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An den Rändern der Wirklichkeit

Ruth Schweikert erzählt in Vor- und Rückgriffen eine problembeladene Familiengeschichte

Kann man das heute noch: einen Familienroman schreiben? Ja, wenn man es wie Ruth Schweikert in ihrem neuen Buch versteht, gekonnt über die Lücken, Brüche, Ab- und Hintergründe, die berühmten Leichen im Keller hinwegzufabulieren. Denn wirkliche Geschichten entstehen an den Rändern der Wirklichkeit, dort, wo Unmöglichkeiten in Möglichkeiten verwandelt werden - um mit Schweikerts poetologischem Credo zu antworten.

»Unsere Geschichten nähren sich aus dem, was wir nicht verstehen«, heißt es an einer Stelle des Romans. Dieser Satz, ein Fundstück im Tagebuch der an einer Überdosis Heroin zugrundegegangenen Miriam und gewiss eine Formulierung von Max Frisch, grundiert diesen Roman, der einen weiten Horizont dreier Generationen zweier schweizerischer Familien von den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bis unmittelbar in die Gegenwart umfasst.

Dabei lässt Ruth Schweikert unterschiedliche Personen zu Wort kommen, die nicht nur von sich und ihrer Sicht auf die Dinge erzählen, sondern im polyphonen, zuweilen aber auch dissonanten Zusammenklang eine ebenso komplizierte wie jederzeit höchst fragile Beziehungsstruktur umkreisen.

Im Grunde genommen geht es um ein Arrangement, das die Alten, die beiden Ehepaare Emil und Helena Seitz und Jacques und Friederike Brunold, vor Jahrzehnten getroffen haben, um einen »Pakt«, wie es heißt, in dem sie Stillschweigen darüber bewahren, dass Jacques und Helena, die sich seit ihren Studientagen Anfang der 50er Jahre kennen, weiter ihre Liebesbeziehung gelebt haben, aus der Beziehung auch die beiden, von Emil als eigene akzeptierten, Kinder Iris und Sabine hervorgingen.

Erst 1983 wird von den Kindern und nur beiläufig, als der Vater wegen einer Knieoperation im Krankenhaus ist, diese Beziehung ent- und aufgedeckt.

Über dreißig Jahre hatte Jacques ein kleines Appartement gemietet, in dem er regelmäßig alle zwei Wochen montags seine Geliebte traf. Die Kinder fühlen sich hintergangen, reagieren schroff, dann wieder verständnisvoll.

Miriam, die älteste der drei vermeintlichen Geschwister und ironischerweise die einzige, die von Emil gezeugt worden ist, scheint mit den verzwickten Verhältnissen überhaupt nicht klargekommen zu sein, wird magersüchtig, heroinabhängig und stirbt als junge Frau 1979 - also vier Jahre vor der Entdeckung. Ihre Schwester Iris macht sich Vorwürfe über den Tod der Schwester in einer kalten Februarnacht, als sie Liebesfreuden mit ihrem damaligen Freund nachging und nicht auf die im Zimmer neben ihnen vermeintlich schlafende Schwester achtete.

Dann - nach der Entdeckung - entschließt sich Jacques, endlich seine Frau zu verlassen, um mit der Geliebten zusammenzuleben - ein Projekt, das neun Jahre währt, ehe er schließlich wortlos zu seiner Frau zurückkehrt. Helena stirbt als Demente, und Friederikes Tod, die wir auf den letzten Seiten des Romans wieder an der Seite ihres Ehemannes sehen, datiert auf den 12. März 2015.

Ruth Schweikerts Familienroman entwirft im historischen Breitwandformat eine Geschichte, die aus unterschiedlichen Perspektiven und - im Wesentlichen - von zwei Generationen entworfen wird. Dabei purzeln die Jahresdaten durcheinander, werden Vor- und Rückgriffe gestaltet, in denen immer wieder (zumeist unausgesprochen) das Skandalon einer Dreiecksbeziehung in zwei überaus wohlsituierten, ökonomisch saturierten schweizerischen Familien im Mittelpunkt steht.

Dem Be- und Verschweigen der Alten steht der Wunsch der Kinder nach Aussprache und Offenlegung gegenüber. Nur so glauben sie, verstehen zu können. Aber ist das wirklich so?

Der Roman als Erkundung von Möglichkeitsräumen.

Ruth Schweikert: Wie wir älter werden. Roman. S. Fischer Verlag. 272 S., geb., 21,99 €.

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