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Zwischen den Klippen

Sigrid Damms neues Buch erzählt von Goethe und Charlotte von Stein

Über die Schwärmerei des jungen Johann Wolfgang von Goethe für die sieben Jahre ältere Charlotte von Stein ist schon viel spekuliert worden. Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Damm setzt den Spekulationen Fakten entgegen.

Er begann furios. »Ebendesswegen«, heißt es gleich im ersten Brief. »Und wie ich Ihnen meine Liebe nie sagen kann, kann ich Ihnen auch meine Freude nicht sagen.« Das Jahr 1776 hatte eben begonnen, als Goethe, sechsundzwanzig Jahre alt und seit einigen Wochen in Weimar, der sieben Jahre älteren Hofdame Charlotte von Stein seine Zuneigung gestand. Er glühte, seine Gedanken kreisten unaufhörlich um die angebetete Frau, die »liebste Seele«, seinen »Ancker zwischen diesen Klippen«, und er schickte ihr nun Brief um Brief, Billette und »Zettelgen«, Bitten, Mitteilungen, Bekenntnisse, Wünsche, Beschwörungen, Klagen, Geständnisse, Selbstgespräche, dazu diverse Geschenke, mal ein Buch, mal Blumen, mal Pfirsiche oder Spargel. »Wir können einander nichts seyn und sind einander zu viel«, schrieb er geheimnisvoll. Oder: »Bleiben Sie mir! Wie ich Ihnen. Adieu Gold.«

Unter den Frauen in Goethes Leben spielt Charlotte von Stein eine besondere Rolle. Keine andere Beziehung des Dichters hat zu einer derart umfassenden Literatur geführt. Ob Heinrich Düntzer, der 1874 die erste Biografie vorlegte, ob Wilhelm Bode oder Ida Boy-Ed zu Beginn des vorigen Jahrhunderts oder später Walter Hof, Alfons Nobel und Doris Maurer, zuletzt Jochen Klauß und Helmut Koopmann: An Büchern, die sich mit Charlotte und dieser Liebe beschäftigen, ihren Mystifikationen und Rätseln, herrscht wahrlich kein Mangel. Und die Faszination, 2007 noch einmal kräftig von Ettore Ghibellinos These angeheizt, Goethes Briefe an die geliebte Frau seien nur Tarnung gewesen, sie hätten in Wahrheit Anna Amalia gegolten, hält an. Jetzt ist ein neues Buch da, verfasst von Sigrid Damm, die an diesem Montag ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert, eine Erzählung, die alle Theorien, die im Umlauf sind, höchstens beiläufig erwähnt, ob Kurt R. Eisslers psychoanalytisch begründeten Befund, wonach eine sexuelle Beziehung der Liebenden kategorisch auszuschließen ist, oder die haltlose, medienwirksam in Umlauf gebrachte Konstruktion des Juristen Ghibellino. Nur einmal schweift sie einen Augenblick ab und verweist auf die neueste, ebenso abstruse Verlautbarung, wonach Goethe erwogen hätte, mit Charlotte und ihrem Sohn Fritz nach Italien auszuwandern und dort unter fremdem Namen zu leben.

Leser Sigrid Damms wissen, dass sie nichts von puren Behauptungen hält. Nichts in ihren Büchern über Lenz, Goethe oder Schiller ist erfunden oder literarisch ausstaffiert, alles aus den Quellen bezogen und weitergegeben in Sätzen, die aufs Gefundene bauen und das Dokument bruchlos in die eigene Erzählung fügen. Und wo sie sich auf unsicherem Boden bewegt, sagt sie das auch. Das ist diesmal, erkennbar schon an den vielen Fragezeichen, nicht anders. Sigrid Damm hält sich an das, was da ist: die Briefe Goethes an Charlotte von Stein. »Allein den Spuren, die die Briefe legen«, schreibt sie, »diesen Wortspuren gehen wir nach.« Diese Briefe immerhin sind das einzig Authentische, über das wir verfügen.

Goethe hat über seine Beziehung zu Charlotte von Stein später nie ein Wort verloren. »Dichtung und Wahrheit«, sein Lebensbericht, endet im November 1775 mit dem Aufbruch nach Weimar. Auch die anderen autobiografischen Arbeiten hüllen sich in Schweigen. Das Tagebuch, in jener Zeit nur sporadisch geführt, bricht Mitte Juni 1782 ab und wird erst in Italien wieder aufgeschlagen. Kein Hinweis in den »Tag- und Jahresheften«, und auch in den Gesprächen mit Eckermann kommt Charlotte nicht vor. Nur aus den ungefähr tausendsiebenhundert Schreiben, die Goethe den Boten übergab, manchmal zwei-, dreimal am Tag, lässt sich auf die Beziehung schließen. Die Antwortschreiben, entweder von Charlotte, möglicherweise sogar von Goethe beim großen Autodafé 1797 vernichtet, gibt es nicht mehr.

