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»Hamburg hat umgedacht«

Die Hansestadt hat nun ein Deserteur-Denkmal - es ehrt die Opfer der NS-Militärjustiz

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach jahrzehntelangem Streit wurde in Hamburg ein Denkmal für Deserteure eingeweiht. Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz würdigte dabei das Engagement von Ludwig Baumann, einst selbst Deserteur.

Für Ludwig Baumann (93) ist die Einweihung des Deserteur-Denkmals am Stephansplatz in seiner Heimatstadt Hamburg ein später Triumph. Im Alter von 19 Jahren wegen »Fahnenflucht im Felde zum Tode verurteilt«, entkam er seinem Henker nur mit viel Glück. Jahrzehntelang setzte sich Baumann als Vorsitzender der »Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz« für die Rehabilitation der Deserteure ein. Mit der Errichtung des Gedenkorts für Deserteure und andere Opfer der braunen Militärrichter durch den Künstler Volker Lang geht für Baumann ein Traum in Erfüllung. Zugleich erhält der 1936 am Stephansplatz errichtete Kriegsklotz von Richard Kuöhl aus dem Jahre 1936 (Inschrift: »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen«) so eine abschließende Kommentierung. Denn das vor 30 Jahren am Stephansplatz eingeweihte Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka blieb unvollendet.

Diejenigen, die sich an die in den 1980er Jahren heftig ausgetragenen Auseinandersetzungen um das Thema Deserteur-Denkmal erinnerten, konnten am Dienstag eine gewisse Rührung nicht verbergen. Etliche Hamburger Stadtregierungen hatten die Errichtung eines solchen Denkmals immer wieder vehement abgelehnt. Nun erschien der Erste Bürgermeister Olaf Scholz nicht nur persönlich zur Denkmaleinweihung - er huldigte auch dem greisen Weltkriegs-Deserteur: »Die Jahre nach dem Krieg müssen für Ludwig Baumann bitter gewesen sein, während die Militärrichter Karriere machten, musste er sich beschimpfen lassen.« Der Sozialdemokrat erinnerte daran, dass Baumann bis 2002 als »vorbestraft« galt. Die 70 Jahre, die bis zu einer angemessenen Würdigung vergangen sind, seien eine »verstörend lange Zeit«, so Scholz, der das von Volker Lang geschaffene Denkmal als »unmissverständliches Zeichen gegen Kriegsverherrlichung und für Zivilcourage« bezeichnete. »Hamburg hat umgedacht, und das unwiderruflich.«

Sinnbild dieses Umdenkens ist das fragil wirkende, begehbare Kunstwerk in Form eines gleichschenkligen Dreiecks, das den mächtigen Kuöhl-Klotz auf subtile Weise kontrastiert. Zwei von drei Wänden des transparenten Baukörpers werden aus bronzenen Schriftgittern gebildet.

Der Text der zusammengeschweißten Versalien stammt aus dem Werk »Deutschland 1944« des Dichters Helmut Heißenbüttel - im Denkmal auch als Audioinstallation hörbar. »Die zitierten Beispiele der Willkür des Vernichtungskriegs waren Motive der Desertion. Ihre Darstellung in Form eines Gitters und das gesprochene Wort schaffen eine Differenz zu den beiden anderen Denkmälern«, erklärte der Bildhauer die hinter dem Kunstwerk stehende Idee. Langs Gedenkort vollendet Hrdlickas früheren Versuch, mit dem Bronzerelief »Hamburger Feuersturm« und der Marmorskulptur »Fluchtgruppe Cap Arcona« Kuöhls kriegsverherrlichenden Kalksandsteinklotz mit dem Leiden der Opfer zu konfrontieren, auf intelligente Weise.

Der körperlich gebrechliche, aber geistig hellwache Baumann gedachte in seinem in freier Rede gehaltenen Wortbeitrag seines zum Tode verurteilten Freundes Kurt Oldenburg: »Seine letzten Worte waren: Nie wieder Krieg! Das ist mir ein Vermächtnis geworden.« Doch anfangs sei es ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, schilderte der in der Bundesrepublik lange geächtete Deserteur: »Ich bin beschimpft und von ehemaligen Soldaten verprügelt worden. Ich ging zur Polizei und wurde nochmal zusammengeschlagen.«

René Senenko vom »Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal« war es vorbehalten, in seiner Rede beim anschließenden Senatsempfang daran zu erinnern, dass das Thema Fahnenflucht immer noch aktuell ist: »Desertion wird in Deutschland als Asylgrund nicht anerkannt. Wir setzen uns dafür ein, dass Deserteure aller Armeen endlich Asyl bekommen.«

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