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Die Neoklassik kennt kein Geld

Wirtschaftsweiser Peter Bofinger über die blinden Flecken der Mainstream-Ökonomie

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Peter Bofinger ist einer der fünf Wirtschaftsweisen, wie die Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auch genannt werden. In dem Gremium nimmt er meist eine Gegenposition zu seinen vier Kollegen ein. Mit ihm sprach
Simon Poelchau über seine dortige Arbeit, die Finanzkrise und die 
Fehlannahmen der Mainstream-Ökonomie.

Gefällt Ihnen Ihr Job bei den Wirtschaftsweisen?

Für einen Ökonomen ist es eine große Chance, diesen Job zu machen. Aber natürlich wäre es mir lieber, wenn ich im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zwei, drei Kollegen hätte, die mehr in meine wirtschaftspolitische Richtung gehen würden.

In den Gutachten, die das Gremium für die Bundesregierung erstellt, geben Sie meistens Gegenpositionen zu Ihren Kollegen ab. Wie kommen Sie mit diesen überhaupt klar?

Die Zusammenarbeit schaffen wir sehr gut. Obwohl wir uns teilweise inhaltlich fundamental kritisieren, haben wir intern immer eine gute Arbeitsweise. Da können wir differenzieren zwischen der inhaltlichen Diskussion und der persönlichen Wertschätzung untereinander.

Glauben Sie, als einziger Sachverständiger im Strom gegen den Mainstream etwas bewirken zu können?

Als Mitglied des Sachverständigenrats wird man auf jeden Fall im wirtschaftspolitischen Diskurs hierzulande wahrgenommen. Auch stehe ich laut dem FAZ-Ökonomenranking bezüglich des Einflusses auf die Politik derzeit auf Platz drei. Da glaube ich, dass man den Diskurs zumindest zu einem gewissen Teil prägen kann.

Derzeit steht die Aufweichung des Mindestlohns auf Grund der Anzahl hier ankommender Flüchtlinge zur Diskussion. Sie sind dagegen, doch die Stimmen werden lauter, die weitere Ausnahmen fordern. Denke Sie, dass diese kommen?

Das glaube ich eher nicht.

Warum?

Die SPD hat mit dem Mindestlohn ein sehr erfolgreiches Projekt in Gang gesetzt. Und entgegen vieler Unkenrufe bleiben negative Beschäftigungseffekte derzeit aus. In manchen Branchen, die besonders vom Mindestlohn betroffen sind, läuft es in Sachen Beschäftigung sogar besser als in weniger betroffenen. Deshalb wäre es von der SPD nicht besonders geschickt, den Mindestlohn in Frage zu stellen.

Sie gelten ja als nachfrageorientierter Ökonom, Ihre Kollegen im Sachverständigenrat, die die Ausnahmen für die Flüchtlinge befürworten, als angebotsorientiert. Woher kommen diese unterschiedlichen Sichtweisen überhaupt?

Die Unterscheidung zwischen angebots- und nachfrageorientiert spielt keine so große Rolle, wie allgemein angenommen wird. Stattdessen dreht sich die wahre Trennungslinie um die Frage, ob unsere Lebensverhältnisse stärker vom Markt oder stärker vom Staat geprägt werden sollen.

Wie meinen Sie das?

In der aktuellen europäischen Debatte über die Staatsschuldenkrise sind meine Kollegen zum Beispiel der Meinung, dass Staaten stärker von den Märkten diszipliniert werden müssten. So würden sich die Staaten zu wenig beim Sparen anstrengen, weil die Zinsen unter anderem wegen des Eingreifens der Europäischen Zentralbank zu niedrig seien.

Sie teilen diese Auffassung nicht?

Die Märkte haben sich für diese Disziplinierungsaufgabe in den letzten Jahren nicht besonders qualifiziert. Vielleicht sollte man deshalb eher die Staaten besser vor den Märkten schützen, als diesen mehr Macht zu geben.

Also besteht die Differenz nicht nur in der reinen Theorie, sondern ist auch eine politische Frage?

Es ist vor allem eine Frage der Abschätzung. Denn die Ökonomie ist keine Naturwissenschaft, bei der man genau sagen kann, wie bestimmte Dinge funktionieren. So kann man nicht mit wissenschaftlicher Stringenz vorhersehen, welche Auswirkungen bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen haben. Bei solchen Einschätzungen stützen wir Ökonomen uns dann wieder auf unsere Grundpositionen.

