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Geduld bleibt Fahrgastpflicht

Der Straßenbahn fehlt Personal, der Fahrplan bleibt ausgedünnt

Bis zum Jahresende wollte die BVG ursprünglich die Kürzungen im Straßenbahnfahrplan zurücknehmen - daraus wird wohl nichts.

Seit bald einem halben Jahr kommen sich Fahrgäste der Straßenbahn unfreiwillig näher, weil viele Bahnen ausfallen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hatten sich bei der Zahl der benötigten Fahrer gründlich verkalkuliert und erst einmal wenig öffentliche Aktivität zur Krisenbewältigung gezeigt.

Ende August wurden die Ausfälle in einen Krisenfahrplan eingearbeitet, so dass die Betroffenen wenigstens wussten, wann kein Zug fährt. Zeitgleich gab es das Versprechen, dass bis Jahresende wieder alles fahren sollte wie vorgesehen. »Zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember werden wir wieder einige Verstärkerfahrten anbieten können«, kündigt BVG-Sprecherin Petra Reetz nun an. Das Krisenende ist offiziell auf Anfang April 2016 verschoben worden.

Aus Sicht von ver.di-Gewerkschaftssekretär Jeremy Arndt ist das »ein sehr sportliches Ziel«. Immerhin gebe es jetzt mehr Fahrlehrer, so dass auch mehr Jobaspiranten die Kurse durchlaufen können. Seit Jahresbeginn konnte die BVG 81 neue Fahrerinnen und Fahrer einstellen, allerdings haben in dem Zeitraum auch 46 gekündigt oder sind in Rente gegangen. Ende Januar 2016 werden 24 weitere Aspiranten ihre dreimonatige Ausbildung abschließen. Etwas Linderung verschaffen die zehn aus Mainz ausgeliehenen Straßenbahnfahrer, die auf der Linie 16 Dienst haben. »Der Vertrag läuft bis Ende März, es gibt aber eine Verlängerungsoption«, sagt Petra Reetz. Vor allem die Arbeitszeiten mit geteilten Schichten sowie Wochenend- und Nachtdiensten bei einer nicht sonderlich üppigen Bezahlung sorgen dafür, dass viele Fahrer kurz nach abgeschlossener Ausbildung wieder abspringen. »Es sind nicht mehr exorbitante Zahlen, aber zwei bis vier Leute pro Lehrgang kündigen gleich wieder«, berichtet Arndt. »Im Laufe des nächsten Jahres sollte die BVG es aber schaffen, wieder alle Fahrten durchzuführen«, sagt er.

Etwas Gutes hat die Krise für neue Fahrer: Ab dem 1. Januar setzt die BVG die bisherige zweijährige Befristung bei Neueinstellungen zunächst bis 2018 aus.

»Am Meisten stört uns die Art der Krisenbewältigung auf dem Rücken der Fahrgäste«, sagt Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB. Anstatt den Fahrplan nach dem Rasenmäherprinzip auszudünnen, hätte er sich die temporäre Umstellung einer Linie auf Busbetrieb gewünscht.

Skeptisch sieht Wieseke auch die Ankündigung, nach der zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember auf der U1 Acht- statt bisher Sechswagenzüge eingesetzt werden sollen. »Wir hoffen, dass wir das schaffen«, gibt sich Petra Reetz vorsichtig optimistisch.

Gute Nachrichten gibt es von den Prototypen der Baureihe Ik für die Kleinprofil-U-Bahnlinien U1 bis U4. »Die Erfahrungen mit den Prototypen sind gut, auch der Test in der Wiener Klimakammer für Eisenbahnfahrzeuge ist gut gelaufen«, sagt Petra Reetz. Also ist eine Entspannung bei der Fahrzeuglage zumindest am Horizont erkennbar.

Ein deutliches Umsteuern fordert Jens Wieseke bei der Kommunikation der BVG. Sie sei alles andere als glaubwürdig. »Die BVG darf nicht nur schnippisch bei Facebook und Twitter auf Kritik reagieren, sondern muss die Fahrgäste ernst nehmen«, sagt er.

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