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Theater wie zu Goethes Zeiten

Das thüringische Schloss Kochberg hat sich zu einem Zentrum für historische Aufführungspraxis entwickelt

Das Liebhabertheater Schloss Kochberg zieht jährlich Tausende Besucher zu Aufführungen, wie sie im Barock, in der Klassik und in der Romantik üblich waren.

»6. Dec. 75«. Das eingeritzte Datum in einem Schranksekretär von Schloss Kochberg bei Rudolstadt in Thüringen stammt von keinem Geringeren als Johann Wolfgang Goethe. In dieses ländliche Idyll folgte er seiner Muse Charlotte von Stein von Weimar aus, zu Pferd oder zu Fuß. Das Schlossensemble mit dem vorwitzigen Türmchen und der malerischen Brücke über einen Wassergraben bekam seine heutige Gestalt durch den Sohn der großherzoglichen Hofdame, der um 1800 einen grundlegenden Umbau vornahm.

Carl von Stein verwandelte das aus der Mode gekommene Renaissance-Erscheinungsbild in ein romantisches. Im umgebenden Landschaftspark ließ er Aussichtspunkte, Architekturen und kunstvoll verzierte Blumenrabatten errichten. Aus einem an exponiertem Platz stehenden Gärtnerhaus wurde das Liebhabertheater, das dank mehrerer Restaurierungen bis heute original erhalten werden konnte.

Dieses Kleinod entwickelte sich unter Führung eines Fördervereins zu einem Zentrum für historische Aufführungspraxis. Etwa 40 Opern, Theaterstücke und Kammerkonzerte kommen pro Saison auf die kleine Bühne. Ihre Entstehung wird aufwendig rekonstruiert, um dem Original gerecht zu werden. Werktreue und der Einsatz von authentischen Instrumenten stehen im Zentrum der Bemühungen, den Zuschauern ein möglichst lebendiges Bild längst vergessener Theatergeschichte zu vermitteln. Auch auf die Ausstattung, die von Spezialisten besorgt wird, legen die Veranstalter großen Wert. Der einzige Nachteil dieses idyllischen Spielbetriebes ist das Fehlen eines Gästehauses für die Künstler.

Jetzt hat der Bund für den Ausbau entsprechender Räumlichkeiten in Schloss Kochberg 250 000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Besitzerin der Immobilie, die Klassik Stiftung Weimar, gibt noch einmal den gleichen Betrag dazu. »Es geht darum, Künstler während der Probezeiten und Aufführungen unterzubringen«, erklärt Silke Gablenz-Kolakovic, die Vorsitzende des Fördervereins. Als künstlerische Leiterin ist sie bemüht, herausragende Schauspieler, Sänger, Musiker und Ensembles einzuladen. In der intimen Atmosphäre finden sie gute Arbeitsbedingungen, die sich durch Gästewohnungen vor Ort noch verbessern werden. Auch für die Internationalen Meisterkurse für Opernsänger, die gemeinsam mit »Perspectiv«, der Gesellschaft der historischen Theater Europas, veranstaltet werden, bedeutet das interne Gästehaus viel.

Über ganze 75 Plätze verfügt das Liebhabertheater in Großkochberg. Aus nächster Nähe erlebt das Publikum die Inszenierung, kann jede Berührung, jeden Blick hautnah miterleben - eine Herausforderung für die Darsteller. Die kommende Spielzeit steht unter dem Rilke-Zitat »Vergangen nicht, verwandelt ist, was war«. Zu den Höhepunkten gehört die Molière-Komödie »Der Misanthrop oder Der verliebte Melancholiker«, die sich an der Weimarer Hoftheater-Inszenierung im späten 18. Jahrhundert orientiert. Schiller ist mit dem Lustspiel »Der Parasit« vertreten und Händel mit der Miniaturoper »Aminta e Fillide«.

Ein Kochberg-Klassiker ist das Singspiel »Erwin und Elmire«, für das der junge Goethe das Libretto schrieb und Herzogin Anna Amalia die Vertonung besorgte. Vorbild für diese Neuinszenierung durch den Verein des Liebhabertheaters ist die Uraufführung von 1776 im Weimarer Redoutenhaus. Damals war der Dichter gerade an der Ilm angekommen und lernte wenig später Frau von Stein kennen. Nicht lange danach folgte er ihr auf Schloss Kochberg. Das eingangs zitierte Datum im Schreibsekretär erinnert an seinen ersten Besuch.

Informationen zu Theater und Spielplan im Internet unter: www.liebhabertheater.com/

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