Eine ganze Welt im Bäckerladen

Globales Lernen als pädagogische Antwort auf die Globalisierung

  • Von Kai Walter
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.
Schulbehörden und andere Institutionen sprechen neuerdings vom Globalen Lernen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo ein Workshop, ein Seminar oder eine Tagung zum Globalen Lernen stattfindet. Eine Querschnittsaufgabe sei das, die sich fächerübergreifend niederschlagen soll. Viele Lehrerinnen und Lehrer kommen in Zugzwang und wissen nicht, woher sie Zeit und Mittel nehmen sollen. Vereine und Organisationen die sich mit Globalisierungsthemen beschäftigen bieten Unterstützung an. Als außerschulische, gewissermaßen informelle Akteure stellen sie Bildungsressourcen zur Verfügung, deren Nutzung durch die Schulen von behördlicher Seite ausdrücklich gewünscht wird.
»Aber die Gesetze sind das eine, der Schulalltag das andere«, sagte jüngst Adina Hammoud vom Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER). Und sie meint damit, dass die Lehrer in den Schulen die Forderungen der neuen Gesetze und Rahmenlehrpläne nach globalerem Lernen kaum erfüllen können. Die vorhandenen außerschulischen Ressourcen reichen nicht aus. Das Entwicklungspolitische Bildungs- und Informationszentrum (EPIZ) in Berlin beispielsweise würde gerne mehr als die immerhin mehr als 200 Veranstaltungen pro Jahr anbieten. Aber die personellen und finanziellen Mittel sind limitiert. Anderen Vereinen geht es ähnlich. Was im Bereich Globales Lernen bisher passiert, ist meist abhängig vom individuellen Engagement einzelner Lehrkräfte. »Ein Kollege war mal in Afrika und hat Interesse an solchen Themen«, so hört es sich an, wenn ein Fachbereichsleiter das Zustandekommen Globalen Lernens in seiner Schule beschreibt. Zufälligkeit und Beliebigkeit herrschen vor.
In der beruflichen Ausbildung ist Globales Lernen noch weniger verankert als in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. Das Annette Berger vom entwicklungspolitischen Netzwerk ASA in den letzten Jahren einen starken Rückgang von Bewerbern für Auslandspraktika aus der Zielgruppe der Auszubildenden verzeichnen muss, mag ein Indiz dafür sein, dass Berufsschüler ein geringeres Interesse ab internationalen Themen haben.
In der dualen Berufsausbildung stehen in Deutschland auf der einen Seite die Berufsschulen und auf der anderen Seite die Unternehmer, die ihre Azubis in diese Schulen schicken. Manchen Unternehmern verbringen Azubis allerdings ohnehin zu viel Zeit in den Schulen. Neue und auf den ersten Blick abwegige Lerninhalte werden nur schwer akzeptiert. Warum soll denn ein angehender Bäcker global lernen? Eine Bäckerei ist lokal verortet, der Bäcker ein »Um-die-Ecke-Beruf«. Kornelia Freier, Koordinatorin des neuen Projekts beim EPIZ, nutzt dieses Beispiel, um zu zeigen, wie das tägliche Tun des Bäckers in globale Zusammenhänge eingebunden ist. So kommen Kakao, Zucker und andere Zutaten für die Produkte des Bäckers oft aus Entwicklungsländern. Dort werden Bauern um einen gerechten Lohn für ihre Arbeit betrogen, um in Europa billig die nötigen Rohstoffe anzubieten. Globales Lernen kann und will vermitteln, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen persönliches berufliches Handeln sowohl in Deutschland als auch in fernen Ländern haben kann.
»Globales Lernen«, das ist die pädagogische Antwort auf das allseits diskutierte, vielfach kritisierte und nicht immer verstandene Phänomen Globalisierung. Der Begriff Globales Lernen existiert schon seit einigen Jahren und vielerorts werden im Unterricht entsprechende Inhalte und Methoden eingebracht. Gewissermaßen parallel zu anderen Lernfeldern, sollen Schüler so lernen, dass sie in einer Welt leben, deren Probleme nicht mehr nur innerhalb der bundesdeutschen Grenzen zu verstehen sind. Sie sollen erkennen, wie ihr Handeln hier in Deutschland auf globale Entwicklungen Einfluss nimmt.
Zum globalen Lernen gehört das globale Lehren. Und da wird es im Schulalltag problematisch. Fehlende wissenschaftliche Systematik und ungenaue Formulierungen in Lehrplänen erschweren die Umsetzung. In der Lehrerausbildung kommt das Thema nur selten vor. So schwer der Begriff Globalisierung zu fassen ist, so schwer fällt es vielen Lehrern, Globales Lernen schülergerecht in die Schulen zu bringen. Kurt Schmidt, Fachbereichsleiter für Sozialkunde am Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode in Berlin, ist froh, dass es an seiner Schule Lehrer gibt, die trotz großen zusätzlichen Aufwandes Unterrichtseinheiten auf Globales Lernen ausrichten und Projekttage organisieren. Zu erfahren, dass es so viele außerschulische Bildungsressourcen gibt, die er nutzen kann, empfindet er als sehr hilfreich. Aber nicht überall in Deutschland gibt es solche außerschulischen Akteure in ausreichender Quantität und notwendiger Qualität. Und viele Lehrer können Weiterbildungsangebote wegen verweigerter Freistellungen nicht wahrnehmen. Vereine wie das EPIZ müssen mit geringen Budgets auskommen.
Im aktuellen Projekt sollen durch Newsletter und E-Mails interessierte Lehrerinnen und Lehrer zeitnah informiert und aktiv einbezogen werden, um Unterrichtsmaterialien möglichst bedarfsgerecht zu entwickeln. Auf einer Lernplattform im Internet sollen die Ergebnisse so zur Verfügung gestellt werden, dass ein leichter Zugriff und leichte Anwendbarkeit gewährleistet sind. Auch Lehrer in Regionen ohne ausreichend außerschulische Ressourcen können so Globales Lernen in ihren Unterricht einfließen lassen. In bundesweiten Workshops will das EPIZ den Kontakt zu den interessierten Akteuren so direkt wie möglich halten. Nicht nur Bäcker, sondern auch Tischler, Elektriker und all die anderen Azubis können dann erfahren, warum es für sie Sinn macht global zu lernen.


Lokale Netzwerke
Mit seinen Referenten unterstützt das EPIZ Projekte und Aktionen an Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen. Es koordiniert das Bildungsnetzwerk Eine Welt, in dem fast 30 Vereine bzw. Organisationen zusammengeschlossen sind. Dieses Berliner Netzwerk ist über das EPIZ auch bundesweit mit Akteuren des Globalen Lernens verknüpft. Das Netzwerk Eine Welt arbeitet zudem mit dem Netzwerk des Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlags (BER) zusammen.
www.epiz-berlin.de;

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