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Rätselhafter Brief

War Albert Einstein nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal heimlich nach Deutschland gereist?

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Für Historiker stand bisher außer Frage: Nachdem Albert Einstein 1933 in die USA emigriert war, betrat er nie wieder deutschen Boden. Ein Brief nährt jedoch Zweifel.

Schon vor 1933 zählte Einstein zu den von den Nazis meistgehassten Menschen. Und das nicht nur wegen seiner jüdischen Herkunft. Auch mit seiner pazifistischen Grundhaltung und seinem Eintreten für Demokratie und soziale Gerechtigkeit hatte er sich den Zorn der extremen Rechten zugezogen. Nach der Machtübernahme Hitlers wurde Einstein zur Unperson erklärt, sein Vermögen konfisziert. Die Nazis setzten für seine Ergreifung ein hohes Kopfgeld aus. Und auch auf einer Liste der Feinde der deutschen Nation fand sich der Name des wohl größten Wissenschaftlers des 20. Jahrhunderts - mit dem Zusatz: »noch nicht gehängt«.

Einstein tat folglich gut daran, von einem Aufenthalt in den USA nicht nach Deutschland zurückzukehren. Im März 1933 hielt er sich vorübergehend in Brüssel auf, wo er in der deutschen Botschaft seinen Pass zurückgab. Außerdem erklärte er seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften und kam damit seinem Ausschluss zuvor. Am 7. Oktober 1933 bestieg er mit Frau und Sekretärin in Southampton den Dampfer »Westernland«, der ihn in die USA brachte, wo er am Institute for Advanced Study in Princeton seine letzte Wirkungsstätte fand.

Schon in Belgien hatte Einstein erklärt, er werde nie wieder deutschen Boden betreten. Auch später, im Lichte der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, bekräftigte er seine Abneigung gegen das Land der Nazi-Täter. Die Historiker waren sich deshalb bisher einig: Einstein hat Deutschland nie mehr besucht.

Nun jedoch ist ein Brief aufgetaucht, der vermuten lässt, dass Einstein doch noch einmal in Deutschland gewesen war. Und zwar inkognito, wie die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« kürzlich berichtete. Gefunden wurde der Brief, den Einstein offenkundig im Juli 1952 mit der Maschine geschrieben hatte, im Schlossarchiv der hessischen Stadt Büdingen. Er ist adressiert an den damaligen Direktor des Archivs, Dr. Dielmann, und hat folgenden Wortlaut: »Ihr freundlicher Brief und die geschmackvolle Schrift haben mich an den Besuch in Ihrem Idyll erinnert. Ein Stückchen Mittelalter gezeigt von seiner attraktivsten Seite. Meinen freundlichen Dank für diese Liebenswürdigkeit. Mit ausgezeichneter Hochachtung. Albert Einstein.«

An der Echtheit des Briefes zu zweifeln, gebe es keinen Grund, sagt der Mainzer Physikprofessor Konrad Kleinknecht, nach dessen Darstellung Einstein 1952 zunächst nach Zürich gereist war, um seinen Jugendfreund Jakob Ehrat zu besuchen. »Von Zürich aus fuhr er Ende Juni oder Anfang Juli 1952 mit Chauffeur nach Büdingen, um einen anderen engen Freund, Dr. Josef Neupärtl, zu besuchen.« Die beiden Herren seien in Büdingen unter anderem in das Schlossmuseum gegangen und dabei mit mehreren Personen zusammengetroffen. Nicht aber mit Direktor Dielmann, der das in einem Brief an Einstein ausdrücklich bedauert und von diesem die oben zitierte Antwort erhalten habe, so Kleinknecht.

Muss Einsteins Biografie nun also umgeschrieben werden? Keineswegs, denn es spricht wenig dafür, dass Einstein, der 1952 bereits gesundheitlich angeschlagen war, eine so lange Seereise auf sich genommen hätte, nur um zwei Freunde und eine mittelalterliche Kleinstadt zu besuchen, mit der ihn nichts verband. Und auch der Text des Briefes legt nicht zwingend nahe, dass Einstein damals tatsächlich in Büdingen gewesen war. Vielleicht hatte man ihm nur die erwähnte »geschmackvolle Schrift« übersandt, die ihn wiederum an einen früheren Besuch in dem Städtchen erinnerte. Merkwürdig ist außerdem, dass sich im Einstein-Archiv kein Durchschlag des Briefes an Dielmann befindet. Und auch über die enge Freundschaft zwischen Einstein und Josef Neupärtl ist nichts Genaues bekannt, wie selbst Kleinknecht einräumen muss.

Anfang der 1950er Jahre war Einstein längst eine Art Popstar, den auf Grund seines markanten Äußeren fast jedes Kind kannte. Sein angeblicher Besuch in Deutschland wäre daher wohl kaum zu verheimlichen gewesen. Zudem ist nicht einsehbar, was Einstein hätte veranlassen sollen, sich in Büdingen so konspirativ zu verhalten. Und noch etwas kommt hinzu: Angenommen, Einstein wäre 1952 tatsächlich nach Deutschland gereist, dann hätte er sicherlich auch einige vormals verfolgte Kollegen getroffen sowie seinen alten Freund, den Physiknobelpreisträger Max von Laue, dessen mutiges Eintreten gegen die Nazis er hoch schätzte.

Mit einem Wort: Selbst wenn der jetzt aufgetauchte Brief echt sein sollte, taugt er nicht als Beweis dafür, dass Einstein noch einmal deutschen Boden betreten hatte. Immerhin waren erst sieben Jahre seit dem Ende des Krieges und der Judenverfolgung vergangen. 1955 starb Einstein, und vermutlich nahm er seine Abneigung gegen den Untertanengeist der Deutschen mit ins Grab.

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