Erstaunlich: So wie jetzt ist über diese Geschichte noch nicht geschrieben worden, nicht so ins Einzelne gehend, so facettenreich. Sigrid Damm befragt eingehend Goethes Sätze und Wörter, fragt nach Glücksmomenten, Befindlichkeiten, Kümmernissen, Verstimmungen, Wünschen, die die Briefe behandeln, andeuten oder verbergen, schickt ein Kapitel voraus, das sich mit Charlotte von Steins Herkunft, ihrem Lebensgang, ihrem Alter befasst, gibt danach über zweihundert dieser Schreiben im Wortlaut wieder und erzählt dann die Jahre der Gemeinsamkeit: wie sich beide kennenlernten, wie er, Goethe, gleich Feuer und Flamme war und sie, gefesselt und erschrocken zugleich, meinte, sie würden niemals Freunde werden. Wie sie ihn in ihre Schule nahm, ihm die Unarten austrieb, den befremdlichen, respektlosen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, die Flüche, das Poltern, Türenschlagen und Peitschenknallen. Goethe hat seine erotische Zuneigung zu bremsen versucht und eine Weile um die schöne Schauspielerin und Sängerin Corona Schröter geworben, aber diese Episode änderte an seinen Gefühlen für Charlotte nichts. Es störte ihn nicht, dass sie verheiratet war, somit unerreichbar, und sie, meist allein, weil der Mann viel unterwegs war, ausgelaugt von sieben Schwangerschaften, von schwacher Gesundheit, erlebte noch einmal, in einem Augenblick, »da mein Herz eben im Zuschließen war«, was sie nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Charlotte, zierlich, mit bräunlichem Teint und reich gelocktem dunklen Haar, ist Goethes Vertraute geworden, die wichtigste Person, die er in Weimar hatte, die einzige, der er alles ungefiltert anvertrauen konnte, seine Liebe, seine Freude, die Bedrückungen, die Selbstzweifel, den Unmut und Überdruss, die Lasten, unter denen er bald zu stöhnen begann. Hier, nur in diesen Schreiben, die sich nicht verstellen, nichts kaschieren oder bemänteln, die deutlich auch seine Abhängigkeit von der Geliebten bezeugen, kann man erfahren, wie es Goethe zwischen 1776 und der Italienreise ging. Die Geschichte, die Schritt für Schritt seiner Liebe und ihrer späteren Abkühlung nachspürt, weitet Sigrid Damm deshalb auch zu einem Bild des ersten Jahrzehnts, das Goethe in Weimar verbracht hat. Die Realität hatte die Illusionen des Anfangs (sehen, wie einem die »Weltrolle« zu Gesicht steht) restlos zerstört. Überhäuft von Ämtern, als Dichter, von ein paar Singspielen abgesehen, unproduktiv und unsichtbar geworden, deprimiert zudem über die Unmöglichkeit, den erhofften Einfluss auf den Hof und die Regierungsgeschäfte durchzusetzen, stand Goethe im Sommer 1786 an einer Wegscheide. Er sah sich in Weimar, so Damm, zwischen den Klippen, an denen er leicht zerschellen konnte. Und auch die Worte, die er an Charlotte schrieb, hatten ihre Hitze verloren. Er entschied sich für die Flucht nach Italien. Und zerriss, als er sich am 3. September in Karlsbad heimlich auf den Weg machte, ungewollt auch das Band zur geliebten Frau.

Das alles ist nicht neu, natürlich nicht. Und doch unterscheidet sich dieses Buch von seinen Vorgängern. Es ist das Werk einer Schriftstellerin, die, bestens vertraut mit der Epoche, schon ihr fünftes Buch über Goethe vorlegt (außerdem eines, in dem die Schwester Cornelia im Mittelpunkt steht) und es auch diesmal schafft, die ferne Welt des Dichters authentisch und überzeugend ins Bild zu setzen. Ihre Erzählung erhebt nicht den Anspruch, Geheimnisse zu lüften, die vielleicht unentdeckt blieben, aber sie ist in ihrem Detailreichtum, ihrer Sensibilität und Anschaulichkeit, der Nähe, die sie herstellt, das Eindrucksvollste, was sich zum Thema finden lässt.

Sigrid Damm: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein, Insel Verlag, 405 Seiten, geb., 22,95 €.

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