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Giftschlamm-Katastrophe: Brasilien fordert Milliarden

Bergbaukonzerne sollen auf Schadenersatz verklagt werden / Unglück forderte bisher 13 Tote / Konzerne streiten Verantwortung ab

Berlin. Es fing an mit einem Dammbruch in einem brasilianischen Bergwerk. Eine Schlammlawine tötete mindestens 13 Menschen - seither bahnt sich eine hochgiftige Brühe den Weg zum Atlantik. Lange tat die Regierung wenig - nun klagt sie auf mehrere Milliarden Schadenersatz. Der Generalstaatsanwalt Luis Inacio Adams sagte der Presse am Freitag, er strebe einen Fonds von umgerechnet 4,9 Milliarden Euro an. Aus dieser Summe sollten die geschädigten Menschen abgefunden und der verschmutzte Fluss Río Doce entseucht werden. Eine entsprechende Zivilklage Brasiliens sowie der Bundesstaaten Minas Gerais und Espirito Santo werde am Montag eingereicht.

Stunden zuvor hatte der Eisenerzriese Vale Spuren von Blei und Arsen im zweitgrößten Fluss des Landes eingeräumt, die Verantwortung für die Umweltkatastrophe jedoch abgestritten. Die beim Unternehmen Vale für Humanressourcen, Gesundheit und Sicherheit zuständige Direktorin, Vania Somaville, sagte bei einer Pressekonferenz in Rio de Janeiro, an verschiedenen Stellen des Río Doce (Süßer Fluss) im Südosten Brasiliens seien auch potenziell giftiges Nickel und Chrom gefunden worden. Allerdings hätten sich diese Materialien schon vorher im Flussbett oder am Rand des Río Doce befunden, sagte Somaville. Die »gute Nachricht« sei, dass sich die Stoffe nicht im Wasser aufgelöst hätten und dessen PH-Wert unverändert geblieben sei.

Die Äußerungen stehen im Widerspruch zu Erkenntnissen von UN-Experten. Diese hatten vor kurzem festgestellt, dass beim Bersten des Klärbeckens der Bergbaufirma Samarco in der Stadt Mariana am 5. November 50 Millionen Tonnen giftige Überreste der Bergwerksindustrie in die Umwelt gelangten. Samarco gehört zu gleichen Teilen Vale und dem australisch-britischen Rohstoffkonzern BHP Billiton. Alle drei Firmen stellen eine Umweltkatastrophe nach wie vor in Abrede.

Die UN-Experten gelangten dagegen zu dem Schluss, dass das Ausmaß des Umweltschadens 20.000 olympischen Schwimmbecken mit Giftschlamm entspricht. In einem großen Gebiet sind demnach der Boden, die Flüsse und das Wassersystem verseucht. Der Rio Doce gelte den Experten mittlerweile als »tot«, erklärt einer der Autoren des UN-Berichts. Der Giftschlamm bewege sich langsam auf den Nationalpark Marinho de Abrolhos zu, wo er eine geschützte Vegetation bedrohe. In den braunen Schlammmassen könnten sich viele Giftstoffe wie Arsen, Quecksilber, Blei und toxische Chemikalien befinden.

Rio Doce heißt übersetzt »Süßer Fluss«. Im Moment ist es eher ein Fluss des Grauens. Es gibt Berichte über neun Tonnen verendete Fische. Die Bilder wirken dramatisch - im Bundesstaat Espírito Santo, wo der Fluss in den Atlantik fließt, sind Naturschutzgebiete, Tiere wie Fische und Schildkröten akut bedroht. Die brasilianische Umweltministerin Izabella Teixeira sprach vor wenigen Tagen von der »größten Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens«. Tausende Tiere seien verendet, 280.000 Menschen seien von der Wasserversorgung abgeschnitten und hätten kein sauberes Trinkwasser mehr. Der Giftschlamm hatte ein Bergarbeiterdorf unter sich begraben und den Doce auf 500 Kilometern Länge verseucht.

Brasiliens Regierung, gelähmt durch einen Korruptionsskandal und eine Dauerfehde zwischen Parlamentspräsident Eduardo Cunha und Staatspräsidentin Dilma Rousseff, hat zunächst wenig getan, um die Krise in den Griff zu bekommen. In den an den Fluss angrenzenden Städte und Gemeinden herrscht große Verunsicherung, zumal bisher kaum versucht wird, mit Barrieren oder anderen Maßnahmen, den Schlammfluss einzudämmen.

Janine Vicente von der Stadtverwaltung des Orts Tumiritinga, der 370 Kilometer von Mariana entfernt liegt, betont, dass sie jeden Tag zum Fluss geht, aber seit dem Ankommen des ersten Schlamms am 8. November »sehe ich keine Verbesserungen bei der Wasserfarbe«. Seither fließt eine dreckige Brühe den Rio Doce hinunter. Agenturen/nd

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