sinne unserer Organisation ist eine sozial und politisch engagierte Fotografie; eine Fotografie, die sich mit dem Menschen befasst, mit allem, was mit uns und unserer Umwelt zu tun hat. Nicht nur im aufklärerischen Sinne des Humanismus, sondern durchaus auch als fotografische Bewegung, als fotografisches Genre, das sich mit den sozialen und politischen Fragestellungen unserer Zeit auseinandersetzt.

Kayser: Für mich kommt dies dem sehr nahe, was wir als Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses machen. Wir sind ein politisches Haus, wir zeigen hier engagierte, soziale, historische Fotografie, in gewissem Sinne erklärende Fotografie. Dabei haben wir natürlich auch einen Anspruch an die Qualität, aber eben auch an die politische Sicht der jeweiligen Menschen, die fotografiert werden.

Frau Kayser, das Willy-Brandt-Haus hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Ausstellungsorte für sozialdokumentarische Fotografie in Berlin entwickelt. Wie kam es zu dieser Ausrichtung?

Kayser: Ich bin dabei seit das Haus 1996 gegründet wurde. Schon die erste Ausstellung war mit zwei Fotografen, dem Russen Jewgeni Chaldej und dem Amerikaner Tony Vaccaro. Beide haben 1945 in Berlin fotografiert und beide im Vergleich zu sehen, war hoch spannend. Beim Publikum gab es eine große Akzeptanz, den Kalten Krieg per Fotografie auf den Punkt zu bringen. Sehr schnell war dann für mich klar, dass ein politisches Haus ein Alleinstellungsmerkmal braucht und ich etwas finden muss, was dem Image des Hauses entspricht und trotzdem eigenständig funktioniert. Da bot sich die Fotografie einfach an.

Frau Mouratidi, Sie haben zusammen mit Frau Kayser die beiden Ausstellungen kuratiert. Was waren die Herausforderungen in diesem Prozess?

Mouratidi: Ich finde es eine große Herausforderung, diese beiden sehr unterschiedlichen Arbeiten in einer Art und Weise zu präsentieren, die beiden gerecht wird. Was mich an Anja Niedringhaus besonders interessiert hat, war, andere Bilder von ihr zu finden. In ihrer Ausstellung »At War« wird sie vor allem als Kriegs- und Krisenfotografin gezeigt. Aber wir haben während des kuratorischen Prozesses ganz viele Bilder gefunden, die den Alltag in Afghanistan zeigen und schildern, wie die Menschen dort in Kriegs- und Krisenzeiten leben. Mir war es wichtig, einen anderen Fokus zu finden, um diese Fotografin neu darzustellen.

Verbinden Sie mit der Ausstellung und den dort angesprochenen Themen auch eine politische Botschaft in Bezug auf die Zukunft Afghanistans?

Kayser: Eindeutig die, dass man sich schon jetzt Gedanken machen muss, in welchem Zustand man das Land zurücklässt, welche Folgen ein Truppenabzug hat und wie man in Zukunft damit umgeht. Nur weil man jetzt militärisch rausgeht, kann man noch längst nicht die Verantwortung abgeben und den Blick abwenden, den man so lange Jahre auf das Land geworfen hat. Mir geht es darum, dass Afghanistan nicht in Vergessenheit gerät und man dies nicht so saisonmäßig abhandelt.

Ahmadzai: Ich sehe mich nicht als Politikerin, sondern als Journalistin, die eine reale Situation dokumentiert. Ich bin unter den Russen in Afghanistan zur Schule gegangen. Sehr geprägt hat mich, wie meine Mutter oder andere Frauen studierten und sich am Grundaufbau der modernen Gesellschaft beteiligten. Dann kamen der Bürgerkrieg, die Taliban und plötzlich war ein Nullpunkt. Es war also mal real, dass Frauen gesellschaftlich erfolgreich waren. Aber die westliche Welt sieht die Fortschritte erst ab dem Zeitpunkt der NATO-Intervention und vergisst, dass es die vom Westen unterstützten Mudschaheddin waren, die in den 80er Jahren gegen die Fortschritte der Frauen waren. Mir ist wichtig, dass dies nicht noch mal passiert.

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