War eine solche Sache, die man nicht vorhersehen konnte, auch die Finanzkrise von 2007 und 2008?

Das war weniger eine Frage der Ideologie, als vielmehr ein blinder Fleck. Die Ökonomen wussten einfach zu wenig über die Eigendynamik der Finanzmärkte. Und zum Teil ist dies auch heute noch so. In den einfachen ökonomischen Modellen werden die Finanzmärkte so dargestellt, als ob es das zirkulierende Geld gar nicht gäbe. Und das hat die Forscher vor acht Jahren kalt erwischt.

Sie auch?

Auch ich habe im Juni 2007, das muss ich ehrlicherweise sagen, keine flammenden Artikel geschrieben, die vor der Finanzkrise gewarnt hätten. Und in der ersten Auflage meines Lehrbuches kommt das Finanzsystem gar nicht vor. Insofern hat die Stärke der Krise auch mich völlig überrascht.

Warum spielt die Bankenwelt keine Rolle in der Volkswirtschaftslehre?

Die sogenannte Neoklassik, die noch immer vorherrschende Schule in der Ökonomie, ist im Kern eine güterwirtschaftliche Theorie. In ihr werden Probleme so behandelt, als ob lediglich Äpfel mit Birnen getauscht werden. Die Dynamik, die ein modernes Bankensystem entwickelt, passt da gar nicht rein.

Es gibt also kein Geld in der klassischen Ökonomie?

In dieser Theorie setzt sich das Geld nur wie ein Schleier auf die Realwirtschaft. Da heißt es dann lediglich, dass, wenn die Geldmenge steigt, auch die Preise steigen. Dabei steigt die Geldmenge im Endeffekt nur, wenn die Banken mehr Kredite vergeben und so den realwirtschaftlichen Prozess extrem stimulieren. Und irgendwann fallen so entstandene Blasen wieder wie ein Soufflé zusammen.

Die Finanzkrise hat in der volkswirtschaftlichen Theorie also nichts bewirkt?

Die Krise hat nur sehr wenig in der Theorie geändert. Die Geldschöpfungspotenziale kommen in den Lehrbüchern nicht vor, und das Finanzsystem wird da noch sehr archaisch beschrieben. In diesen Büchern steht etwa, dass die Ersparnisse vom Sparer zum Investor fließen, und dann ist Schluss. Dabei ist das Geld nicht verschwunden, wenn jemand etwa von einem Kredit eine Immobilie kauft, sondern zirkuliert im Finanzsystem wie das Blut im menschlichen Kreislauf weiter.

Und wie ist es mit den Studenten, die Sie an der Uni Würzburg unterrichten?

Sie beurteilen meine Vorlesungen ziemlich gut, jedoch würde ich mir von ihnen manchmal mehr Kritik wünschen.

Da kommt zu wenig Feedback?

Auf Grund der Umstellung zum Bachelorstudium habe ich Einführungsveranstaltungen mit 700 Studenten. In etwas fortgeschritteneren Vorlesungen sind es 200. Auch wenn ich während solcher Vorlesungen mittlerweile über ein iPad mit meinen Studenten chatten kann, fördern solche Großveranstaltungen nicht gerade die Diskussionskultur. Und kritischer gegenüber dem Mainstream sind die Studenten seit der Krise ehrlich gesagt auch nicht geworden.

Woran liegt das?

Diese Frage stelle ich mir manchmal auch. Die Einführung des Bachelorstudiums war sicherlich kein Beitrag zum kritischen Denken. Die Studenten werden dabei nur auf Effizienz getrimmt. Sie müssen von Anfang an möglichst schnell durchkommen und wahnsinnig viele Klausuren schreiben. Da ist es vielleicht am besten, wenn man die Scheuklappen anlegt und sein Studium durchzieht.

Also sehen Sie schwarz, was das kritische Denken in der Ökonomie angeht?

So negativ bin ich nicht.

Denken Sie dann, dass Sie es im Sachverständigenrat miterleben werden, mal nicht in der Minderheitenposition zu sein?

Eigentlich habe ich jetzt nur noch drei Jahre in dem Gremium, weil mein Mandat schon zweimal verlängert wurde, und es eine weitere Amtszeit bestimmt nicht geben wird. Insofern ist es wiederum absehbar, dass sich in meiner verbleibenden Zeit bei den Wirtschaftsweisen nichts Fundamentales ändern wird.

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